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24.9.2007 | Von:
Helmut Kury

Mehr Sicherheit durch mehr Strafe?

Methodenprobleme

Probleme der Definition und klaren Abgrenzung von Punitivität wirken sich auch auf die empirische Forschung aus. Die Datenerhebung erfolgt in aller Regel mit selbst entwickelten, mehr oder weniger validierten Erhebungsinstrumenten. Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass die Ergebnisse von Umfragen, z.B. zur Verbrechensfurcht, erheblich vom methodischen Vorgehen abhängig sind und dass die Annahme begründet ist, dass die erfassten Ausprägungen teilweise erheblich überschätzt werden.[19] So konnte in mehreren Untersuchungen nachgewiesen werden, dass die in der Bevölkerung gemessenen Sanktionseinstellungen erheblich vom Informationsstand der Befragten über einen Strafrechtsfall abhängen: Je mehr Informationen sie hatten, umso milder wurden sie in ihren Sanktionsvorschlägen und näherten sich dabei interessanterweise den tatsächlich gefällten Urteilen mehr und mehr an.[20]

In einer Methodenstudie zur Erfassung von Sanktionseinstellungen wurde geprüft, inwieweit die gefundenen Resultate vom methodischen Vorgehen abhängen bzw. wie genau eine Messung der Punitivität in der Bevölkerung mit den üblichen quantitativen Erhebungsinstrumenten (Fragebogen) möglich ist.[21] Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Abhängigkeit der Resultate vom methodischen Vorgehen. Im Gegensatz zur pauschalen schriftlichen Abfrage zeigte sich in dendifferenzierteren mündlichen Interviews deutlich weniger Punitivität. Standardisierte Fragebögen führen offensichtlich vor allem in dem Bereich, in dem die Bürger wenig konkrete Vorstellungen haben, zu überhöhten Werten. Das trifft vielfach für das Phänomen "Kriminalität" zu. Zur Verbrechensfurcht bzw. Punitivität haben die Bürger oft keine konkreten Einstellungen (non-attitudes). Werden sie trotzdem mittels standardisierter Erhebungsinstrumente danach gefragt, schließen sie sich leicht der vermuteten Mehrheit an, kreuzen somit etwa an, dass sie "Angst" hätten, zum Opfer einer Straftat zu werden, oder dass sie für harte Strafen einträten.

Fußnoten

19.
Vgl. Frauke Kreuter, Kriminalitätsfurcht. Messung und methodische Probleme, Opladen 2002; Helmut Kury/Andrea Lichtblau/André Neumaier, Was messen wir, wenn wir Kriminalitätsfurcht messen?, in: Kriminalistik, 7 (2004), S. 457 - 465; Helmut Kury/Andrea Lichtblau/André Neumaier/Joachim Obergfell-Fuchs, Zur Validität der Erfassung von Kriminalitätsfurcht, in: Soziale Probleme, 15 (2004), S. 141 - 165; Emily Gray/Jonathan Jackson/Stephen Farrall, Researching Everyday Emotions: Towards a Muilti-disciplinary Investigation of the Fear of Crime, in: H. Kury (Anm. 10).
20.
Vgl. Anthony Doob/Julian Roberts, Public punitiveness and public knowledge of the facts: Some Canadian surveys, in: Nigel Walker/Mike Hough (Eds.), Public attitudes to sentencing: Surveys from five countries, Aldershot 1988, S. 175 - 189.
21.
Vgl. Helmut Kury/Julia Bergmann/Joachim Obergfell-Fuchs/Ellen Schill, Zur Abhängigkeit der Messung von Sanktionseinstellungen vom methodischen Vorgehen, Freiburg (unveröff. Ms.) 2007.