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14.9.2007 | Von:
Matin Baraki

Nation-building in Afghanistan

Der 11. September und die Folgen

Der 11. September 2001 lieferte den Anlass für den Krieg gegen Afghanistan, obwohl dieser schon lange vorher geplant war. Bereits im Juni 2001 hatte die Bush-Administration ihren regionalen Verbündeten Pakistan über solche Pläne informiert, wie der ehemalige Außenminister Pakistans Naiz Naik bestätigt hat.[8] Ende September 2006 erklärte auch der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, einen Krieg gegen Afghanistan geplant zu haben.[9] Sowohl der Afghanistan-Krieg als auch der gegen den Irak waren Bestandteil der als "Greater Middle East Initiative" bezeichneten Strategie der Neokonservativen in den USA.

Unter dem formalen Dach der UNO wurde Afghanistan zu einem Protektorat der internationalen Gemeinschaft degradiert. Seit Beginn der 1990er Jahre wird die "Treuhandschaft" und das "liberale Protektorat", das auch als "liberaler Imperialismus" bezeichnet wird, als eine Chance zu "nation building" und zur Demokratisierung von außen thematisiert. Die "failing states" sollen für geraume Zeit unter internationale Verwaltung gestellt werden, und es wird einem "neuen Interventionismus" der westlichen Mächte mit "robustem" militärischem Mandat das Wort geredet.[10] In Afghanistan wurde diese "Theorie" umgesetzt, der Konflikt im Lande hat sich jedoch dadurch nur noch verschärft. Da die internationale Gemeinschaft unter US-Führung steht, ist sie selbst voreingenommen und Partei. Sie kann die Probleme Afghanistans nicht lösen - im Gegenteil, sie ist Teil des Problems geworden.

Weil Protektorate faktisch einen kolonialähnlichen Status haben, können im günstigsten Fall Probleme nur verschoben, im ungünstigsten Fall verschlimmert werden. Zu einer echten Lösung kommt es, wie in Afghanistan ersichtlich, nicht. Gerade durch den Status als Protektorat ist die Wirtschaft Afghanistans zerstört worden. "99 Prozent der Waren im Land würden importiert",[11] gab der Kabuler Wirtschaftsminister Amin Farhang zu Protokoll. Dadurch wird der einheimischen Wirtschaft jegliche Entwicklungschance genommen. Der florierendste Wirtschaftszweig ist der Drogenhandel. Afghanistan ist längst zu einem "Drogenmafia-Staat"[12] geworden, wie der erste afghanische Finanzminister und US-Bürger Ashraf Ghani festgestellt hat. Kabir Mersban, Senator aus der nordafghanischen Provinz Tachar und ehemaliger Gouverneur der Provinz, beschuldigt öffentlich den ehemaligen Kommandanten der Garnison für Tachar und Kundus und jetzigen Staatssekretär für Rauschgiftbekämpfung im Kabuler Innenministerium General Mohammad Daud der Beihilfe zum Drogenhandel. Mersban berichtet, dass ein Bruder des Staatssekretärs unter seinem Schutz Mohnanbau und Drogenhandel betreibe.

Drogen und Korruption haben wie ein Krebsgeschwür den Staatsapparat so weit erfasst, dass sie zum größten Hindernis beim Nation-building geworden sind. Aber auch die Taliban und Al Qaida finanzieren sich durch den Drogenhandel, da sie etwa 35 Prozent des Landes im Süden und Osten, wo im großen Stil Mohnanbau betrieben wird, kontrollieren. Erst seit 2001 werden in allen 32 Provinzen des Landes Drogen angebaut. Die Drogenbarone nutzen den "Wirtschaftsboom" zur Geldwäsche. Sie investieren nur im Luxussegment wie in Hotels, Häuser und Lebensmittel für den Bedarf zahlungskräftiger Ausländer. Ein Wiederaufbau für breite Schichten der Bevölkerung findet kaum statt. Die Arbeitslosigkeit beträgt ca. 70 Prozent, mancherorts, vor allem im Osten und Süden sogar 90 Prozent. Dort sympathisieren bis zu 80 Prozent der Bevölkerung mit den Taliban.[13] Den Afghanen wurden vor fünf Jahren "blühende Landschaften" versprochen. Dorfbewohner im Süden des Landes kommentierten verbittert: "Wir haben gesehen, dass ihr eine Menge Lügen erzählt und falsche Versprechungen macht."[14] Schon im September 2006 konstatierte "Senlis Council", ein internationaler Think Tank: "Die Taliban haben die Kontrolle über die südliche Hälfte Afghanistans wiedererlangt."[15] Das von der UN in Millionenhöhe unterstützte Rückkehrprogramm für afghanische Flüchtlinge muss deswegen scheitern, weil sie weder Arbeit noch Unterkunft finden. Es gibt zwei Möglichkeiten, die Immigranten in Afghanistan zu reintegrieren: Zum einen sollten die Aufnahmeländer ihnen ihre Sozialhilfe für ein Jahr weiter zahlen, bis sie sich in Afghanistan eine Existenzgrundlage geschaffen haben. Zum anderen sollte die internationale Gemeinschaft diesen Personenkreis bevorzugt in ihren Projekten beschäftigen. Ein weiteres Problem stellt die fehlende Sicherheit dar. Viele von ihnen werden überfallen, sogar von Polizisten, weil man bei ihnen Geld vermutet.

Fußnoten

8.
Vgl. Dorothea Hahn, Vergebliche Suche nach der "goldenen Brücke", in: die tageszeitung (taz) vom 3./4. 11. 2001. Nach dem 11. September hat der Stellvertreter des damaligen US-Außenministers Colin Powell, Richard Armitage, dem pakistanischen Geheimdienstchef gedroht, sein Land "in die Steinzeit zurückzubomben", sollte die Regierung in Islamabad nicht mit den USA zusammenarbeiten. Vgl. Matthias Rüb, Karzai und Musharraf streiten weiter, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 28. 9. 2006, S. 9.
9.
Vgl. Hans Leyendecker, Ich habe es versucht, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 25. 9. 2006, S. 2; Uwe Schmitt, Bush veröffentlicht Teile des Geheimberichtes über Terror, in: Die Welt vom 28. 9. 2006, S. 7.
10.
Diese "Theorie" wird beispielsweise von den Professoren Ulrich Menzel von der TU Braunschweig und Franz Nuscheler von der Universität Duisburg vertreten.
11.
Erste Milliardenprojekte für Afghanistan, in: Handelsblatt vom 31. 3. 2004, S. 6.
12.
Vgl. NZZ online vom 14. 6. 2003.
13.
Vgl. Christine Möllhoff, Westen hat in Afghanistan versagt, in: FR vom 14. 9. 2006, S. 6.
14.
Ebd.
15.
Ebd.