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14.9.2007 | Von:
Matin Baraki

Nation-building in Afghanistan

Die "Irakisierung" Afghanistans

Die im Rahmen der Demobilisierung von 50 000 freigesetzten Kämpfer der Warlords mehren nicht nur zusätzlich das Heer der Arbeitslosen, sondern sie sind zu einem destabilisierenden Faktor der Kriminalität und der Unruhe geworden. Da sie keine bezahlte Beschäftigung finden können, gehen sie entweder zurück zu ihrem Warlord oder schließen sich den Taliban bzw. Al Qaida, den Drogenhändlern oder den kriminellen Banden an. Die Sicherheitslage ist so schlecht wie seit dem Sturz des Taliban-Regimes nicht mehr. Schon Ende Mai 2006 konnten die Taliban sogar gut ausgerüstete Polizei-Einheiten in die Flucht schlagen.[16] Afghanistan ist auf dem Wege, sich zu irakisieren. Selbstmordattentate und Angriffe nehmen zu. Im Jahre 2006 sprengten sich 160 Attentäter in die Luft.[17] Aus einem Bericht des US-Außenministeriums geht hervor, dass 2005 etwa 15 000 und 2006 knapp 20 500 Menschen getötet wurden. 2006 wurden 749 Anschläge registriert, das ist eine Steigerung um 50 Prozent im Vergleich zu 2005.[18] Die Leiterin des Kabuler Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ursula Koch-Laugwitz, stellt fest, dass die "Flächenbombardements in der Regel von der OEF durchgeführt" werden, "doch hat es auch bei ISAF-Einsätzen zivile Opfer gegeben".[19] Allein "in den vergangenen drei Monaten soll die ISAF versehentlich mehr Zivilisten als Taliban getötet haben".[20] Je größer die Zahl der zivilen Opfer ist, desto stärker gerät Karsai unter Druck. Er sah sich veranlasst, offen die NATO zu kritisieren, und er weinte bei einer Pressekonferenz in Kabul vor laufenden Kameras. "Unser unschuldiges Volk wird zum Opfer der sorglosen Operationen der NATO und der internationalen Militärs."[21] Hinter verschlossen Türen wird bereits über Karsais Ablösung nachgedacht. Seine Gegner verbünden sich schon. In Kabul hat sich eine "Nationale Front" aus Islamisten wie dem ehemaligen Präsidenten Rabani, dem amtierenden ersten Stellvertreter von Karsai Ahmad Zia Masud, den ehemaligen "kommunistischen" Generälen Sayed Ahmad Gulabzoi und Nurul Haq Ulumi sowie dem Monarchisten Prinz Mutafa Zahir als Gegenpol zu Karsai gebildet.[22]

Fußnoten

16.
Vgl. Spiegel online vom 31. 5. 2006.
17.
Vgl. Die Irakisierung Afghanistans, in: SZ vom 20. 7. 2007, S. 4.
18.
Vgl. 2006 deutlich mehr Terroranschläge, in: FAZ vom 2. 5. 2007, S. 2.
19.
Mehr Einfluss für Europa am Hindukusch, in: taz vom 29. 6. 2007, S. 12.
20.
Majid Sattar, Die Irakisierung Afghanistans, in: FAZ vom 14. 7. 2007, S. 10.
21.
Verbatim, in: Time vom 9. 7. 2007, S. 12.
22.
Vgl. Christian Neef, Das goldene Ei, in: Der Spiegel vom 14. 5. 2007, S. 116 - 119.