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14.9.2007 | Von:
Matin Baraki

Nation-building in Afghanistan

Hemmende Faktoren des Nation-building

Währenddessen geht es der Bevölkerung immer schlechter. Selbst in Kabul funktionieren weder Wasser- noch Stromversorgung. Nur in den Stadtteilen, in denen die Regierung und die internationalen Organisationen residieren, ist eine Versorgung gewährleistet. Wegen der katastrophalen sanitären Verhältnisse kommt es in den heißen Sommermonaten wiederholt zu Cholera-Epidemien. Nach den Angaben von Unicef für 2007 gibt es in Afghanistan 1,6 Millionen Waisenkinder, um die sich kaum jemand kümmert. Hinzu kommen noch ca. 55 000 Witwen allein in Kabul, die sich zum größten Teil durch Prostitution ernähren. Die Mietpreise in der Stadt sind unerschwinglich geworden, selbst für die Menschen, die Arbeit haben. Ein Professor verdient im Monat ca. 300 US-Dollar. Allein die Miete eines Zimmers in Kabul verschlingt sein ganzes Monatsgehalt. Kann der Hochschullehrer Englisch bzw. Autofahren, hat er eine Möglichkeit, etwas dazuzuverdienen, etwa als Übersetzer, Türsteher oder Bodyguard bei den internationalen Organisationen oder als Taxifahrer. Es gibt zahlreiche Fachkräfte wie Dozenten, Lehrer, Ingenieure sowie Staatsbeschäftigte und Bankangestellte, die von ihrem Gehalt nicht leben können, sie müssen sich bei den "Non Governmental Organizations" (NGOs) oder bei den ausländischen Militärs verdingen. Dies hat zur Folge, dass Afghanistan seiner Elite beraubt wird, mit allen negativen Konsequenzen für die Entwicklung und den Wiederaufbau des Landes.

"Keine Institution in Afghanistan gilt als so korrupt wie die Justiz."[23] Richter und Staatsanwälte verdienen im Monat zwischen 35 und 60 US-Dollar. Damit können sie ihre Familien nicht ernähren, und von Unabhängigkeit kann keine Rede sein. Nur 60 Prozent der Richter haben eine juristische Ausbildung, davon kennt die Mehrzahl nur die Scharia (Islamisches Recht). Mehr als ein Drittel von ihnen hat nie studiert, während etwa 30 Prozent der Staatsanwälte ein Rechtsstudium absolviert haben. Es handelt sich also größtenteils um Laien.

Fußnoten

23.
Jochen-Martin Gutsch, Der Missionar des Westens, in: Der Spiegel vom 9. 7. 2007, S. 62.