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14.9.2007 | Von:
Matin Baraki

Nation-building in Afghanistan

Nachhaltige Wirtschaftspolitik

Ein nachhaltiger Wiederaufbau, der vor allem ein "Krieg gegen den Hunger" zu sein hätte, wie es "Senlis Council" formuliert, einer, der allen Afghanen zugute kommt, muss oberste Priorität haben. Die Milliarden US-Dollar, auf diversen internationalen Geberkonferenzen dem Land versprochen und auf einem Sonderkonto bei der Weltbank geparkt, fließen über die 2 500 in Kabul stationierten und mit allen Vollmachten ausgestatteten NGOs, die "oft gegeneinander statt miteinander" arbeiten, in die Geberländer zurück[34]. Diese NGOs fungieren faktisch als Ersatzregierung und zerstören die afghanische Wirtschaft noch weiter. Einheimische Unternehmen erhalten von ihnen kaum Aufträge. Der ehemalige Wiederaufbauminister Farhang musste feststellen, dass die NGOs ihn über geplante Vorhaben überhaupt nicht informieren, geschweige denn konsultieren. "Ich habe keine Ahnung, was die machen."[35] Der zum Planungsminister ernannte Franco-Afghane Ramazan Bachardoust wurde, als er die Machenschaften der NGOs, die er "als die neue Al Qaida in Afghanistan bezeichnet",[36] aufdecken wollte, von Karsai entlassen.

Afghanistans ökonomische Perspektive liegt in der Abkoppelung von kolonialähnlichen wirtschaftlichen Strukturen und der stärkeren Hinwendung zu einer regionalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den industriell entwickelteren Nachbarn Indien, China, Iran und Pakistan sowie in einer Süd-Süd-Kooperation. Neue Ansätze gibt es seit 2003, als das IBSA-Forum mit Indien, Brasilien und Südafrika gegründet wurde. In der dritten Juliwoche trafen sich ihre Außenminister in Neu-Delhi und konkretisierten ihre Ziele, wobei u.a. die Einbeziehung der ärmeren Länder in gemeinsame Projekte vereinbart wurde. Es gibt bereits erfolgreich durchgeführte Vorhaben z.B. in Haiti und Guinea-Bissau.

Als US-Protektorat hat Afghanistan weder politische noch ökonomische Perspektiven, geschweige denn eine friedliche Zukunft. Außerdem: Die von den USA favorisierte "militärische Lösung" kann es nicht geben. In jedem Fall wäre sie nur ein gigantischer "Ressourcenschlucker". Seit 2002 wurden in Afghanistan 82,5 Milliarden US-Dollar für den Krieg ausgegeben, jedoch nur 7,3 Milliarden für den Wiederaufbau. Experten der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) geben die Kriegskosten mit über 100 Milliarden US-Dollar an. Die Pro-Kopf-Ausgaben für die 40 000, darunter 3 200 deutsche, in Afghanistan stationierten ausländischen Soldaten betragen täglich 4 000 US-Dollar.[37]

Fußnoten

34.
Karen Fischer, Afghanistan kommt nicht zur Ruhe, in: Hintergrund Politik, Deutschlandfunk vom 26. 6. 2006, 18:40 Uhr.
35.
Astrid Wirtz, Straßen in Kabul wieder kaputt, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 25. 6. 2003, S. 5.
36.
Nikolas Busse, Böse Blicke, in: FAZ vom 4. 6. 2005, S. 3.
37.
Vgl. Klaus J. Lampe, Brot statt Opium, in: FAZ vom 4. 4. 2007, S. 8.