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14.9.2007 | Von:
Joachim Betz

Hintergründe des anhaltenden indisch-pakistanischen Dialogs

Indiens Dominanz in der Region

Um die Sicherheitslage in Südasien zu verstehen, muss man sich zunächst das wirtschaftliche, geographische und bevölkerungspolitische Gewicht Indiens in der Subregion vor Augen führen. Das Land kommt für jeweils etwa drei Viertel der Landfläche, der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft Südasiens auf. Es verwundert nicht, dass daraus Dominanzängste der Nachbarn erwachsen, zumal angesichts der lange Zeit paternalistischen Großmachtattitüde Indiens in der Region und der versuchten bzw. tatsächlichen Bevormundung, der sich die kleineren Staaten kaum entziehen konnten und die sich in ihren den Spielraum vermindernden Freundschafts- und Beistandspakten niederschlugen (mit Bhutan, Nepal, Bangladesh, nach Intensivierung des dortigen Bürgerkrieges auch mit Sri Lanka). Dazu kamen indische Militärinterventionen in Sri Lanka und auf den Malediven, einseitige Maßnahmen, welche die Entwicklungsmöglichkeiten der Nachbarn beschnitten (etwa der Bau des Farakka-Staudamms, der die Landwirtschaft in Bangladesh trocken legte), sowie ausgeprägte Erpressungsversuche bei allzu deutlichen Selbstständigkeitsbestrebungen der kleineren Nachbarn, wie etwa die Aufkündigung des Transitabkommens mit Nepal 1989.[2]

Diese unilaterale Dominanz Indiens war nicht mit einem regionalen Projekt verbunden, das dem Hegemon größere Lasten bzw. Konzessionen oder gar Machtteilung (etwa bei der Bildung einer regionalen Gemeinschaft) abverlangt und damit den Nachbarn den Anreiz genommen hätte, die Macht Indiens durch Verbindung mit raumfremden Mächten auszubalancieren. Dies wurde überdies auch durch die unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklung auf dem Subkontinent verhindert. Außer Sri Lanka und Indien durchliefen alle anderen Staaten längere autoritäre Phasen. Indien verstand sich von Beginn an als säkularer Staat, wohingegen Pakistan versuchte, den Islam zum Bindeglied seines 1947 in einen Ost- und Westteil gespaltenen Staates zu machen. Bangladesh ist seit 1975 offiziell ein islamischer Staat, und in Sri Lanka wurde der Buddhismus 1972 zur Staatsreligion erhoben. Indien unterhielt enge Beziehungen zur Sowjetunion und engagierte sich wie Sri Lanka bei den Blockfreien. Pakistan dagegen trat denwestlichen Verteidigungsbündnissen CENTO und SEATO bei. Indien setzte bis Anfang der 1990er Jahre auf ein System der gemischten Wirtschaft. Pakistan bemühte sich um eine stärkere marktwirtschaftliche Orientierung, auf die auch Sri Lanka 1977 umstellte. Als Resultat zerfielen die unter britischer Herrschaft eingerichteten gemeinsamen Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen, und der intraregionale Handel ging auf Bruchteile seines früheren Anteils zurück.

Initiativen zur Bildung einer regionalen Gemeinschaft (SAARC, South Asian Association for Regional Cooperation) kamen angesichts dieser Probleme erst 1980 in Gang, sie gingen bezeichnenderweise auch nicht von Indien, sondern von Bangladesh aus. Die indische Regierung sah die Initiative zunächst als Versuch der Nachbarn, Indien kollektiv unter Druck zu setzen, Pakistan fürchtete sich dagegen vor einer Überschwemmung seines Marktes durch indische Waren. Konsequenterweise wurden daher zunächst eine Kooperation in eher technischen, unpolitischen Sektoren und regelmäßige Gipfeltreffen vereinbart. Auf einen massiven Unterbau der Gemeinschaft wurde bewusst verzichtet. Erst im Mai 1993 wurde ein Handelspräferenzabkommen abgeschlossen, das einen bescheidenen Anfang mit der andernorts schneller voranschreitenden Verringerung der intraregionalen Zölle brachte.

Pakistan als zweitgrößter Staat der Subregion konnte sich den Umarmungsversuchen Indiens am ehesten entziehen. Entsprechend konfliktgeladen war das beiderseitige Verhältnis. Es nahm seinen Ausgang mit den sich verschlechternden Beziehungen zwischen Hindus und Moslems zum Ausgang der Kolonialzeit, die zur Teilung Britisch-Indiens in zwei Staaten mit unterschiedlicher Legitimationsbasis führte. Indien musste schon aus Gründen der Selbsterhaltung (immerhin verblieb eine beachtliche moslemische Minderheit in der Union) und der erheblichen ethnischen, sprachlichen und religiösen Zerklüftung des Landes eine säkulare, gesellschaftlich plurale Staatsideologie vertreten. Die politische Elite Pakistans propagierte dagegen die so genannte Zwei-Nationen-Theorie, derzufolge die Moslems aufgrund ihrer kulturellen Besonderheiten eine eigene Nation darstellten. Im Widerspruch zu dieser Theorie verblieben aber der größte Teil Kaschmirs und eine beachtliche moslemische Minderheit bei Indien.

Der indisch-pakistanische Konflikt war stets auch machtpolitischer Natur. Die pakistanische Führung vermochte es nie, sich mit indischen Hegemonialansprüchen in Bezug auf die Region abzufinden, die sie bestenfalls zum Juniorpartner in einer vom Nachbarn dominierten Sicherheitszone gemacht hätte. Sie war daher bestrebt, die eigene Unterlegenheit durch Anlehnung an auswärtige Mächte (zunächst an die USA, später auch an China) zu kompensieren. Dies ist ihr begrenzt gelungen mit dem für die indische Regierung betrüblichen und v. a. den USA angekreideten Ergebnis, Indien durch künstliche Stärkung des Nachbarn in der Region zu binden und seine Großmachtambitionen zu schwächen.[3]

Eine tragfähige Sicherheitspartnerschaft konnte sich auf dem Subkontinent so nicht entwickeln: Die indische Seite sah in pakistanischen Angeboten zur gegenseitigen Inspektion der Nuklearanlagen, zu Vereinbarungen über die beiderseitigen Truppenstärken und zur Einrichtung einer kernwaffenfreien Zone Südasien nur untaugliche Versuche, beide Länder gleichzusetzen und die regionübergreifenden und weltpolitischen Interessen Indiens zu ignorieren; umgekehrt sah Pakistan in indischen Vorschlägen zur Einrichtung einer Friedenszone Indischer Ozean oder zum Abschluss eines Friedens- und Freundschaftsvertrages (der Militärstützpunkte raumfremder Mächte untersagt hätte) nur das Bestreben der indischen Seite, Pakistan ausländischer Unterstützung zu berauben und umso sicherer zu beherrschen.

Beide Seiten haben sich einen jahrzehntelangen konventionellen und später nuklearen Rüstungswettlauf geliefert. Pakistan bewaffnete sich im Wesentlichen über Rüstungsimporte, Indien setzte von Beginn an auf Selbstversorgung aus eigenen Rüstungsunternehmen, ergänzt durch Lizenzproduktionen und Importe technologieintensiven Geräts. Entsprechend der größeren Wirtschaftskraft musste die indische Seite stets relativ weniger aufwenden, um dennoch eine massive (quantitative und qualitative) militärische Überlegenheit über Pakistan zu erlangen. Experten beziffern das Verhältnis auf 3 : 1 bzw. gar 5 : 1.[4] Ähnliches gilt für den nuklearen Wettlauf. Beide Staaten haben den Nichtweiterverbreitungsvertrag nicht unterzeichnet und ein Kernenergieprogramm vorangetrieben, das in Indien zur sukzessiven Ausschaltung internationaler Kontrollen (durch Eigenentwicklung) führte und dem bei beiden eine glaubwürdige zivile Begründung fehlte. Indien schritt auf nuklearem Gebiet eindeutig schneller voran, verfügt über alle Einrichtungen des Brennstoffkreislaufes (also auch über Wiederaufbereitungsanlagen und seinen Schnellen Brüter) und zurzeit 16 Atommeiler. Pakistan hat sein kleineres Programm v. a. durch Industriespionage und verdeckte Käufe kritischer Komponenten im Ausland, später auch durch Assistenz der Volksrepublik China vorangetrieben. Beide Seiten erklärten häufiger ihre Bereitschaft, im Notfall Atomwaffen gegeneinander einzusetzen, und sie haben sich dem Druck der USA (früher auch der UdSSR) zur Begrenzung ihrer nuklearen Ambitionen widersetzt.

Fußnoten

2.
Vgl. Chr. Wagner, Die "verhinderte Großmacht"? Die Außenpolitik der Indischen Union, 1947 - 1998, Baden-Baden 2005.
3.
Vgl. B. R. Naya/T.V. Paul, India in the World Order. Searching for Major-Power Status, Cambridge 2003.
4.
Vgl. S. Ganguly/D. T. Hagerty, Fearful Symmetry. India-Pakistan Crises in the Shadow of Nuclear Weapons, Seattle 2005.