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9.8.2007 | Von:
Ruth Stock-Homburg
Eva-Maria Bauer

Work-Life-Balance im Topmanagement

Die Darmstädter Work-Life-Balance Studie

In der Darmstädter Work-Life-Balance Studie wurden 37 Topmanager und 5 Topmanagerinnen deutscher Unternehmen persönlich interviewt. Die befragten Manager sind insbesondere in den Branchen Kraftfahrzeug- und Industrietechnik, Telekommunikation, Chemie- und Pharmaindustrie, Bauwesen sowie Beratung tätig. Ihre Berufserfahrung beträgt durchschnittlich 16,5 Jahre. Ein Großteil der Manager und Managerinnen haben neben ihrem beruflichen auch ein ausgeprägtes familiäres Leben: 93 Prozent der Befragten sind verheiratet oder leben in fester Partnerschaft, 90,7 Prozent haben ein bis vier Kinder (zwei im Durchschnitt). Somit spielt die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für den Großteil der befragten Topmanager eine große Rolle.

Beeinträchtigende Faktoren der Work-Life-Balance: Ein Schwerpunkt der Studie lag darin, Faktoren zu identifizieren, die Topmanagern das Praktizieren einer zufriedenstellenden Work-Life-Balance erschweren. Die Befragten nannten hier die in Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) dargestellten Stressfaktoren.[3]

Der meist genannte Stressfaktor im Leben der befragten Topmanager ist die Notwendigkeit einer ständigen elektronischen Erreichbarkeit. Im Zuge der technologischen Entwicklung ist eine Kontaktaufnahme per Telefon oder Email unabhängig vom aktuellen Aufenthaltsort möglich. So berichtet ein Manager: "Es gibt heutzutage keine Wochenenden und auch keineUrlaube mehr. Man ist eigentlich überall und jederzeit für die Firma verfügbar." Ein anderer sagt: "Als Vorsitzender eines Vorstandes haben Sie immer das Problem, dass Sie die letztliche Verantwortung tragen und Sie können sich von den Dingen nie abkapseln."

Dauerhafte Erreichbarkeit bringt den Vorteil mit sich, dass Manager über aktuelle Entwicklungen im Unternehmen bzw. dessen Umfeld informiert sind und bei Bedarf kurzfristig intervenieren können. Grenzenlose Erreichbarkeit hat jedoch auch Schattenseiten: Sie provoziert geradezu die Erwartungshaltung des Unternehmens, jederzeit auf den Manager zurückgreifen zu können. Ein systematisches (Rück-)Delegieren schwieriger Entscheidungen an das Topmanagement ist damit nahezu vorprogrammiert.

Da es nur wenigen Topmanagern gelingt, den Einsatz elektronischer Geräte in der Freizeit zu dosieren, gehen Beruf und Privatleben vielfach nahtlos ineinander über. Dies verhindert das zeitweilige Ausblenden beruflicher Themen. Dieses "mentale Abschalten" fällt insbesondere dann schwer, wenn Manager auch in ihrem Privatleben mit beruflichen Anfragen konfrontiert werden. Zudem geben die Befragten an, dass Unterbrechungen privater Aktivitäten aufgrund beruflicher Anfragen von der Familie als störend und belastend empfunden werden.

An zweiter Stelle der Stressfaktoren stehen die zeitliche Ausdehnung der Arbeit und die Menge der zu bearbeitenden Themen. Aufgrund der vielen zu erledigenden Aufgaben ist eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von zwölf bis vierzehn Stunden für Topmanager üblich. Ein Großteil der Manager hält es zudem häufig für erforderlich, am Abend und am Wochenende zu arbeiten. Einer der Befragten stellt fest: "Sie haben eine Fülle von Themen, die im normalen Tageskalender keinen Platz finden. Deswegen müssen diese in die Randzeiten gezogen werden und das bringt eine hohe Arbeitsbelastung mit sich."

Selbst den Urlaub halten sich einige Manager nicht von beruflichen Themen frei. Dies geschieht zum Teil aus Interesse an der Aufgabe. Eine wesentliche Rolle spielt jedoch auch die Angst, etwas zu verpassen oder von den Kollegen nicht im Sinne der eigenen Ziele und Meinungen vertreten zu werden. Im Kern fällt es Managern also schwer, "loszulassen".

Ein weiterer Faktor, der in den vergangenen Jahren die Anforderungen an das Topmanagement erhöht hat, ist die wachsende Internationalität der Geschäftstätigkeit von Unternehmen. Hiermit sind häufige Dienstreisen und mehrtägige Trennungen von der Familie verbunden. Darüber hinaus kann die intensive Reisetätigkeit mit zahlreichen Langstreckenflügen in verschiedene Zeit- und Klimazonen auch rein physisch sehr belastend sein. Hinzu kommt, dass eine Managementkarriere vielfach ein mehrjähriges Arbeiten im Ausland voraussetzt, was wiederum häufige Umzüge der ganzen Familie erfordert. So glaubt einer der befragten Manager, "[...] dass die Kinder gelitten haben durch die vielen Schulwechsel, da sie sich kein eigenes Netzwerk aufbauen konnten."

Die befragten Topmanager berichten zudem von steigendem Druck innerhalb des Unternehmens. Sie fühlen sich vor allem durch steigenden Kosten- und Rationalisierungsdruck in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Personen an der Unternehmensspitze tragen hierbei eine enorme Verantwortung für den Geschäftserfolg ihres Unternehmens und werden für Fehlentwicklungen und Misserfolge verantwortlich gemacht. Wenn Rationalisierungsmöglichkeiten gegen die Sicherung von Arbeitsplätzen abgewogen werden müssen, dann sind häufig auch menschliche Schicksale Gegenstand der Entscheidungen, was die Verantwortlichen zusätzlich belasten kann. Da von solchen Entscheidungen nicht selten auch die eigene berufliche Zukunft abhängt, kann dies Topmanager enorm unter Druck setzen.

Aufgrund der hohen Erwartungen an das Topmanagement und der Menge der gleichzeitig zu bearbeitenden Themen stehen Manager an ihrem Arbeitsplatz häufig unter großem Zeitdruck. Ungeachtet dessen ist ständig volle Aufmerksamkeit, Flexibilität und Kreativität gefragt. Ein Manager ist der Meinung, dass "[...] die Beanspruchung vor allem daher kommt, dass Sie in der Lage sein müssen, sehr komplizierte Sachverhalte sehr schnell aufzunehmen, zu analysieren und sich dazu eine Meinung zu bilden. [...] Entscheidungen müssen in sehr kurzer Zeit gefällt werden."

Fußnoten

3.
Bei allen Kreisdiagrammen ist die Anzahl der Manager angegeben, die das genannte Merkmal angesprochen haben; Mehrfachnennungen einer Person sind möglich.