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9.8.2007 | Von:
Karlheinz A. Geißler

Der Angriff auf Raum und Zeit

"Die Zeiten ändern sich"

"Die Zeiten ändern sich" - so lautet der Titel eines Vortrages, den mich die Leitung eines großen ausländischen Pharmaunternehmens kürzlich zu halten bat. Die schriftliche Bestätigung der telefonischen Vereinbarung traf wenige Tage später ein und führte bei mir zu einer Stimmungsmelange zwischen Irritation, Neugier und Vergnügen. Der Grund: Als Vereinbarung war mir ein zu unterschreibender Liefervertrag zugesandt worden. Er besaß eine Lieferantennummer, die angeforderte Leistung - der Vortrag - tauchte in der Rubrik "Liefermaterial" auf. Darüber hinaus waren die Liefermenge (1,000 Stück), der Liefertermin und der Preis pro Einheit vermerkt. Der Hinweis: "Wir bestellen unter Ausschluss etwaiger Verkaufsbedingungen" blieb mir in seinen Konsequenzen unerforschlich fremd. Die Bestellung der Lieferung war konsequenterweise von einem Herrn unterschrieben worden, der sich mit der Bezeichnung "Einkäufer" auswies.

Niemals zuvor habe ich mich mit dem Sachverhalt konfrontiert gesehen, zu einem Vortrag als Lieferant mit abgeschlossenem Liefervertrag anreisen zu müssen. Hatte der mir unbekannte "Einkäufer" das Vortragsthema: "Die Zeiten ändern sich" möglicherweise als willkommene, mich zur Kreativität anregende Herausforderung verstanden, die veränderten Zeiten sogleich auch zu demonstrieren? Wollte er mir beweisen, dass die Zeiten sich wirklich ändern? - Nachdem ich durch telefonische Rücksprache erfahren hatte, dass als Lieferung nichts weiter als eine ca. vierzigminütige Aneinanderreihung von Worten, die in eine themenbezogene, verständliche Reihenfolge gebracht und mündlich vorgetragen werden sollten, erwartet wurde, begab ich mich, um Vertragstreue bemüht, auf die Reise zum Auftraggeber.

Ökonomie und Technologie erobern die Kopfarbeit und integrieren sie in ihre Sprach- und Organisationssysteme. Das ist nichts grundlegend Neues. Neu sind Umfang und Dynamik dieser Tendenz. Im Gleichklang mit der Entgrenzung von Ort und Zeit nimmt die ohnehin herrschende Dominanz ökonomischer Denk- und Handlungsmuster weiter zu. Existierende Unterschiede werden, wenn es ökonomisch profitabel erscheint, eingeebnet. So wird in dem referierten Beispiel kein Unterschied mehr gemacht, ob eine Kiste Schrauben geliefert wird oder ein aus flüchtigen Worten zusammengesetzter Vortrag.

Die Intensität, mit der die neuen Technologien auch an anderer Stelle zu Gleichzeitig- und Gleichartigkeit führen, schildert Michel Serres im Vorwort des von ihm herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" am Beispiel der Arbeitsformen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen:[2] "Bis vor zwanzig Jahren brauchte man die Wissenschaften gar nicht zu kennen, um sie grob zuordnen zu können. Wenn jemand seltsame Zeichen auf eine schwarze Wandtafel malte, wusste man, das war ein Mathematiker. Hantierte eine Frau im grauen Kittel an elektrischen Schaltkreisen herum, erkannte man in ihr sofort die Physikerin. Wer sich in einem löchrigen, schmutzigen, ehemals weißen Kittel an gläsernen Gefäßen mir farbigen Flüssigkeiten zu schaffen machte, war Chemiker, und wer die Nacht damit verbrachte, in einem Haus mit geöffnetem Dach durch ein Rohr den Himmel zu betrachten, war Astronom. Die Ärztin erkannte man am Stethoskop, mit dem sie die Kranken abhorchte. Der Historiker wühlte im Staub der Archive und Bibliotheken. Ohne jemanden zu täuschen, tanzten die Körper der Fachwissenschaftler auf ihre je eigene Weise. Auch wenn ein gänzlich dem Intellekt verschriebenes Vorurteil niemals Notiz von dieser je eigenen Körperlichkeit der einzelnen Fachgebiete nahm, besaß jedes seine eigenen disziplinären Haltungen, Gebärden und Instrumente. Wer heute irgendein Labor oder wissenschaftliches Institut betritt, sieht überall dasselbe Bild: Menschen, die vor Computerbildschirmen sitzen und auf ihren Tastaturen hämmern. Der Tanz der Körper lässt keine Unterschiede mehr zwischen ihnen erkennen. Ob Gelehrter, eine im Verschwinden begriffene Spezies, ob Biologe oder Physiker, ob Chemiker oder Topologe, sie alle mühen sich an derselben Maschine ab. Mit dem neuen Jahrtausend vereinheitlichen sich die Haltungen und Gebärden. Früher schrieben all diese Wissenschaftler Bücher oder Aufsätze. Nun lassen sie ihre Augen und Finger nicht mehr über das Papier huschen, sondern starren alle auf Bildschirme und schlagen auf Tasten."

Nichts anderes tun auch Personen, die Vorträge mit Lieferscheinen bestellen und Vortragende, welche die zu liefernden Reden konzipieren und mit PowerPoint Unterstützung präsentieren. Die von Serres so treffend geschilderte Vereinheitlichung der wissenschaftlichen Arbeitsformen geht weit über den akademischen Bereich hinaus. Sie tangiert inzwischen die gesamte Berufswelt, darunter auch die nichtakademischen Tätigkeiten.

Die Geschichte belegt, dass sich mit der Veränderung dessen, was Serres "Ausstattungsmittel" nennt, auch das Denken und Handeln der Menschen grundlegend wandelt. Nicht zuletzt ist der Druck, heute lebenslang lernen und umlernen, also unaufhörlich an sich selbst arbeiten zu müssen, ein Zeichen dafür, dass wir uns ohne Aussicht auf ein erlösendes Ende mit der Dynamik von Veränderungen arrangieren müssen. Damit einher geht der Zwang, von einem Großteil der teilweise mühsam angeeigneten Wahrnehmungsformen, Denkqualitäten und Handlungsmuster, die bisher Stabilität und Orientierung verliehen haben, Abschied nehmen zu müssen. Der Beruf, einst traditioneller Stabilisator der Existenz, kann seine für die Einzelnen und die Gesellschaft wichtige Orientierungsfunktion heute nicht mehr erfüllen, er wird vom "Job" und von unterschiedlichen Projektarbeiten abgelöst. Konventionen des Alltagshandelns werden ebenso ihrer Selbstverständlichkeit beraubt, wie vieles andere, das eben noch als wichtige, neue Erkenntnis propagiert und publiziert wurde, über Nacht zum alten Eisen verkommt.

Das schlägt sich auch in der Sprache, in Wortneuschöpfungen, die der Illusion des Zeitgewinnes geschuldet sind, nieder. Der "Quick-Check" am Flughafen wie beim Hausarzt und im Business-Hotel, das "Express-Frühstück" in Bildungshäusern, an Fernbahnhöfen und im Café hochflexibler Tagungszentren, überall "Last-Minute-Orders" die von "Last-Second-Bestellungen" übertroffen werden. Der schnelle Mittagsschlaf heißt "Power-Nap", das Wochenende wird zur "Speed-Wellness" genutzt, der überraschende Arbeitsplatzverlust mutiert nicht selten zum "Outsourcing".

In dieses Kapitel gehört auch die hochmobile Schnäppchenjagd, die stetige Hast, ja nur kein Sonderangebot zu verpassen. Dafür investiert der Schnäppchenjäger enorm viel Zeit: Hektische Daueraktivität und hoher Energieverbrauch sind der Preis fürs Geldsparen. Doch die Rechnung geht nicht auf: Das Leben als "Dabeiseinsspezialist" mit "Überallereichbarkeit" macht den Schnäppchenjäger schließlich zum gehetzten Opfer seiner eigenen Jagdleidenschaft. Letztlich erstarrt seine unproduktive Produktivität in "rasendem Stillstand".[3]

Fußnoten

2.
Michel Serres, Vorwort, in: Thesaurus der exakten Wissenschaften, Frankfurt/M. 2001, S. XI.
3.
Karlheinz A. Geißler, Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort; Freiburg 2005 und ders., Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung, Stuttgart 2007.