APUZ Dossier Bild

24.7.2007 | Von:
Andreas Zick
Beate Küpper

Antisemitismus in Deutschland und Europa

Facetten des Antisemitismus als legitimierende Mythen

Die Theorie der Sozialen Dominanz von Jim Sidanius und Felicia Pratto legt nahe, Ideologien und Glaubensgrundsätze, wie sie unter anderem Vorurteile darstellen, als legitimierende Mythen zu verstehen.[9] Sie helfen, bestehende oder angestrebte Hierarchien zwischen gesellschaftlichen Gruppen moralisch und intellektuell zu rechtfertigen. Die Legitimierung der Ungleichwertigkeit von Gruppen befördert Diskriminierung, Abwertung, Ausgrenzung, Verfolgung, Gewalt oder sogar Ethnozid. Als Mythen bieten Vorurteile kollektives Wissen zur Erklärung alltäglicher Phänomene und gesellschaftspolitischer Ereignisse, gerade in Umbruchszeiten. Gruppenbasierte Hierarchien finden sich kulturübergreifend entlang Alters- und Geschlechtskategorien sowie kulturell willkürlichen Kategorien, wie sie durch Bildung, Ethnie oder Religionszugehörigkeit definiert werden. Die Beschreibung von Vorurteilen als legitimierende Mythen öffnet den Blick für ihre Funktion im Wettbewerb um den Status von Gruppen und für ihre Konstruktion als tief im kollektiven Gedächtnis verankerte Überzeugungen.

Der Antisemitismus ist ein legitimierender Mythos par excellence. Über die Jahrhunderte ist er in einem dem Zeitgeist angepassten Gewand erschienen, in seinen Elementen und Botschaften jedoch gleich geblieben. Wie andere Vorurteile auch bezieht der Antisemitismus sich nicht auf einzelne, sondern auf die Gesamtheit der Juden als Gruppe. Auch hier finden sich religiöse ("Christus- und Gottesmörder"), weltliche ("Wucherjude"), politische ("jüdische Weltverschwörung") und rassistische Begründungen (Charakter, Aussehen). Bergmann verweist darauf, dass diese Begründungen nicht zu jeder Zeit und, wie sich ergänzen lässt, nicht in jeder Kultur und kulturellen Subgruppe gleichermaßen wirksam sind. Seine Kraft als legitimierender Mythos erhält der Antisemitismus jedoch aus kollektivem Wissen; dieses ermöglicht es, ältere Schichten der Judenfeindschaft durch neuere zu überlagern und sie damit jederzeit zu reaktivieren.[10] Wir schlagen vor, neuere Formen des Antisemitismus als transformierte Facetten zu verstehen, in denen uralte Stereotype fortleben und weitergetragen werden.[11] Durch die in ihrer Transformation verklausulierte Form lässt sich die Ächtung des Antisemitismus geschickt umgehen. Resümiert man empirische Studien, dann lassen sich u. E. folgende Facetten des Antisemitismus finden:

  • Ein traditioneller Antisemitismus zeigt sich im Zuspruch zum Mythos vom jüdischen Einfluss. Hier zeigt sich ein Konspirationsmythos, der von der klassischen Variante des unterstellten überzogenen Einflusses in Wirtschaft und Politik über die spezifische Variante des Einflusses von amerikanischen Juden der "Ostküste" auf die Nahostpolitik bis hin zum Gerücht einer Mitwirkung des israelischen Geheimdienstes Mossad an "9/11" reicht. Hier findet sich auch das Stereotyp der Verschlagenheit und Hinterhältigkeit.

  • Die Unterstellung von Separation und mangelnder Loyalität äußert sich im Mythos einer stärkeren Verbundenheit der Juden mit Israel als mit dem jeweiligen Heimatland. Darin findet sich auch das Stereotyp jüdischer Bande und der "Fremdartigkeit" der Juden; sie seien anders, merkwürdig, oder hätten sonstige abweichende Gewohnheiten.

  • Die Forderung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit drückt sich indirekt im Unwillen aus, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören oder sich damit auseinander zu setzen.

  • Ein Schuldvorwurf in seiner heutigen Form wird deutlich in der tief in die antisemitische Argumentation verstrickten Unterstellung, Juden seien durch ihr Verhalten an ihrer Verfolgung mitschuldig. Er findet sich historisch in der Beschuldigung am Tod Christi, dem Gerücht der Brunnenvergiftung im Mittelalter oder dem gegenwärtigen Vorwurf des Genozids an den Palästinensern. Der sekundär antisemitische Vorwurf der Vorteilsnahme aus dem Holocaust birgt eine Umkehr von Opfern und Tätern. Dabei findet sich der Topos der Schuld in fast allen Facetten.

    Für aufgeregte Debatten sorgt jener Antisemitismus, der über den Umweg einer Kritik an der Politik des Staates Israel kommuniziert wird. Nach Heyder/Iser/Schmidt sind zwei Facetten zu unterscheiden:[12]


  • Israelbezogener Antisemitismus, der antisemitische Stereotype auf den israelischen Staat überträgt, das Handeln des israelischen Staates gewissermaßen als Beweis für den "schlechten Charakter" der Juden zitiert. Hierzu zählt eine Ablehnung von Juden, die durch die israelische Politik legitimiert wird, die israelische Politik als jüdische Politik versteht und damit Juden kollektiv für das Handeln Israels verantwortlich macht.

  • Damit verwandt ist eine Israelkritik, die mit NS-Vergleichen und -Assoziationen operiert, die also historische Vergleiche der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern mit der Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus zieht oder Israel mit doppeltem Standard beurteilt, d.h. Handlungen scharf verurteilt, die in anderen Ländern stillschweigend geduldet werden.

    Gerade ein Antisemitismus, der über den Umweg der Kritik an Israel kommuniziert wird, zeigt die Legitimationsdynamik des Vorurteils. Über diesen Umweg lassen sich Mythen von Konspiration, Verrat und Weltherrschaftsstreben untabuisiert äußern. Das kann erstens zu einer Täter-Opfer-Umkehr führen, die sich auch in der Medienberichterstattung wiederfindet. Jäger und Jäger weisen in einer Analyse von Printmedien über den Nahostkonflikt seit Beginn der 2. Intifada nach, dass die Medien einen hohen Anteil an dem Transport solcher Mythen haben.[13] Zweitens wird die Politik Israels als Transportmittel für antisemitische Stereotype verwendet. Sie wird als "jüdisches Handeln" markiert, und dessen negative Bewertung wird für die Gesamtheit der Juden generalisiert. Das wird zugleich als ideologischer Beleg dafür zitiert, dass in jedem Vorurteil ein Körnchen Wahrheit steckt, was auch bei anderen Vorurteilen wie etwa der Islamfeindlichkeit ins Feld geführt wird. Der Vorwurf, jegliche Kritik an Israel würde gleich als antisemitisch gebrandmarkt, ist dabei eine dritte Variante. Schließlich bietet die Positionierung hinter den scheinbar Schwächeren - in dem Falle den Palästinensern - eine Legitimation der Integrität des Selbstverständnisses.

    Dabei variiert die Bedeutung der Facetten nicht nur über die Zeit, sondern auch kulturell. Anders als im übrigen Europa ist in Deutschland die Forderung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit ein wichtiges Thema. Zudem schwankt die Sensibilität gegenüber antisemitischen Aussagen erheblich. Während in Frankreich und in den Niederlanden Befragte in Meinungsumfragen empört auf einige Aussagen reagieren - etwa bei der Unterstellung der Mitverantwortung der Juden an ihrer Verfolgung -, scheint in anderen Ländern die offene Zustimmung selbst zu klassischen Mythen, wie jenem vom "internationalen Finanzjudentum", nicht geächtet zu sein.

  • Fußnoten

    9.
    Vgl. James Sidanius/Felicia Pratto, Social Dominance, New York 1999. Zum Überblick vgl. auch: Andreas Zick/Beate Küpper, Soziale Dominanz, in: Dieter Frey/Hans-Werner Bierhoff (Hrsg.), Handbuch Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, Göttingen 2006.
    10.
    Vgl. Werner Bergmann, Antisemitismus, in: Information zur politischen Bildung, Heft 271, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2001.
    11.
    Vgl. Andreas Zick/Beate Küpper, Transformed anti-Semitism - a report on anti-Semitism in Germany, in: Journal für Konflikt- und Gewaltforschung, 7, 2005, S. 50 - 92.
    12.
    Vgl. Aribert Heyder/Julia Iser/Peter Schmidt, Israelkritik oder Antisemitismus?, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 3, Frankfurt/M. 2005.
    13.
    Vgl. S. Jäger/M. Jäger (Anm. 2).