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24.7.2007 | Von:
Andreas Zick
Beate Küpper

Antisemitismus in Deutschland und Europa

Antisemitismus im Bild von Meinungsumfragen

Seit der Eskalation des Palästina-Konflikts im Jahre 2000 sind eine Reihe von Umfragen durchgeführt worden. Eine systematische Beobachtung und Analyse unterschiedlicher Facetten des Antisemitismus, die einen direkten europäischen Vergleich auf Basis der gleichen Datengrundlage ermöglicht, fehlt bislang.[14] Eine Ausnahme sind die Umfragen der Anti-Defamation League (ADL). Seit 2002 erhebt sie in ausgewählten Ländern Einstellungen gegenüber Juden, dem Staat Israel und dem Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Allerdings bieten die Berichte aufgrund fehlender Erklärungsfaktoren nur eingeschränkt die Möglichkeit für Analysen, und die Datenbasis ist mit 500 Befragten pro Land nicht breit.

In Deutschland werden seit 2002 Ausmaß und Entwicklung antisemitischer Einstellungen vom Projekt "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF) beobachtet.[15] Grundlage sind jährliche, repräsentative Erhebungen mit 2 000 bis 3 000 Befragten. Im Erhebungsjahr 2004 war der Antisemitismus ein Schwerpunkt. Hier wird Antisemitismus als ein Element eines Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verstanden, dessen Kern eine Ideologie der Ungleichwertigkeit ist, die Vorurteile gegen unterschiedliche Gruppen prägt. Empirisch lässt sich diese Annahme bestätigen und eine enge Beziehung des Antisemitismus zu Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamophobie, in geringerem Ausmaß auch zu Sexismus, zur Abwertung von behinderten, obdachlosen und homosexuellen Menschen sowie einer generellen Abwertung von Außenseitern nachweisen.[16] Auch wenn im Einzelfall antisemitische Einstellungen singulär sind, sind sie in der Regel von Vorurteilen gegenüber anderen Gruppen begleitet. Bergmann kommt in einem deskriptiven Vergleich von Umfragen in Europa zu demselben Ergebnis.[17]

Europäische Vergleiche lassen sich durch eine Voruntersuchung eines GMF-Projektes mit 150 Befragten in neun europäischen Ländern ziehen, die im Herbst 2006 durchgeführt wurde, sowie durch eine repräsentative Schweizer Studie, die unter Leitung von Sandro Cattacin (Universität Genf) durchgeführt wurde.[18] Im Folgenden werden auf der Grundlage dieser Studien die Facetten des Antisemitismus näher betrachtet.

Traditioneller Antisemitismus: Jüdischer Einfluss und Schuldvorwurf

Im Frühsommer 2006 stimmten 14,1% der Befragten in Deutschland der traditionell antisemitischen Aussage: "Juden haben zu viel Einfluss" voll und ganz bzw. eher zu (GMF-Survey 2006).[19] Jeder zehnte Befragte warf Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung während des Nationalsozialismus vor. Dies war im Vergleich zu 2002 ein deutlicher Rückgang. Vier Jahre zuvor hatte noch rund ein Fünftel der Befragten (21,7%) der Behauptung eines zu großen Einflusses von Juden zugestimmt. Der Rückgang war allerdings nicht von langer Dauer. Mit dem Libanonkrieg im Sommer 2006 erreichten die Werte altes Niveau, wie eine Nacherhebung im August 2006 - also unmittelbar nach dem zweiten Libanonkrieg - zeigt. Nun sah wieder jeder Fünfte (21,1%) einen zu großen Einfluss von Juden und machte Juden mitverantwortlich an der eigenen Verfolgung (19,4%). Die Schweizer Studie weist im direkten Vergleich mit dem deutschen GMF ähnlich hohe Werte auf.[20] Hier stimmten 18,9% eher oder voll und ganz der Aussage zu, dass "Juden und Jüdinnen [..] in der Schweiz zu viel Einfluss [haben]", 24,1% der Befragten wiesen Juden und Jüdinnen eine Mitschuld an der Verfolgung zu. Damit lässt sich zwar die Befürchtung, der Antisemitismus sei in den letzten Jahren signifikant angestiegen, empirisch nicht bestätigen, aber doch die Fragilität scheinbar positiver Entwicklungen belegen. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. Nach der ADL-Studie 2002 in zehn europäischen Ländern befanden 32% der deutschen Befragten es als "vermutlich wahr", dass Juden "zu viel Einfluss in der Geschäftswelt" haben.[21] Besonders hohe Zustimmung zeigte sich in Spanien (63%), die geringste in Dänemark (13%). Bergmann zeigt, dass in Umfragen in Deutschland und Österreich sowie in der Slowakei die höchsten Zustimmungswerte festgestellt wurden, gefolgt von Litauen, Lettland, der Schweiz und der Tschechischen Republik.[22] Geringere Zustimmungen sind in westeuropäischen Staaten festzustellen, besonders in Schweden.

Die Zustimmung zum traditionellen Antisemitismus nahm in den von der ADL beobachteten Ländern ab, wenngleich unterschiedlich stark und insgesamt auf hohem Niveau. 2005 stimmten noch ein Drittel und mehr der Befragten in Italien, Belgien, Spanien, Polen und insbesondere Ungarn (55%) der Behauptung eines zu großen Einflusses von Juden in der Geschäftswelt zu, rund ein Viertel der Befragten in Frankreich und Österreich und rund ein Fünftel in Deutschland (20%), der Schweiz und den Niederlanden.[23] Nur in Großbritannien (14%) und Dänemark (11%) war die Zustimmung relativ gering. In abgewandelter Form wurde die Frage auch in Bezug auf den Einfluss von Juden auf den internationalen Finanzmärkten gestellt. Hier ist die Zustimmung mit durchschnittlich 32% noch höher, bei einem ähnlichen Muster der Länderverteilung.

Separation und mangelnde Loyalität

Im Durchschnitt sind 42% der Befragten in den von der ADL im Jahr 2005 untersuchten Ländern und über die Hälfte der deutschen Befragten der Ansicht, dass Juden loyaler gegenüber Israel als gegenüber dem jeweiligen Erhebungsland seien. Mit Ausnahme Frankreichs (29%) waren in den übrigen Ländern mindestens ein Drittel der Befragten derselben Ansicht. Mit Ausnahme Italiens steigt der Illoyalitätsvorwurf in der ADL-Befragung 2007.[24] Die Kategorisierung von Juden als Fremde unterstreichen Ergebnisse des GMF-Survey. In 2004 unterstellten 55,5% der Befragten: "Die deutschen Juden fühlen sich stärker mit Israel als mit Deutschland verbunden." Dafür spricht auch der Zusammenhang von antisemitischen Einstellungen und Fremdenfeindlichkeit sowie der Abwertung von Außenseitern. Im Frühjahr und Sommer 2006 stieg das Niveau fast wieder auf das Ausgangsniveau des Jahres 2002.

Die Forderung nach einem Schlussstrich

Ungeachtet der Anstrengungen um eine Erinnerungskultur und historische Aufarbeitung forderten viele Deutsche (61,9%) im Frühsommer 2006 einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, indem sie der Aussage zustimmten: "Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden" (GMF-Survey). Im Vergleich zur Erfassung dieser Facette 2003, bei der noch 69,9% zustimmten, ist dies ein leichter Rückgang. Ähnlich weit verbreitet ist die Meinung, Juden sprächen zu häufig über das, was mit ihnen im Holocaust passiert sei (ADL-Studie 2005); hier weist Polen mit über 52% der Befragten die höchsten Zustimmungswerte auf, dicht gefolgt von Italien, Deutschland und der Schweiz (jeweils 48%), Österreich, Spanien und Ungarn (jeweils 46%) sowie Belgien (41%). Aber auch ein Drittel der Befragten in Dänemark, Italien und den Niederlanden stimmte zu. Wieder erweist sich die Zustimmung in Großbritannien mit immerhin noch 28% am geringsten. In der ADL-Umfrage 2002 waren 58% der deutschen Befragten - mehr als in allen anderen Ländern - der Ansicht: "Juden sprechen immer noch zu häufig darüber, was während des Holocaust mit ihnen passiert ist." Lediglich in Österreich ist die Zustimmung ähnlich ausgeprägt (56%).

Vorteilsnahme und Schuldumkehr

Ebenfalls rückläufig, aber weit verbreitet war in Deutschland mit 41,5% im Jahr 2006 (51,8% 2002) die Zustimmung zu dem Vorwurf: "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen" (GMF-Survey). Die Bedeutung der Schuldabwehr und -umkehr, die sich in etlichen Facetten spiegelt, findet ganz unmittelbare Bestärkung: 24% der Befragten des GMF-Survey 2005 stimmten der Aussage zu: "Juden sind selbst schuld, wenn man etwas gegen sie hat." Diese Selbstentlastung, die sich auch in Bezug auf andere Adressaten von Vorurteilen findet, dient der Immunisierung eigener Vorurteile gegen mögliche Kritik und unterläuft die öffentliche Ächtung.[25] Die Schuldumkehr wird in den ADL-Umfragen über den religiös begründeten Antisemitismus verborgen angesprochen, etwa in der Aussage: "Juden sind verantwortlich für den Tod von Christus." Historisch diente gerade dieser Mythos einer religiös begründeten Verfolgung und Vertreibung. Vor allem polnische Befragte stimmten 2005 mit 39% zu. In den anderen Ländern bewegt sich die Quote zwischen 13% in Frankreich und 22% in Dänemark (Deutschland 18%), im Durchschnitt immerhin ein Fünftel der Bevölkerung.

Antisemitismus über den Umweg einer Kritik an Israel

In der GMF-Umfrage 2004 wurden erstmals Facetten des Antisemitismus erfasst, die über den Umweg der Kritik an Israel zum Ausdruck kommen. Fast 32% der Befragten verbanden Juden mit Israel und stimmten der Aussage zu: "Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer." 44,4% meinten: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat." Noch höher ist die Zustimmung zu einer Kritik an Israel, die mit NS-Vergleichen operiert. 68,4% der Befragten stimmten 2004 der Aussage eher oder sogar voll und ganz zu, dass Israel einen "Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser" führt, und 51,2% der Befragten meinten: "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben."

In der ADL-Umfrage 2005 gaben mehr als ein Drittel der Befragten in der Schweiz (an der Spitze mit 41%), Spanien, Österreich und Dänemark, 31% der Deutschen und mindestens ein Fünftel der Befragten der übrigen Länder mit Ausnahme Frankreichs (15%) an, dass ihre eigene Meinung über Juden durch Handlungen des Staates Israels beeinflusst werde. Davon gaben im Durchschnitt über die Hälfte (53%; Deutschland: 50%) und insbesondere Befragte in Spanien, Belgien und den Niederlanden mit über 60% an, ihre Meinung über Juden sei infolge der Politik Israels schlechter geworden.

Eine des Antisemitismus unverdächtige Kritik an Israel ist möglich, aber selten. Nur 10% der Befragten, die im GMF-Survey 2004 eine Kritik an Israel ohne antisemitische Anleihen äußerten, signalisierten keine Zustimmung zu mindestens einer weiteren Facette des Antisemitismus. Die Mehrheit dieser Befragten kritisierte ebenso die palästinensischen Angriffe auf Israel und wendete sich generell gegen Gewalt als Mittel der Konfliktlösung. Ihre politische Position markieren sie eher als "links" oder "Mitte", sie sind besser gebildet als der Durchschnitt, weniger nationalistisch und autoritär gestimmt und erweisen sich auch gegenüber anderen Gruppen als toleranter.

Fußnoten

14.
Vgl. den deskriptiven Bericht: Werner Bergmann, Antisemitic attitudes in Europe in a comparative perspective, in: Journal of Social Issues, Special issue Prejudice and discrimination in Europe ed. by Andreas Zick/Thomas Pettigrew/Ulrich Wagner (i.E.).
15.
Vgl. Anm 1.
16.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 1, Frankfurt/M. 2002; Andreas Zick/Carina Wolf/Beate Küpper/Eldad Davidov/Peter Schmidt/Wilhelm Heitmeyer, The syndrome of Group-focused Enmity: The interrelation of prejudices tested with multiple cross-sectional and panel data, in: Journal of Social Issues (in Begutachtung).
17.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 14).
18.
Vgl. Sandro Cattacin/Brigitta Gerber/Massimo Sardi/Robert Wegener, Monitoring misanthropy and rightwing extremist attitudes in Switzerland. An explorative study. Research report - PNR 40+, Université de Genève, Département de sociologie, Genf 2005.
19.
Alle Prozentangaben beziehen sich im Folgenden auf die Zusammenfassung dieser beiden Antwortkategorien einer 4-stufigen Skala.
20.
Vgl. S. Cattacin et al. (Anm. 18).
21.
ADL, European attitudes toward Jews, Israel and the Palestinian-Israeli conflict, New York, June 27 2002.
22.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 14).
23.
Vgl. ADL, Attitudes toward Jews in twelve European countries, New York, May 2005.
24.
Vgl. ADL, Attitudes toward Jews and the Middle East in five European countries, New York, May 2007.
25.
Vgl. Andreas Zick/Beate Küpper, "Die sind doch selbst schuld, wenn man was gegen sie hat" - oder wie man sich seiner Vorurteile entledigt, in: W. Heitmeyer (Anm. 12).