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24.7.2007 | Von:
Andreas Zick
Beate Küpper

Antisemitismus in Deutschland und Europa

Verankerungen in der Mitte

Der Antisemitismus ist nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen ausgeprägt. Ältere und bildungsschwächere Gruppen etwa neigen eher zur Zustimmung fast aller Facetten. Eine wesentliche Frage ist, ob Gesellschaften hinreichend demokratisches Kapital aufweisen, dem zu begegnen. Daher drängt sich die Frage auf, wie stark der Antisemitismus in der politischen Mitte verhaftet ist, zu der sich die Mehrheit rechnet. Empirisch zeigen die GMF-Surveys, dass mit der politischen Orientierung von links nach rechts antisemitische und andere menschenfeindliche Einstellungen stetig zunehmen;[26] Vergleichbares lässt sich für die Schweiz berichten.[27] Dies bedeutet, dass ein "linker Antisemitismus" in der Umfrage nicht auffällt, die Mitte keineswegs frei von Antisemitismus ist und Befragte, die sich eher rechts oder rechts einordnen, fast allen Facetten stärker zustimmen. Dies gilt auch für die antisemitische Israelkritik, bei der sich die Meinung der Mitte und des linken Spektrums nicht unterscheiden. Gerade bei der Forderung nach einem Schlussstrich und der Unterstellung der Vorteilsnahme ähneln die Meinungen jener, die sich politisch "genau in der Mitte" - so der Wortlaut in der Umfrage - verorten, eher jenen, die sich rechts verorten. Häufiger als Befragte des linken Spektrums greifen Befragte der Mitte zum Mittel der Schuldumkehr, erfasst durch die Aussage: "Juden sind selbst schuld, wenn man was gegen sie hat", um ihre eigenen Ansichten zu rechtfertigen. Zur Legitimierung dient der Mitte auch der Verweis auf die eigene Normalität, der sich z.B. in der Auffassung ausdrückt, dass man "denkt wie die meisten Menschen" und lebt, "wie es üblich und richtig ist". Wer dieser Ansicht ist, äußert eher antisemitische Einstellungen (GMF-Survey 2005). Die politische Mitte - dies teilt sie mit jenen, die sich eher rechts verorten - verweist am stärksten auf die Normalität.

Ein anderes Bild stellt sich in Bezug auf die politische Orientierung dar, die durch jene Parteipräferenz markiert wird, die aus der Sonntagsfrage abgeleitet wird. Im Jahr 2006 vermuteten Wähler von CDU/CSU ebenso wie Nicht-Wähler mehr als alle anderen einen zu großen Einfluss von Juden; das war 2004 ähnlich. Beide Wählergruppen haben mit den Wählern von PDS/Linkspartei gemein, Juden besonders häufig eine Mitschuld an der Verfolgung zuzuweisen.[28] Ebenso machen diese Wählergruppen sowie Wähler der FDP häufiger als Wähler von SPD und Bündnis 90/Die Grünen Juden den Vorwurf, Vorteile aus der Vergangenheit zu ziehen. Zudem äußern sie mehr Ärger darüber, sich weiter mit der Vergangenheit auseinander setzen zu sollen. Potenzielle Wähler von PDS/Linkspartei fallen darüber hinaus durch die hohe Zustimmung zur antisemitischen und NS-vergleichenden Israelkritik auf.

Der europäische Vergleich zeigt, dass die Zunahme antisemitischer Einstellungen mit einer politischen Orientierung nach rechts vor allem in Deutschland zu Tage tritt (GMF-Europa Studie 2006). Deutlich schwächer ist dieser Zusammenhang in Großbritannien, überhaupt nicht vorhanden in den Niederlanden, Schweden, Frankreich und Polen. In Portugal dreht sich sogar das Vorzeichen, d.h. je weiter links sich die Befragten verorten, desto eher neigen sie zum Antisemitismus. Dies ist insofern interessant, als die Befunde etwa beim Zusammenhang von rechten politischen Einstellungen und Fremdenfeindlichkeit in fast allen Ländern dem bekannten Muster folgen.

Fußnoten

26.
Vgl. Andreas Zick/Beate Küpper, Politische Mitte. Normal feindselig, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 4, Frankfurt /M. 2006.
27.
Vgl. S. Cattacin et al. (Anm. 18).
28.
Verglichen wurde die Präferenz für die fünf großen Parteien und Nicht-Wähler; eine Berücksichtigung von Wählern rechter Parteien ist aufgrund der geringen Nennung nicht möglich.