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24.7.2007 | Von:
Klaus Wahl

Fremdenfeindliche Täter

Täterstrukturen

Wer sind die Täter, die solche Delikte begehen? Wie politisch sind ihre Motive? Darüber gibt es wenige aktuelle repräsentative Daten. Wir haben Ende der 1990er Jahre empirische Studien durchgeführt, die hinsichtlich der groben Struktur der Tatverdächtigen bzw. Täter wohl noch zutreffen. Es handelt sich um - eine Analyse von 6 229 polizeilichen Ermittlungsakten des Jahres 1997 zu fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Tatverdächtigen (Vollerhebung durch das Deutsche Jugendinstitut - DJI), - eine Analyse von 217 entsprechenden Gerichtsurteilen (durch das DJI; beide Studien im Auftrag des Bundesinnenministeriums), - Interviews und Tests mit 115 verurteilten fremdenfeindlichen Gewalttätern und einer Kontrollgruppe von 36 Nichtkriminellen (durch das DJI mit den Universitäten Jena und München, finanziert durch die Volkswagen-Stiftung).[2]

Unserer Vollerhebung der nach den Polizeiakten fremdenfeindlichen, rechtsextremen und antisemitischen Tatverdächtigen in Deutschland 1997 zufolge waren diese überwiegend männliche Jugendliche und ledige Männer zwischen 15 und 24 Jahren. Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger hatte seit Anfang der 1990er Jahre zugenommen. Hinsichtlich der Bildung dominierten unter den Tatverdächtigen Hauptschüler und Schüler mit mittlerer Reife. Bei den antisemitischen Tätern fallen der relativ hohe Anteil von 11 % Hochschulabsolventen und ein höherer Schüler- und Erwerbstätigenanteil auf. Zudem sind die antisemitischen Tatverdächtigen im Durchschnitt etwas älter. Zum Erhebungszeitpunkt Ende der 1990er Jahre dürfte es sich noch mehr um den "alten" Antisemitismus gehandelt haben. Mittlerweile könnte der durch den Nahostkonflikt genährte "neue Antisemitismus" eine größere Rolle spielen, der Parallelen zum arabisch-islamistischen Antizionismus aufweist und unterstellt, die Juden zögen Vorteile aus der Schuld der Deutschen am Holocaust.[3]

Nach dem Erwerbsstatus waren 1997 etwa ein Drittel der fremdenfeindlichen, rechtsextremistischen und antisemitischen Tatverdächtigen Auszubildende, ein Viertel Schüler, ein weiteres Viertel erwerbstätig. Ein Fünftel war zum Zeitpunkt der Tat arbeitslos. Einerseits fanden sich damit mehr Arbeitslose unter den Tatverdächtigen als in der entsprechenden Altersgruppe der Gesamtbevölkerung. Andererseits suggeriert dies einen Zeitablauf, der nicht durchgängig gilt: In den Biographien solcher jungen Täter wechseln sich Phasen von Ausbildung, Jobs, krimineller Geldbeschaffung, Arbeitslosigkeit usw. häufig ab. Wenn z.B. fremdenfeindliche Auszubildende wegen Störung des Betriebsfriedens in ethnisch gemischten Belegschaften entlassen werden, dann arbeitslos sind und aufgrund einer neuen Straftat polizeilich erfasst werden, gelten sie statistisch als arbeitslos, obwohl die Arbeitslosigkeit durch ihr diskriminierendes Verhalten bedingt ist. In ihrer Mehrheit sind diese Tatverdächtigen jedenfalls nicht beruflich desintegriert, wie es eine populäre Theorie zum Rechtsextremismus unterstellte,[4] sondern sind in schulischer oder beruflicher Ausbildung oder erwerbstätig.[5]

Allerdings kann auch bei Erwerbstätigen durch die Furcht vor Arbeitslosigkeit, wie sie auch im sozialen Umfeld der Tatverdächtigen beobachtet wird, eine gewisse Motivation zu Fremdenfeindlichkeit gefördert werden.[6] Die Tatverdächtigenquoten in den östlichen Bundesländern lagen höher als in den westlichen. Ein Vergleich von Bundesland zu Bundesland ist jedoch schwierig, weil die Polizei die Fälle teilweise unterschiedlich kategorisierte.

Fußnoten

2.
Vgl. Klaus Wahl (Hrsg.), Fremdenfeindlichkeit, Anti-
3.
semitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern, Berlin 2001; ders. (Hrsg.), Skinheads, Neonazis, Mitläufer. Täterstudien und Prävention, Opladen 2003.

Vgl. Anm. 1, S. 109ff.; Andreas Zick/Beate Küpper, Traditioneller und moderner Antisemitismus, in: www.bpb.de/themen (16.5. 2007); Nonna Mayer, Transformations in French antisemitism, in: Journal für Konflikt- und Gewaltforschung 7 (2005) 2, S. 91 - 104.
4.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Weinheim 1992; ders. u.a., Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus, Weinheim 1995.
5.
Vgl. K. Wahl (Anm. 2).
6.
Vgl. Stephanie Würtz, Wie fremdenfeindlich sind Schüler? Eine qualitative Studie über Jugendliche und ihre Erfahrungen mit dem Fremden, Weinheim 2000, S. 184.