APUZ Dossier Bild

24.7.2007 | Von:
Klaus Wahl

Fremdenfeindliche Täter

Täterbiographien

Welche Lebensgeschichten führen zu derartigen Taten? Die polizeilichen Aufzeichnungen geben einen interessanten Hinweis: 60 % derfremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Tatverdächtigen waren Polizei und Gerichten schon vorher bekannt. Der Polizei lagen bei 34 % frühere Erkenntnisse zu politischen Straftaten vor, 13 % waren bereits wegen dieser Delikte verurteilt worden. Noch bemerkenswerter ist, dass die Polizei bei 56 % der Tatverdächtigen schon Erkenntnisse zu sonstigen früheren Taten hatte; 32 % waren wegen solcher Delikte bereits verurteilt worden, wieder andere hatten sowohl politische wie nichtpolitische Taten begangen (vgl. Abb.1 der PDF-Version ). So wird deutlich, dass es sich bei denfremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Tatverdächtigen in erheblichem Maße um "gewöhnliche" Kriminelle handelt, die vor allem wegen typischer Jugenddelikte (Körperverletzung, Diebstahl, Raub usw.) schon auffällig geworden waren, bevor sie von ihnen selbst politisch-ideologisch verklärte Taten begingen. Bei antisemitischen Tatverdächtigen hatte die Polizei bereits bei 51 % Erkenntnisse über frühere Taten aus dem Bereich der allgemeinen Kriminalität.

Dieser Befund einer meist früh begonnenen allgemeinen Kriminalkarriere begründet eine interessante Hypothese: Es sieht so aus, als ob die Mehrheit dieser Personen schon in ihrer Kindheit und frühen Jugend zu abweichendem Verhalten neigt. Damit erscheinen ihre späteren fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Taten in einer Kontinuität von Handlungen, die im vorpolitischen Raum beginnen und erst nach und nach zu von diesem Täterkreis ideologisch rationalisierten Taten übergehen. Um diese Hypothese empirisch zu prüfen, sind die Lebensgeschichten dieser Tatverdächtigen und Täter genauer zu analysieren, als das mit Polizei- und Gerichtsaufzeichnungen möglich ist. Wir haben dies in weiteren Untersuchungen getan:

  • in einer Intensivstudie bei 128 fremdenfeindlichen und fremdenfreundlichen Jugendlichen in Leipzig und München (durch das DJI, die Max Planck-Forschungsstelle für Humanethologie und die Universität München, finanziert durch die Köhler-Stiftung),[7]


  • in einer Reanalyse Leipziger Längsschnittsdaten von Kindern und Jugendlichen (DJI),[8]


  • in einer Expertise zu Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen für Rechtsextremismus und Toleranz (Wahl u.a., finanziert durch die Bertelsmann Stiftung).[9]


    Daraus ließen sich die Entwicklungspfade von Kindern und Jugendlichen, die später fremdenfeindliche u. ä. Taten begannen, präziser nachzeichnen. Insbesondere bei den Gewalttätern zeigten sich bereits früh in der Kindheit auffällige Symptome. Sie hatten meist schon eine von Aggressivität geprägte Lebensgeschichte.[10]

    "Früher war ich eher ängstlich, habe jeden geschlagen, der mir in den Weg kam, habe nicht geredet. Mit mir gab es kein Reden, dafür bin ich bekannt in der Gegend, in der ich wohne, dass ich mir nichts gefallen lasse. Ich bin einfach aggressiv, ja, von klein auf. Seitdem meine Mutter tot ist, gehe ich nur noch ab." (Norbert)

    Ein anderer, Ben, erzählt schon im Fachjargon der Psychologen, mit denen er zu tun hatte:

    "Das ging alles eigentlich schon im Kindergarten los, immer Hyperaktivität und alles. Schlägereien, wenn mir was nicht gepasst hat. Dann bin ich in Therapie gekommen wegen der Hyperaktivität. Das hat sich dann ein bisschen gebessert. In der ersten Klasse gab es dann aber Ärger mit den Mitschülern. Da wollten sie mich schon ins Heim stecken (...) Dann (...) habe ich das mit den Aggressionsschüben in Griff gekriegt. Aber es gab dann das Problem, dass es sich eine Weile angestaut hat und dann mit einmal rausgekommen ist, also um so härter, wie beim Ventil. Na ja, dann mit 13 Jahren die erste Anzeige wegen Körperverletzung und Rassismus. Mit 13 bin ich auch in die rechte Szene eingestiegen (...) Na ja, mit 16 dann ein größeres Ding (...) Wir sind an so einem Laden vorbeigekommen und reingegangen. Der Ladenbesitzer war Vietnamese, und mein Kumpel hat Streit angefangen. Dann ist das so weit eskaliert, dass der mit der Eisenstange auf uns los ist. Da habe ich das Messer gezogen und zugestochen. Er hat es überlebt, und ich habe zweieinhalb Jahre Knast gekriegt dafür. Dann wurde ich rausgelassen, vier Monate, wieder Mist gebaut. Schlägereien und Verbreitung von verfassungsfeindlichen Dingen usw. Und dann bin ich wieder in Untersuchungshaft gekommen."

    Wenn wir die Lebensgeschichten fremdenfeindlicher Gewalttäter genauer betrachten, fallen mehrere parallele Entwicklungspfade ins Auge (vgl. Abb. 2 der PDF-Version).

    1. Fast alle diese Jugendlichen waren - anders als eine Kontrollgruppe nichtkrimineller junger Leute - schon in der frühen Kindheit sehr aggressiv. Über die Hälfte der Täter wurde mindestens einmal von Schulen verwiesen, vor allem wegen Gewalttätigkeit. Einige mussten sogar schon den Kindergarten verlassen, weil sie dort zu aggressiv gegen andere Kinder waren. Solche Kinder hatten spezifische Temperamente, sie zeigten auffällige Emotionen und Verhaltensweisen. Bemerkenswerterweise können das ganz unterschiedliche Ausgangsemotionen sein:

  • Einen Teil bildeten selbstsichere, dominante Kinder, die später bewusst-geplant aggressiv waren. Im Jugendalter wurden sie eher die Führer von fremdenfeindlichen und rechtsextremen Gruppen;

  • Ein anderer Teil waren Kinder, die ängstlich, schüchtern, auch skeptisch gegenüber unbekannten Menschen waren. Sie fielen später durch defensive und impulsive Aggression auf und waren eher Mitläufer fremdenfeindlich-gewalttätiger Cliquen.

  • Wieder andere Kinder waren eher hyperaktiv und neigten zu Wutanfällen.

  • Gelegentlich waren es auch sehr traurige Kinder, wenn z.B. die Mutter früh gestorben war, der Vater nicht darüber hinwegkam, zu Alkohol griff und verstummte. Die Trauer der Kinder blieb sprachlos und unerwidert. Dann schlug die Trauer in Aggression um, vor allem gegen Mitschüler - quasi ein Hilfsappell: Ich bin traurig, keiner beachtet mich. Aber wenn ich zuschlage, werde ich beachtet.

    Am Anfang der Entwicklungspfade zu Gewalt standen also unterschiedliche, aber stets extreme Emotionen - ein wichtiger Hinweis für die Prävention, die stärker auf die jeweiligen Emotionen der Kinder achten und früh einsetzen sollte.

    2. Parallel zum Entwicklungspfad der Aggression gab es bei den fremdenfeindlichen Tätern einen zweiten Pfad: Die Art und Weise des Umgangs mit unvertrauten Menschen in Kindheit und Jugend.

    Hierzu ist das Ergebnis eines Experiments aufschlussreich. In einem Wartezimmer beobachteten wir mit versteckter Kamera erste Begegnungen zwischen jugendlichen deutschen Versuchspersonen und Jugendlichen von erkennbar ausländischer Herkunft (Letztere waren Schauspieler, die sich standardisiert verhielten). Dabei zeigten die Versuchspersonen unterschiedliche Emotionen und Verhaltensmuster: Eine Gruppe der Deutschen war gegenüber den Ausländern offen und neugierig, sah sie an, begann ein Gespräch. Eine zweite Gruppe war unsicher und ängstlich in der Körperhaltung und vermied ein Gespräch. Eine dritte Gruppe gab sich dominant bis aggressiv, schaute die Ausländer von oben herab an. Wie verhielten sich nun dieselben deutschen Versuchspersonen gegenüber anderen Deutschen im Wartezimmer? Interessanterweise verlief es nach denselben Mustern: Die gegenüber Ausländern Offenen waren auch gegenüber den Deutschen offen, die Ängstlichen ängstlich, die Aggressiven aggressiv.

    Was zeigt dieses Experiment? Fremdenfeindlichkeit scheint auf einer emotionalen Basis zu beruhen, die sich nicht primär gegen kulturell oder ethnisch Fremde richtet, sondern gegen unvertraute Menschen überhaupt. Hinter "Ausländerfeindlichkeit" steckt allgemeine Furcht vor anderen oder allgemeine Menschenfeindlichkeit. Entsprechende sozial-emotionale Auffälligkeiten sind schon bei Kindern bemerkbar. Aber erst etwa ab der Pubertät beginnen sich Misstrauen und Missgunst stärker gegen ethnisch Fremde und andere Minderheiten zu richten. Eine bedeutende Rolle spielen dabei neben den in der Familie aufgenommenen Vorurteilen Ideologien der Jugendgruppen (peer groups), denen man angehört.

    3. Die fremdenfeindlichen Straftäter zeigten im Kindes- und Jugendalter oft noch einen dritten Entwicklungspfad: Provokatorisches und antisoziales Verhalten bzw. allgemeine Devianz. Das beginnt bei jungen Schülern, die zwecks expressiver Selbstdarstellung und tabuverletzender Provokation von Erwachsenen Nazi-Parolen brüllen, die sie in diesem Alter noch kaum richtig verstehen. Ihre abweichenden Karrieren setzen sich über Schuleschwänzen und Kleinkriminalität fort und enden bei jugendtypischen Delikten wie Autodiebstahl und Körperverletzung an Deutschen und Ausländern.

    4. Meist erst am Anfang des Jugendalters, wenn man beginnt, in politischen Kategorien zu denken, kommen bei diesen Tätern rechtsextreme Ideologien hinzu: Bereits vorhandene Neigungen zu jugendlicher Selbstbehauptung werden nun mit einem ethnozentrischen Mantel umhüllt. Es reicht ihnen nicht mehr zu sagen, wie toll sie selbst sind, sondern sie sagen, dass "wir Deutschen toll sind" und "Ausländer" ihnen nicht das Wasser reichen können. Dazu kommt gelegentlich, dass Erzählungen der Großeltern aus dem Dritten Reich als faszinierend erlebt werden. Das Ergebnis ist, dass rechtsextreme Parolen anfangs eher unbegriffen nachgeplappert werden. Doch solche Jugendliche befinden sich in Übereinstimmung mit Teilen der Erwachsenen - nicht nur in Deutschland -, die zu rassistischen und rechtsextremen Ansichten tendieren. Später verfestigen sich solche anfänglich fragilen Meinungen zu Ideologien - besonders durch die Mitgliedschaft in Neonazi- oder Skinheadgruppen und durch rechtsextreme Musik. Als wir mit solchen Jugendlichen über ihre Lebensgeschichte, ihre Persönlichkeit und ihre politischen Ansichten sprachen, drängte sich uns allerdings der Verdacht auf, dass ihre Einstellungen zu einem großen Teil Rationalisierungen ihrer zuvor bestehenden Aggressivitätsneigung, ihrer Ängstlichkeit oder Selbstwertprobleme sein könnten.

  • Fußnoten

    7.
    Vgl. Klaus Wahl/ Christiane Tramitz/Jörg Blumtritt, Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen, Opladen 2001.
    8.
    Kurt Manecke u.a., Fremdenfeindliche Gewalt - eine Folge des Erziehungssystems der DDR? Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Thesen Christian Pfeiffers, unveröff. Ms., München 2000.
    9.
    Vgl. Klaus Wahl u.a., Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen für Toleranz, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Strategien gegen Rechtsextremismus, Bd. 1, Gütersloh 2005, S. 16-79.
    10.
    Vgl. zu der Studie K. Wahl 2003 (Anm. 2), S. 81ff.