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24.7.2007 | Von:
Klaus Wahl

Fremdenfeindliche Täter

Was haben antisemitische, fremdenfeindliche und rechtsextreme Täter gemeinsam, was unterscheidet sie? Ihre Lebensgeschichten zeigen meist schon früh in der Kindheit emotionale und soziale Auffälligkeiten. Das erfordert frühe Prävention.

Einleitung

Die von der Polizei "politisch rechts motivierte Straftaten mit extremistischem Hintergrund" genannten Delikte stiegen 2006 in Deutschland um 14,6 % gegenüber dem Vorjahr; sie bezogen sich überwiegend auf die Verbreitung von Propagandamitteln und die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§§ 86, 86a StGB). Als rechtsextrem gezählte Gewalttaten nahmen von 2005 bis 2006 um 9,3 % zu. 2006 wurden 484 fremdenfeindliche Gewalttaten (46,2 %), 302 Gewaltdelikte gegen reale und vermeintliche Linksextremisten (28,8%), 43 antisemitische Gewalttaten (4,1%), der Rest gegen sonstige Gegner erfasst.[1]





Täterstrukturen

Wer sind die Täter, die solche Delikte begehen? Wie politisch sind ihre Motive? Darüber gibt es wenige aktuelle repräsentative Daten. Wir haben Ende der 1990er Jahre empirische Studien durchgeführt, die hinsichtlich der groben Struktur der Tatverdächtigen bzw. Täter wohl noch zutreffen. Es handelt sich um - eine Analyse von 6 229 polizeilichen Ermittlungsakten des Jahres 1997 zu fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Tatverdächtigen (Vollerhebung durch das Deutsche Jugendinstitut - DJI), - eine Analyse von 217 entsprechenden Gerichtsurteilen (durch das DJI; beide Studien im Auftrag des Bundesinnenministeriums), - Interviews und Tests mit 115 verurteilten fremdenfeindlichen Gewalttätern und einer Kontrollgruppe von 36 Nichtkriminellen (durch das DJI mit den Universitäten Jena und München, finanziert durch die Volkswagen-Stiftung).[2]

Unserer Vollerhebung der nach den Polizeiakten fremdenfeindlichen, rechtsextremen und antisemitischen Tatverdächtigen in Deutschland 1997 zufolge waren diese überwiegend männliche Jugendliche und ledige Männer zwischen 15 und 24 Jahren. Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger hatte seit Anfang der 1990er Jahre zugenommen. Hinsichtlich der Bildung dominierten unter den Tatverdächtigen Hauptschüler und Schüler mit mittlerer Reife. Bei den antisemitischen Tätern fallen der relativ hohe Anteil von 11 % Hochschulabsolventen und ein höherer Schüler- und Erwerbstätigenanteil auf. Zudem sind die antisemitischen Tatverdächtigen im Durchschnitt etwas älter. Zum Erhebungszeitpunkt Ende der 1990er Jahre dürfte es sich noch mehr um den "alten" Antisemitismus gehandelt haben. Mittlerweile könnte der durch den Nahostkonflikt genährte "neue Antisemitismus" eine größere Rolle spielen, der Parallelen zum arabisch-islamistischen Antizionismus aufweist und unterstellt, die Juden zögen Vorteile aus der Schuld der Deutschen am Holocaust.[3]

Nach dem Erwerbsstatus waren 1997 etwa ein Drittel der fremdenfeindlichen, rechtsextremistischen und antisemitischen Tatverdächtigen Auszubildende, ein Viertel Schüler, ein weiteres Viertel erwerbstätig. Ein Fünftel war zum Zeitpunkt der Tat arbeitslos. Einerseits fanden sich damit mehr Arbeitslose unter den Tatverdächtigen als in der entsprechenden Altersgruppe der Gesamtbevölkerung. Andererseits suggeriert dies einen Zeitablauf, der nicht durchgängig gilt: In den Biographien solcher jungen Täter wechseln sich Phasen von Ausbildung, Jobs, krimineller Geldbeschaffung, Arbeitslosigkeit usw. häufig ab. Wenn z.B. fremdenfeindliche Auszubildende wegen Störung des Betriebsfriedens in ethnisch gemischten Belegschaften entlassen werden, dann arbeitslos sind und aufgrund einer neuen Straftat polizeilich erfasst werden, gelten sie statistisch als arbeitslos, obwohl die Arbeitslosigkeit durch ihr diskriminierendes Verhalten bedingt ist. In ihrer Mehrheit sind diese Tatverdächtigen jedenfalls nicht beruflich desintegriert, wie es eine populäre Theorie zum Rechtsextremismus unterstellte,[4] sondern sind in schulischer oder beruflicher Ausbildung oder erwerbstätig.[5]

Allerdings kann auch bei Erwerbstätigen durch die Furcht vor Arbeitslosigkeit, wie sie auch im sozialen Umfeld der Tatverdächtigen beobachtet wird, eine gewisse Motivation zu Fremdenfeindlichkeit gefördert werden.[6] Die Tatverdächtigenquoten in den östlichen Bundesländern lagen höher als in den westlichen. Ein Vergleich von Bundesland zu Bundesland ist jedoch schwierig, weil die Polizei die Fälle teilweise unterschiedlich kategorisierte.

Täterbiographien

Welche Lebensgeschichten führen zu derartigen Taten? Die polizeilichen Aufzeichnungen geben einen interessanten Hinweis: 60 % derfremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Tatverdächtigen waren Polizei und Gerichten schon vorher bekannt. Der Polizei lagen bei 34 % frühere Erkenntnisse zu politischen Straftaten vor, 13 % waren bereits wegen dieser Delikte verurteilt worden. Noch bemerkenswerter ist, dass die Polizei bei 56 % der Tatverdächtigen schon Erkenntnisse zu sonstigen früheren Taten hatte; 32 % waren wegen solcher Delikte bereits verurteilt worden, wieder andere hatten sowohl politische wie nichtpolitische Taten begangen (vgl. Abb.1 der PDF-Version ). So wird deutlich, dass es sich bei denfremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Tatverdächtigen in erheblichem Maße um "gewöhnliche" Kriminelle handelt, die vor allem wegen typischer Jugenddelikte (Körperverletzung, Diebstahl, Raub usw.) schon auffällig geworden waren, bevor sie von ihnen selbst politisch-ideologisch verklärte Taten begingen. Bei antisemitischen Tatverdächtigen hatte die Polizei bereits bei 51 % Erkenntnisse über frühere Taten aus dem Bereich der allgemeinen Kriminalität.

Dieser Befund einer meist früh begonnenen allgemeinen Kriminalkarriere begründet eine interessante Hypothese: Es sieht so aus, als ob die Mehrheit dieser Personen schon in ihrer Kindheit und frühen Jugend zu abweichendem Verhalten neigt. Damit erscheinen ihre späteren fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremen Taten in einer Kontinuität von Handlungen, die im vorpolitischen Raum beginnen und erst nach und nach zu von diesem Täterkreis ideologisch rationalisierten Taten übergehen. Um diese Hypothese empirisch zu prüfen, sind die Lebensgeschichten dieser Tatverdächtigen und Täter genauer zu analysieren, als das mit Polizei- und Gerichtsaufzeichnungen möglich ist. Wir haben dies in weiteren Untersuchungen getan:

  • in einer Intensivstudie bei 128 fremdenfeindlichen und fremdenfreundlichen Jugendlichen in Leipzig und München (durch das DJI, die Max Planck-Forschungsstelle für Humanethologie und die Universität München, finanziert durch die Köhler-Stiftung),[7]


  • in einer Reanalyse Leipziger Längsschnittsdaten von Kindern und Jugendlichen (DJI),[8]


  • in einer Expertise zu Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen für Rechtsextremismus und Toleranz (Wahl u.a., finanziert durch die Bertelsmann Stiftung).[9]


    Daraus ließen sich die Entwicklungspfade von Kindern und Jugendlichen, die später fremdenfeindliche u. ä. Taten begannen, präziser nachzeichnen. Insbesondere bei den Gewalttätern zeigten sich bereits früh in der Kindheit auffällige Symptome. Sie hatten meist schon eine von Aggressivität geprägte Lebensgeschichte.[10]

    "Früher war ich eher ängstlich, habe jeden geschlagen, der mir in den Weg kam, habe nicht geredet. Mit mir gab es kein Reden, dafür bin ich bekannt in der Gegend, in der ich wohne, dass ich mir nichts gefallen lasse. Ich bin einfach aggressiv, ja, von klein auf. Seitdem meine Mutter tot ist, gehe ich nur noch ab." (Norbert)

    Ein anderer, Ben, erzählt schon im Fachjargon der Psychologen, mit denen er zu tun hatte:

    "Das ging alles eigentlich schon im Kindergarten los, immer Hyperaktivität und alles. Schlägereien, wenn mir was nicht gepasst hat. Dann bin ich in Therapie gekommen wegen der Hyperaktivität. Das hat sich dann ein bisschen gebessert. In der ersten Klasse gab es dann aber Ärger mit den Mitschülern. Da wollten sie mich schon ins Heim stecken (...) Dann (...) habe ich das mit den Aggressionsschüben in Griff gekriegt. Aber es gab dann das Problem, dass es sich eine Weile angestaut hat und dann mit einmal rausgekommen ist, also um so härter, wie beim Ventil. Na ja, dann mit 13 Jahren die erste Anzeige wegen Körperverletzung und Rassismus. Mit 13 bin ich auch in die rechte Szene eingestiegen (...) Na ja, mit 16 dann ein größeres Ding (...) Wir sind an so einem Laden vorbeigekommen und reingegangen. Der Ladenbesitzer war Vietnamese, und mein Kumpel hat Streit angefangen. Dann ist das so weit eskaliert, dass der mit der Eisenstange auf uns los ist. Da habe ich das Messer gezogen und zugestochen. Er hat es überlebt, und ich habe zweieinhalb Jahre Knast gekriegt dafür. Dann wurde ich rausgelassen, vier Monate, wieder Mist gebaut. Schlägereien und Verbreitung von verfassungsfeindlichen Dingen usw. Und dann bin ich wieder in Untersuchungshaft gekommen."

    Wenn wir die Lebensgeschichten fremdenfeindlicher Gewalttäter genauer betrachten, fallen mehrere parallele Entwicklungspfade ins Auge (vgl. Abb. 2 der PDF-Version).

    1. Fast alle diese Jugendlichen waren - anders als eine Kontrollgruppe nichtkrimineller junger Leute - schon in der frühen Kindheit sehr aggressiv. Über die Hälfte der Täter wurde mindestens einmal von Schulen verwiesen, vor allem wegen Gewalttätigkeit. Einige mussten sogar schon den Kindergarten verlassen, weil sie dort zu aggressiv gegen andere Kinder waren. Solche Kinder hatten spezifische Temperamente, sie zeigten auffällige Emotionen und Verhaltensweisen. Bemerkenswerterweise können das ganz unterschiedliche Ausgangsemotionen sein:

  • Einen Teil bildeten selbstsichere, dominante Kinder, die später bewusst-geplant aggressiv waren. Im Jugendalter wurden sie eher die Führer von fremdenfeindlichen und rechtsextremen Gruppen;

  • Ein anderer Teil waren Kinder, die ängstlich, schüchtern, auch skeptisch gegenüber unbekannten Menschen waren. Sie fielen später durch defensive und impulsive Aggression auf und waren eher Mitläufer fremdenfeindlich-gewalttätiger Cliquen.

  • Wieder andere Kinder waren eher hyperaktiv und neigten zu Wutanfällen.

  • Gelegentlich waren es auch sehr traurige Kinder, wenn z.B. die Mutter früh gestorben war, der Vater nicht darüber hinwegkam, zu Alkohol griff und verstummte. Die Trauer der Kinder blieb sprachlos und unerwidert. Dann schlug die Trauer in Aggression um, vor allem gegen Mitschüler - quasi ein Hilfsappell: Ich bin traurig, keiner beachtet mich. Aber wenn ich zuschlage, werde ich beachtet.

    Am Anfang der Entwicklungspfade zu Gewalt standen also unterschiedliche, aber stets extreme Emotionen - ein wichtiger Hinweis für die Prävention, die stärker auf die jeweiligen Emotionen der Kinder achten und früh einsetzen sollte.

    2. Parallel zum Entwicklungspfad der Aggression gab es bei den fremdenfeindlichen Tätern einen zweiten Pfad: Die Art und Weise des Umgangs mit unvertrauten Menschen in Kindheit und Jugend.

    Hierzu ist das Ergebnis eines Experiments aufschlussreich. In einem Wartezimmer beobachteten wir mit versteckter Kamera erste Begegnungen zwischen jugendlichen deutschen Versuchspersonen und Jugendlichen von erkennbar ausländischer Herkunft (Letztere waren Schauspieler, die sich standardisiert verhielten). Dabei zeigten die Versuchspersonen unterschiedliche Emotionen und Verhaltensmuster: Eine Gruppe der Deutschen war gegenüber den Ausländern offen und neugierig, sah sie an, begann ein Gespräch. Eine zweite Gruppe war unsicher und ängstlich in der Körperhaltung und vermied ein Gespräch. Eine dritte Gruppe gab sich dominant bis aggressiv, schaute die Ausländer von oben herab an. Wie verhielten sich nun dieselben deutschen Versuchspersonen gegenüber anderen Deutschen im Wartezimmer? Interessanterweise verlief es nach denselben Mustern: Die gegenüber Ausländern Offenen waren auch gegenüber den Deutschen offen, die Ängstlichen ängstlich, die Aggressiven aggressiv.

    Was zeigt dieses Experiment? Fremdenfeindlichkeit scheint auf einer emotionalen Basis zu beruhen, die sich nicht primär gegen kulturell oder ethnisch Fremde richtet, sondern gegen unvertraute Menschen überhaupt. Hinter "Ausländerfeindlichkeit" steckt allgemeine Furcht vor anderen oder allgemeine Menschenfeindlichkeit. Entsprechende sozial-emotionale Auffälligkeiten sind schon bei Kindern bemerkbar. Aber erst etwa ab der Pubertät beginnen sich Misstrauen und Missgunst stärker gegen ethnisch Fremde und andere Minderheiten zu richten. Eine bedeutende Rolle spielen dabei neben den in der Familie aufgenommenen Vorurteilen Ideologien der Jugendgruppen (peer groups), denen man angehört.

    3. Die fremdenfeindlichen Straftäter zeigten im Kindes- und Jugendalter oft noch einen dritten Entwicklungspfad: Provokatorisches und antisoziales Verhalten bzw. allgemeine Devianz. Das beginnt bei jungen Schülern, die zwecks expressiver Selbstdarstellung und tabuverletzender Provokation von Erwachsenen Nazi-Parolen brüllen, die sie in diesem Alter noch kaum richtig verstehen. Ihre abweichenden Karrieren setzen sich über Schuleschwänzen und Kleinkriminalität fort und enden bei jugendtypischen Delikten wie Autodiebstahl und Körperverletzung an Deutschen und Ausländern.

    4. Meist erst am Anfang des Jugendalters, wenn man beginnt, in politischen Kategorien zu denken, kommen bei diesen Tätern rechtsextreme Ideologien hinzu: Bereits vorhandene Neigungen zu jugendlicher Selbstbehauptung werden nun mit einem ethnozentrischen Mantel umhüllt. Es reicht ihnen nicht mehr zu sagen, wie toll sie selbst sind, sondern sie sagen, dass "wir Deutschen toll sind" und "Ausländer" ihnen nicht das Wasser reichen können. Dazu kommt gelegentlich, dass Erzählungen der Großeltern aus dem Dritten Reich als faszinierend erlebt werden. Das Ergebnis ist, dass rechtsextreme Parolen anfangs eher unbegriffen nachgeplappert werden. Doch solche Jugendliche befinden sich in Übereinstimmung mit Teilen der Erwachsenen - nicht nur in Deutschland -, die zu rassistischen und rechtsextremen Ansichten tendieren. Später verfestigen sich solche anfänglich fragilen Meinungen zu Ideologien - besonders durch die Mitgliedschaft in Neonazi- oder Skinheadgruppen und durch rechtsextreme Musik. Als wir mit solchen Jugendlichen über ihre Lebensgeschichte, ihre Persönlichkeit und ihre politischen Ansichten sprachen, drängte sich uns allerdings der Verdacht auf, dass ihre Einstellungen zu einem großen Teil Rationalisierungen ihrer zuvor bestehenden Aggressivitätsneigung, ihrer Ängstlichkeit oder Selbstwertprobleme sein könnten.
  • Antisemitische Täter

    "Soweit ich mich erinnern kann, habe ich schon immer Wut gehabt, schon immer Hass. Schon von Kindesbeinen auf. Genauso wie den Judenhass. Den Antisemitismus, den ich immer habe, das ist was - ich versuche da irgendwie dahinter zu kommen, aber ich komm nicht dahinter, warum ich Antisemit bin" (Horst).

    Meist können sich die Täter nicht erinnern, ab wann sie von Juden gehört und antisemitische Einstellungen entwickelt haben. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und rechtsextreme Ideologen sind vielfach in einer Mischung vorhanden, allerdings mit Differenzierungen. Auf der einen Seite spulen diese Täter die bekannten böswilligen Stereotypen ab: "Juden, das sind einfach Schlitzohren" (Dietmar). "Ich habe mit denen nicht viel am Hut (...) Die haben sowieso ihre Hände in Politik und überall mit drin" (Frank). "Jedes Land hasst Juden" (Horst). Andererseits finden sich vorsichtige Distanzierungen: "Das fand ich schon damals bei Hitler nicht so toll, dass da so die ganzen Juden systematisch vernichtet wurden" (Chris). "Juden sind mir egal. Mit Juden habe ich nichts zu tun" (Benny).

    Antisemitische Gewalttaten sind heute viel seltener als allgemein fremdenfeindliche oder rechtsextremistische Straftaten. Gelegentlich kommen sie unter aberwitzigen Bedingungen zustande. So gibt es naiv geplante und daher gescheiterte sozialpädagogische Versuche, durch Konfrontation von rechtsextremen Tätergruppen mit Juden moralische Aufklärung zu betreiben. Ein rechtsextremer Gewalttäter berichtet:

    "Wir sollten drei Wochen nach Israel. Aber ich habe nach einer Woche lebenslanges Einreiseverbot gekriegt (...) Wir haben da Mist gebaut. Erst mal, die Klagemauer da, das komische Vieh, wo die da immer so beten und hoffen, dass Jesus kommt. Da haben wir mal davorgepinkelt. Dann haben wir einen Juden zusammengeschlagen, der uns beschimpft hat. Dann haben wir uns mit der Polizei geprügelt (...) Wir waren damals 30 Jugendliche, nur zwei sind bis zum Schluss der Maßnahme geblieben (...) Es waren Sozialarbeiter dabei und man wollte uns mit jüdischen Jugendlichen zusammenbringen, das konnte nur schief gehen" (Harald).

    Ursachen und aktuelle Auslöser

    Die Diskussionen über die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Gewalt nennen vieles: das Nachwirken des Nationalsozialismus, den Zerfall traditioneller Werte und Bindungen an Familie, Kirche oder Nachbarschaft, das Erbe der autoritär-weltabgewandten DDR oder den Modernisierungsschock durch die Wende im Osten, die Globalisierung, Konjunktureinbrüche, hohe Arbeitslosigkeit, die Zuwanderung, unklare Zukunftsperspektiven für die jugendlichen Verlierer der Modernisierung, Defizite der politischen Bildung. Das mag alles zu Existenzunsicherheit und Orientierungslosigkeit beitragen. Demnach könnten Teile der Bevölkerung auf solche Prozesse durch Rückzug auf das Vertraute, das eigene Milieu, das eigene Volk und durch Abschottung von Menschen aus anderen Kulturen reagieren. Sie könnten hoffen, durch diese Wagenburgmentalität eigene Arbeitsplätze und die vertraute Kultur zu sichern. Für die Alltagspsychologie klingen diese Annahmen zur Entstehung von Fremdenfeindlichkeit als Folge gravierender gesellschaftlicher Prozesse oder Ereignisse plausibel. Es ist jedoch Aufgabe empirischer Forschung, solche Hypothesen zu prüfen.

    Die Forschung zeigt dann schnell, dass nur ein Teil der Arbeitslosen fremdenfeindlich wird, Antisemitismus auch in so genannten besseren Kreisen existiert und unterhalb konjunktureller Schwankungen ein dauerhafter Sockel rechtsextremer Einstellungen besteht. Man sieht, dass es von weiteren Faktoren abhängt, ob etwa Arbeitslosigkeit und Zuwanderung bei der einzelnen Person zu Fremdenfeindlichkeit führen. Einer der wichtigsten Faktoren ist die individuelle Persönlichkeit. Einstellungen zu anderen Menschen und politische Ansichten hängen auch davon ab, ob jemand emotional stabil in sich ruht und optimistisch ist oder unsicher in die Welt blickt und überall Gefahren wittert. Die Einstellungen werden auch von der unmittelbaren Umgebung beeinflusst, also etwa davon, wie stark eine Person in eine Familie oder in eine Freundschaftsclique eingebettet ist und welche politischen Weltbilder dort angeboten werden.

    Was sind also die "Ur-"sachen, die bei Gewalttätern schon in der Kindheit beobachtbaren vorpolitischen Entwicklungen in Richtung Fremdenfeindlichkeit? Die Aggressionsforschung weiß seit langem, dass gewalttätige Eltern überdurchschnittlich häufig auch gewalttätige Kinder haben. Während Lernpsychologen und Soziologen dieses Phänomen dem elterlichen Vorbild und anerzogenen Mustern zuschrieben, machten Genetiker hierfür die biologischen Anlagen verantwortlich, die die Eltern ihren Kindern weitergeben. Durch Zwillings- und Adoptionsstudien, in denen sich die Wirkungen der beiden Faktorenbündel einigermaßen trennen lassen, hat man recht hohe genetische Anteile für Aggression gefunden (anders als bei sonstiger Kriminalität).[11] Die biologisch mitbedingte Persönlichkeitsentwicklung geschieht aber im Wechselspiel mit der sozialen Umgebung.[12] So beeinflusst die genetische Grundausstattung, welche Reize ein Individuum wahrnimmt, welche Situationen es bevorzugt und wie es auf seine Umwelt reagiert. Kinder und Jugendliche mit einem risikofreudigen, aggressiven Temperament suchen eher eine Umgebung von Gleichaltrigen auf, die selbst riskant-aggressives Verhalten zeigen. In solchen Cliquen kann sich dann die Aggressivität hochschaukeln, selbst bei den sonst friedlicheren Mädchen. Die durch Anlage und frühe Erfahrungen geprägte Persönlichkeit des heranwachsenden Menschen ist entscheidend dafür, ob er offen auf andere zugeht oder sich ängstlich zurückzieht, ob er ein eigenes Urteil entwickelt oder Ideologien nachplappert, ob er Selbstbewusstsein aufbaut oder fragwürdigen politischen Heilsversprechen vertraut, wie er Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wahrnimmt und zu Einstellungen und Verhalten verarbeitet. Vom individuellen Temperament ist es abhängig, ob Arbeitslosigkeit, Zuwanderung oder Wertewandel als belastend und frustrierend erlebt oder als Herausforderung zur kreativen Suche nach Lösungen betrachtet werden. Daher sollte Prävention sich nicht nur auf Gruppen (Jungen, Hauptschüler) beziehen, sondern vor allem auf Individuen.

    Risikofaktoren

    Was sind die gesellschaftlichen Risikofaktoren? Studien fanden kulturelle, ökonomische und makrosoziale Faktoren für Fremdenfeindlichkeit und Gewalt, z.B. niedrige Bildung und geringes Familieneinkommen. Zudem gibt es mikrosoziale Risikofaktoren in den Familien wie Partnerkonflikte, Trennung von Vater und Mutter, ein neuer Partner der Mutter, der möglicherweise nicht das Vertrauen des Kindes gewinnt - all das kann Kinder belasten. Auch herrscht in den Familien von fremdenfeindlich-aggressiven Kindern und Jugendlichen oft ein frostiges, gewalttätiges, alkoholbelastetes Familienklima.

    Der Entwicklungspfad zu Aggression und Fremdenfeindlichkeit beginnt im Detail häufig damit, dass Eltern oder Pädagogen bei emotionalen und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder überfordert sind. Sie reagieren dann oft mit gewalttätigen Erziehungsmitteln. Das verstärkt die Aggressionsneigung der Kinder. Im weiteren Lebenslauf kommt es dann - prototypisch - immer öfter zu Gewalttätigkeiten gegen Gleichaltrige, Mitschüler, gelegentlich auch Lehrer und Eltern. Die Schule wird oft geschwänzt - und diese antwortet mit Schulverweisen. Das Leben der Kinder und Jugendlichen verlagert sich auf die Straße. Spätestens ab der Pubertät schließen sie sich dann kriminellen Cliquen an, in denen die problematischen Verhaltenstendenzen verstärkt werden. Die Auffälligkeit wird im Laufe der Zeit so groß, dass das Jugendamt und die Polizei aufmerksam werden. Es folgen Ermahnungen und erzieherische Maßnahmen - bis zur Heimeinweisung und anschließender Flucht aus dem Heim. Es endet mit einer Rückkehr auf die Straße und bei kriminellen, fremdenfeindlichen und gewalttätigen Cliquen wie Skinheads oder Neonazis - ein Teufelskreis für Anschlusskriminalität.

    Prävention im vorpolitischen Raum

    Die altersspezifische Umwelt von Kindern ist von Erwachsenen gestaltbar.[13] Angesichts der nachhaltigen Wirkung der biologischen Grundausstattung und früher Sozialisationserfahrungen auf das kindliche Aggressionsniveau muss Prävention aber frühzeitig und andauernd ansetzen, um effektiv und nachhaltig wirken zu können. Viele Eltern sind auf Kindererziehung heute wenig vorbereitet. Durch die seit langem abnehmende Kinderzahl gibt es weniger Verwandte und damit weniger "natürliche" Vorbilder (z.B. ältere Geschwister), bei denen man abschauen kann, wie andere Eltern mit Kindern umgehen. Eltern sind also auf "Fortbildung" in Sachen Erziehung angewiesen, auf Zeitschriften, Bücher, Fernsehsendungen und Elternbildungskurse. Der Erfolg der Serie "Super Nanny" gibt zu denken.[14] Die Ausbildungsinhalte von Erzieherinnen und Lehrern reichen nicht aus, um riskante emotionale und aggressive Entwicklungen zu diagnostizieren und zu behandeln; diese Berufsgruppen brauchen entsprechende Nachhilfe.[15]

    Emotionales und soziales Lernen sind noch recht blinde Flecke unseres Bildungssystems. Polizei, Jugendarbeit und Politik sind oft auf die spektakulären Fälle von Jugendlichen, wie etwa gewalttätige Skinheads, fixiert. Aber die schießen nicht mit 16 Jahren wie Pilze aus der Erde, sie haben eine Vorgeschichte. Wegen der größeren Wirksamkeit von Maßnahmen, die früh in den Ursachenketten ansetzen, sind frühe Präventionsansätze beim kleinen Kind aussichtsreicher, in Familie, Kindergarten und Schule, wo auch friedliche Konfliktlösungsmuster eingeübt werden können. So kann einer ganzen Bandbreite späterer Probleme vorgebeugt werden - frühe Programme wirken wie eine Art pädagogisches "Breitband-Antibiotikum".

    In der Pubertät entscheidet sich, in welche soziale Richtung es weitergeht: zu den christlichen Pfadfindern, der Naturfreundejugend oder zu Hooligans, Skinheads und Neonazis. Ganztagsschulen und Jugendarbeit müssen den Jugendlichen attraktivere Freizeitangebote machen als bisher, um ihre Erreichbarkeit für u.U. problematische Jugendszenen zu senken.
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    Fußnoten

    1.
    Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2006 (Vorabfassung), Berlin 2007, S. 23, 26, 28.
    2.
    Vgl. Klaus Wahl (Hrsg.), Fremdenfeindlichkeit, Anti-
    3.
    semitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern, Berlin 2001; ders. (Hrsg.), Skinheads, Neonazis, Mitläufer. Täterstudien und Prävention, Opladen 2003.

    Vgl. Anm. 1, S. 109ff.; Andreas Zick/Beate Küpper, Traditioneller und moderner Antisemitismus, in: www.bpb.de/themen (16.5. 2007); Nonna Mayer, Transformations in French antisemitism, in: Journal für Konflikt- und Gewaltforschung 7 (2005) 2, S. 91 - 104.
    4.
    Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Weinheim 1992; ders. u.a., Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus, Weinheim 1995.
    5.
    Vgl. K. Wahl (Anm. 2).
    6.
    Vgl. Stephanie Würtz, Wie fremdenfeindlich sind Schüler? Eine qualitative Studie über Jugendliche und ihre Erfahrungen mit dem Fremden, Weinheim 2000, S. 184.
    7.
    Vgl. Klaus Wahl/ Christiane Tramitz/Jörg Blumtritt, Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen, Opladen 2001.
    8.
    Kurt Manecke u.a., Fremdenfeindliche Gewalt - eine Folge des Erziehungssystems der DDR? Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Thesen Christian Pfeiffers, unveröff. Ms., München 2000.
    9.
    Vgl. Klaus Wahl u.a., Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen für Toleranz, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Strategien gegen Rechtsextremismus, Bd. 1, Gütersloh 2005, S. 16-79.
    10.
    Vgl. zu der Studie K. Wahl 2003 (Anm. 2), S. 81ff.
    11.
    Vgl. Irving I. Gottesman/H. Hill Goldsmith/Gregory Carey, A Developmental and a Genetic Perspective on Aggression, in: Nancy L. Segal/Glenn E. Weisfeld/Carol C. Weisfeld (Eds.), Uniting Psychology and Biology. Washington D.C 1997, S. 107 - 130; Edwin J.C.G.Van den Oord/Dorret I.Boomsma/Frank C. Verhulst, A Study of Genetic and Environmental Effects on the Co-Occurrence of Problem Behaviors in Three-Year-Old Twins, in: Journal of Abnormal Psychology 109 (2000) 3, S. 360 - 372.
    12.
    Vgl. Michael L. Rutter, Nature-Nurture Integration. The Example of Antisocial Behavior, in: American Psychologist 52 (1997), 4, S. 390 - 398; Klaus Schmeck/Fritz Poustka, Biologische Grundlagen von impulsiv-aggressivem Verhalten, in: Kindheit und Entwicklung 9 (2000) 1, S. 3 - 13.
    13.
    Vgl. Dean Hamer/Peter Copeland, Das unausweichliche Erbe, Bern 1998, S. 121f.
    14.
    Vgl. Klaus Wahl/Katja Hees (Hrsg.), Helfen "Super Nanny" und Co.? Ratlose Eltern - Herausforderung für die Elternbildung, Berlin 2007.
    15.
    Vgl. Klaus Wahl, Vertragen oder schlagen?, Berlin 2007.