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Atompilz über der japanischen Stadt Hiroshima am 06. August 1945

17.1.2020 | Von:
Frank Bajohr

Nach dem Zivilisationsbruch. Stand und Perspektiven der Holocaustforschung

Als die Truppen der Alliierten 1945 das nationalsozialistische Deutschland militärisch besiegten, beendeten sie ein präzedenzloses Jahrhundertverbrechen, dem bis Kriegsende rund sechs Millionen europäischer Jüdinnen und Juden zum Opfer gefallen waren. Bis zuletzt kamen unzählige Opfer auf Todesmärschen ums Leben oder starben in Lagern an Hunger und Seuchen. Viele alliierte Soldaten trafen die vorgefundenen Leichenberge wie ein unerwarteter Schock, doch waren die Alliierten schon seit Jahren über die Massenverbrechen des "Dritten Reiches" relativ genau informiert gewesen und hatten diese spätestens seit 1942 auch öffentlich angeprangert.[1] Da die Westalliierten den Funkcode der mobilen Mordeinheiten entschlüsseln konnten, waren sie beispielsweise über die Massenerschießungen von Juden durch die Einsatzgruppen seit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 umfassend im Bilde. Mit der Rückeroberung sowjetischen Territoriums durch die Rote Armee seit 1943/44 hatten sowjetische Untersuchungskommissionen zahlreiche Massengräber vorgefunden und durch Befragungen einen genauen Überblick über die Massenmorde gewonnen.[2] Allerdings firmierten die ermordeten Juden in diesen Berichten zumeist als "sowjetische Zivilisten" oder "friedliche Sowjetbürger". Der Massenmord an den europäischen Juden und seine bedrängenden Besonderheiten wurden auf diese Weise nicht klar benannt.

Dies war auf Seiten der Westalliierten nicht anders, wo der Holocaust noch keinen Namen hatte und als spezifischer Mordvorgang nur selten thematisiert wurde. So unterschieden die amerikanischen "Atrocity Films", die 1945 die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen konfrontierten, weder präzise zwischen den verschiedenen Gruppen von NS-Opfern noch zwischen den unterschiedlichen Kategorien von Lagern, die 1945 befreit worden waren.[3] Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46 bildete der Holocaust keinen eigenen Anklagepunkt, sondern fungierte lediglich als eines von vielen Beispielen für "Crimes against Humanity".[4] Die mangelnde Bereitschaft, den Massenmord an den europäischen Juden als singuläres und spezifisches Massenverbrechen hervorzuheben, spiegelte vor allem den Wunsch der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaften wider, Themen wie die gesellschaftliche Komplizenschaft oder die Kollaboration bei den Verbrechen nach Möglichkeit auszublenden.

Auch die betroffenen Überlebenden schauten vielfach nach vorn und konzentrierten sich auf ihre gesellschaftliche Re-Integration. Allerdings hatten sich viele Opfer zugleich um die Dokumentation ihres Leids bemüht. Dies geschah – wie beim Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto – teilweise noch während des Verfolgungsprozesses, mit der Intention, vom verzweifelten Überlebenskampf Zeugnis für die Nachwelt abzulegen.[5] Auch die Zeit nach der Befreiung war durch intensive Dokumentationsbemühungen jüdischer Überlebender gekennzeichnet.[6]

Daraus entwickelte sich jedoch kein allgemeines, breit angelegtes Feld der Holocaustforschung. Diese blieb lange Zeit ein Randthema, das vor allem von jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bearbeitet wurde. Zu Recht gelten deshalb Personen wie Rachel Auerbach, Philip Friedman, Gerald Reitlinger, Raul Hilberg, Léon Poliakov oder Joseph Wulf als Pioniere der wissenschaftlichen Analyse des Holocaust.[7] Erst in den 1970er und 1980er Jahren verdichteten sich die einzelnen Forschungen zu einem breiter angelegten Trend, deutlich sichtbar an ersten internationalen Konferenzen, die sich mit dem nun als "Holocaust" bezeichneten Massenmord beschäftigten.[8] Wie sich zeigen sollte, war dies nur der Auftakt zu einem regelrechten Boom der Forschung, der in den 1990er Jahren einsetzte und bis heute unvermindert anhält.

Zugleich ging dieser Aufschwung jedoch Hand in Hand mit neuen Perspektiven und Ansätzen, die sich teilweise deutlich von jenen Pionierarbeiten unterschieden, die die Grundlagen für die Holocaustforschung gelegt hatten. Einige dieser Forschungstrends, ihre Erkenntnisse und mögliche Probleme sollen im Folgenden näher in den Blick genommen werden.[9]

Neue Trends der Täterforschung

Lange Zeit wurde der typische Täter des Holocaust durch den Typus des sogenannten Schreibtischtäters personifiziert, durch einen Bürokraten, tätig in den Verwaltungsinstitutionen eines modernen Staates.[10] Dementsprechend wurde auch der Holocaust als mechanisierte und hochgradig organisierte Form des Tötens begriffen, für die die Deportationszüge oder Todeslager wie Auschwitz standen. Als sich jedoch der Fokus der Forschung ab den 1990er Jahren zunehmend auf die zahlreichen "Killing Fields" in Osteuropa richtete beziehungsweise verschob, kam ein völlig anderer Tätertypus ins Blickfeld, nämlich der Mordschütze in den mobilen Tötungseinheiten, der den Opfern unmittelbar gegenübergestanden hatte. Diskussionen um die Täter des Holocaust kreisen dementsprechend nicht mehr länger um die inhärente Amoralität moderner Bürokratien oder die Verbindung von industrialisiertem Massenmord und Moderne, wie sie beispielsweise das Buch von Zygmunt Bauman über "Modernity and the Holocaust" bestimmt hatte.[11]

Ein genauerer Blick auf die am Holocaust beteiligten Institutionen wie das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zeigt nämlich, dass diese keineswegs nach dem Muster klassischer bürokratischer Institutionen funktionierten. Sie besaßen vielmehr eine dynamische Struktur, die sich den praktischen Erfordernissen des Massenmordes flexibel anpasste. Nicht wenige Angehörige des RSHA pendelten zwischen ihrem Schreibtisch in Berlin und Mordeinsätzen im Osten hin und her. Nach 1933 setzten sie nicht allein staatliche Vorgaben bürokratisch um. Vielmehr nutzten sie die neuen Verhältnisse, um ihre persönlichen Überzeugungen, die sich schon in der völkischen Studentenbewegung der 1920er Jahre gebildet hatten, in die politische Praxis umzusetzen.[12]

Darüber hinaus richtet sich die Aufmerksamkeit der Täterforschung auf Mechanismen der Gruppenkohäsion und sozialpsychologische Prozesse in den Formationen der Täter.[13] Besondere Aufmerksamkeit hat dabei die Rolle der "Kameradschaft" gefunden, die in den NS-Institutionen auf der radikalen Unterscheidung zwischen "Uns" und den "Anderen" basierte.[14] Wichtiger, als einen Befehl auszuführen, war vor allem, seine Kameraden nicht bei dessen Umsetzung im Stich zu lassen.

Dementsprechend hat auch "Auschwitz" als Synonym für eine beinahe klinische Form des Tötens in Gaskammern, ohne persönliche Konfrontation zwischen Tätern und Opfern, an Bedeutung verloren. Schließlich war die grausame Realität der Massenmorde im Holocaust auch durch die archaischen und blutigen Massaker der Tötungseinheiten und Polizeibataillone geprägt, die von der älteren Forschung nur unzureichend berücksichtigt worden waren. Mit der Verschiebung des Fokus vom Zentrum in Berlin zur Peripherie in Osteuropa sind nicht zuletzt auch nichtdeutsche Täter des Holocaust in den Blick geraten, darunter Balten, Polen oder Ukrainer, die als Hilfspolizisten agierten, oder die kroatische Ustascha beziehungsweise die rumänische Armee, die in eigener Verantwortung Hunderttausende Juden ermordeten, ohne von den Deutschen dazu gezwungen worden zu sein.[15]

Zu konstatieren ist daher eine zunehmende "Europäisierung" des Holocaust, sodass in der historischen Rekonstruktion immer öfter statt von einem spezifisch deutschen Massenmord von einem europäischen Genozid gesprochen wird. Dieser bemerkenswerte Perspektivwechsel eröffnet unzweifelhaft neue Einsichten in diverse Formen der Massengewalt in Osteuropa und damit auch für die Kontextualisierung des Holocaust. Neue Perspektiven müssen aber stets an ältere Erkenntnisse rückgebunden werden. Es ist wichtig zu wissen, dass sich polnische oder ukrainische Polizisten am Holocaust beteiligten – nur wären sie ohne die deutsche Besetzung Polens oder der Ukraine niemals in diese Situation gekommen. Natürlich kann es kein Zurück zu einer ausschließlich auf Deutschland fokussierten, noch dazu auf Hitler und die Spitze des NS-Regimes verengten Forschung geben. Gleichwohl steht die zentrale Verantwortung Deutschlands für den Holocaust außer Frage, so wie auch eine Geschichte des Holocaust nicht ohne Hitler, Himmler, Heydrich oder Göring geschrieben werden kann.

Differenzierterer Blick auf die Opfer

In früheren Darstellungen des Holocaust wurde dem Verhalten der jüdischen Opfer nicht immer die gebotene Aufmerksamkeit gewidmet. Diskussionen verengten sich zumeist auf die Rolle jüdischer Funktionäre und der Judenräte, deren Verhalten oft scharf kritisiert wurde.[16] Viele negative Urteile sind jedoch mittlerweile durch die jüngere Forschung stark relativiert worden. Nicht wenige Judenräte standen in personeller Kontinuität zu früheren jüdischen Institutionen und bemühten sich vor allem darum, die Lebenssituation der verfolgten Juden in den Ghettos zu verbessern. In manchen Orten bestanden mehrere Judenräte nacheinander, die sich oft durch unterschiedliche Verhaltensstrategien auszeichneten, aber letztlich der Willkür der deutschen Besatzer ausgeliefert waren. Am Ende waren nicht die Judenräte, sondern die deutschen Besatzer für das Schicksal der Juden zentral verantwortlich.[17]

Lange hat das Alltagsleben der verfolgten Juden, ihre Umgangsstrategien mit Diskriminierung und Repression sowie ihr verzweifelter Überlebenskampf im Angesicht des Holocaust, in der historischen Forschung keine Beachtung gefunden. Mittlerweile liegen jedoch eine Vielzahl von Ego-Dokumenten wie Tagebücher und persönliche Berichte vor, die sich in Untergrundarchiven wie dem Ringelblum-Archiv im Warschauer Ghetto erhalten haben.[18] Sie erhellen die enorme Bandbreite individueller Einstellungen und individuellen Verhaltens, die nicht zuletzt durch Faktoren wie biografische Vorerfahrungen, Lebensalter, Geschlecht sowie die enorme Vielfalt jüdischer religiöser wie säkularer Strömungen gekennzeichnet waren. Von daher erscheinen die jüdischen Opfer nicht länger als homogene Masse. Selbst unter den Bedingungen äußerer Repression und verzweifelter Lebensbedingungen in den Ghettos suchten Juden ein Privatleben sowie kulturelle und religiöse Praktiken aufrechtzuerhalten, um damit ihre Identität gegen die Fremdbestimmung durch die Täter zu verteidigen. Die Versuche der Verfolgten, menschliche Würde und Selbstachtung auch unter den Bedingungen alltäglicher Verfolgung zu bewahren, machten aus den verfolgten Juden noch keine solidarische Gemeinschaft und aus den Ghettos keine Inseln der Humanität. Sie wirkten aber dem Abgleiten in eine reine Wolfsgesellschaft entgegen.

Die zahlreichen Dokumente aus der Perspektive der Opfer bergen großes Potenzial für die Forschung. Auch der universitären Lehre über den Holocaust oder dessen pädagogischer Vermittlung in einer weiteren, interessierten Öffentlichkeit bietet sich hier ein Fundus von Quellen, der bislang nur unzureichend genutzt wird.

Gesellschaftsgeschichte des Holocaust

Die Alltagsgeschichte des Holocaust von unten hat auch den Blick auf das breite Spektrum von Verhaltensweisen in den europäischen Gesellschaften gelenkt, die mit der statischen Begriffstrias "Täter – Opfer – Zuschauer" nicht einmal ansatzweise erfasst werden kann.[19] Das nationalsozialistische Deutschland und seine Alliierten etablierten neue soziale Normen, einschließlich rassistischer Hierarchien und gesellschaftlicher Leitbilder wie das der ethnisch homogenen "Volksgemeinschaft".[20] Dies entwertete traditionelle Normen, die Ansehen und gesellschaftliche Stellung des Einzelnen von Besitz, Bildung und Leistung abhängig machten.

Die neuen gesellschaftlichen Maßstäbe beschleunigten soziale Prozesse und dynamische Rollenveränderungen. Unter dem ständigen Druck von Gewalt, Krieg und Besatzung konnte sich der Status von Personen beständig verändern, und auch die Kategorien des Verhaltens wandelten sich fortlaufend. Dies führte unter anderem dazu, dass sich im besetzten Polen, wo rund 200.000 Juden in Verstecken zu überleben suchten, Retter, die Juden beherbergten, schnell in Mörder verwandeln konnten, wenn den untergetauchten Juden das Geld ausging oder die polnischen Helfer die brutale Vergeltung durch die deutschen Besatzer befürchteten. In diesen Fällen wurden die untergetauchten Juden oft durch die polnische "blaue Polizei" getötet, damit die deutschen Besatzer nichts davon erfuhren, da ansonsten die polnischen Helfer exekutiert worden wären.[21]

Die jüngste Forschung hat sich deshalb zu Recht auf diese sozialen Prozesse und hybriden Formen gesellschaftlichen Verhaltens konzentriert, die den Holocaust als gesellschaftlichen Prozess bestimmten. Es ist jedenfalls zielführender, gesellschaftliche Prozesse zu analysieren, als Personen zu kategorisieren. Von daher würde es auch nicht reichen, den Begriff "Zuschauer" (bystander) durch differenziertere Kategorien zu ersetzen (wie "Nutznießer", "Opportunisten", "indifferente Beobachter"), die letztlich ähnlich statisch ausfallen. Dynamische Rollenwechsel ein- und derselben Person können auf diese Weise jedenfalls nicht erfasst werden.

Methodisch hilfreich ist eine Definition von Herrschaft als "soziale Praxis", weil so der Blick auf das Verhalten der Zeitgenossen, ihre Wahrnehmungen, Erfahrungen und Leitvorstellungen gerichtet wird. Außerdem können Veränderungen im gesellschaftlichen Alltag detailliert nachgezeichnet werden.[22] Eine Definition von Herrschaft als soziale Praxis geht nicht von einer eindeutigen, scharfen Trennung von Herrschern und Beherrschten, von Befehlsgebern und Befehlsempfängern aus, sondern definiert Herrschaft als ein eher amorphes Kräftefeld, in dem die Akteure in vielfältiger Weise miteinander in Beziehung stehen. Statt nach einer passiv-abstrakten Haltung einer Gesellschaft gegenüber herrschenden Machthabern zu fragen, werden die vielfältigen Handlungs- und Verhaltensformen in einer Gesellschaft in den Blick genommen.

Für eine anspruchsvolle Gesellschaftsgeschichte des Holocaust sind außerdem die schleichenden Veränderungen gesellschaftlicher Moral von besonderer Bedeutung. Wie stellten sich Nichtjuden auf die Diskriminierung der jüdischen Minderheit ein? Analysen des gesellschaftlichen Verhaltens im nationalsozialistischen Deutschland zeigen, dass sich die Nichtjuden nach anfänglicher Irritation sehr schnell an die antisemitische Diskriminierung gewöhnten, diese schon nach kurzer Zeit als "normal" verinnerlicht hatten und sogar ihre persönlichen Vorteile aus der neuen Situation zogen. Lassen sich diese Trends auch in den zumeist multiethnischen Regionen unter deutscher Besatzung identifizieren? Diesbezüglich sind vor allem lokale Mikroanalysen hilfreich. Erste eindrucksvolle Studien liegen bereits vor[23] und regen hoffentlich in Zukunft weitere an, um ein nuanciertes Bild gesellschaftlichen Verhaltens zu gewinnen, zumal sie ein wichtiges Korrektiv gegenüber nationalistischen Geschichtsnarrativen bilden, die die Bevölkerung in erster Linie als Helden, Opfer und Märtyrer präsentieren.

Errungenschaften und Grenzen der Internationalisierung

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Holocaustforschung zu einem wahrhaft internationalen und zugleich interdisziplinären Forschungsfeld entwickelt. Dies unterscheidet die gegenwärtige von der älteren Forschung, die durch strikt nationale Perspektiven gekennzeichnet war, die sich an den jeweiligen nationalen Erinnerungskollektiven orientierten. Während deutsche Forscher zum Beispiel lange Zeit von der Leitfrage ausgingen: "Wie konnte das geschehen?", fragten Forscher in Israel vor allem: "Warum ist es uns geschehen?"[24] Deshalb dominierten in der Forschung auch national unterschiedliche Themen. In Deutschland lag der Fokus auf den Tätern und der "Genesis der Endlösung", während sich israelische Forscher stark auf die Geschichte der Opfer und des Antisemitismus konzentrierten.

Diese nationalen Perspektiven sind zwar aus der gegenwärtigen Forschung keineswegs verschwunden, doch hat sich ihre Bedeutung durch die Internationalisierung deutlich abgeschwächt.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war der typische Holocaustforscher ein Experte in deutscher Geschichte mit entsprechenden Kenntnissen der deutschen Sprache. Dies reichte aus, um die deutschen Originalquellen zu lesen, die für die "Genesis der Endlösung" zentral waren. Angesichts der veränderten Forschungstrends und ausdifferenzierter Perspektiven ist es mittlerweile wichtiger, Jiddisch, Polnisch oder Russisch sprechen und lesen zu können. Die wachsende Zahl von Holocaustforschern aus Osteuropa steht für diesen neuen Trend.

Die für die Holocaustforschung relevanten Quellen sind in mindestens zwei Dutzend verschiedenen Sprachen verfasst, was sich für die gegenwärtige Forschung als größte Herausforderung und Problem erweist. Ungeachtet wachsender Internationalisierung sind nämlich transnationale und integrative Perspektiven immer noch selten. Experten für den Holocaust in Polen wissen häufig nichts über die Entwicklungen in Frankreich und umgekehrt, obwohl eine vergleichende Perspektive von Judenverfolgung und Holocaust in beiden Ländern wichtig wäre. Stattdessen ist eine gewisse Verinselung und Überspezialisierung der Forschung zu beobachten, die der Forderung Saul Friedländers nach einer integrativen, verschiedene Perspektiven einschließenden Geschichtsschreibung über den Holocaust zuwiderläuft, die nach wie vor eine Ausnahme bildet.[25]

Zu einem boomenden Forschungsfeld hat sich darüber hinaus die "Nachgeschichte" des Holocaust entwickelt, ein Forschungsfeld, das in Nordamerika als "Aftermath Studies" bezeichnet wird. Diese sind auch deswegen beliebt, weil sich deren Themen häufig innerhalb nationaler Grenzen bewegen und die genannten sprachlichen Anforderungen deshalb umgangen werden können. Mittlerweile entstammen fast zwei Drittel der auf Holocaustkonferenzen diskutierten Themen den "Aftermath Studies", und manche Forscher haben bereits kritisch von einer "Flucht" in die Nachgeschichte des Holocaust gesprochen.[26] Dies ist zweifellos übertrieben, zumal die Memorialisierung des Holocaust, Nachkriegsprozesse gegen Täter, Fragen der Wiedergutmachung oder das Schicksal der Überlebenden integrale Bestandteile einer Gesamtgeschichte des Holocaust bilden, die von dessen zentralen Ereignissen vor 1945 nicht abgetrennt werden sollten, sondern auch Möglichkeiten der Längsschnittanalyse über die Schwelle des Jahres 1945 hinaus bieten.

Allerdings stärkt der Boom der "Aftermath Studies" die zunehmend verbreitete Annahme, dass der Holocaust eigentlich schon ausreichend erforscht worden sei, sodass Fragen der Nachwirkung(en), Bedeutung und Interpretation wichtiger erscheinen als die Forschung zu den Kernereignissen selbst. Insgesamt wird noch viel zu selten der Versuch unternommen, den Gegensatz zwischen der Geschichte des Holocaust und seiner "Nachgeschichte" produktiv aufzuheben und die Epochenschwelle des Jahres 1945 durch Längsschnittanalysen zu durchbrechen, um die Auswirkungen und Repräsentationen des Holocaust nach 1945 enger mit dessen Geschichte zu verzahnen. Wer beispielsweise die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden und ihre materielle und finanzielle Ausplünderung untersucht, sollte auch die Restitution und Entschädigung nach 1945 einbeziehen. Auch können die langfristigen Folgen materieller Verluste für die Identitätskonstruktion betroffener Juden und ihrer Familien am besten im integralen Blick auf mehrere Generationen analysiert werden. Und auch im Blick darauf böte sich ein transnationaler Vergleich vor allem der fundamentalen Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa an.

Ebenso bildet die wechselseitige Rezeption antijüdischer Maßnahmen in Europa ein noch nicht hinlänglich erforschtes, transnationales Untersuchungsfeld. So waren die 1930er Jahre in Europa unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise durch einen Aufschwung autoritärer Regime und Diktaturen gekennzeichnet, die vielfach antisemitische Gesetze und Verordnungen erließen.[27] Übte dabei das nationalsozialistische Deutschland einen signifikanten Einfluss aus, fungierte das "Dritte Reich" eher indirekt als antisemitisches Modell, oder beruhte die antisemitische Politik auf eher indigenen Entwicklungen in den europäischen Ländern? Wie wurde die antisemitische Politik des Nationalsozialismus in den europäischen Ländern überhaupt rezipiert, und wie entwickelten sich Versuche zur internationalen Vernetzung der Antisemiten? Solche transnationalen Perspektiven sind wichtige Desiderate für die zukünftige Forschung.

Fußnoten

1.
Vgl. Dieter Pohl, Das NS-Regime und das internationale Bekanntwerden seiner Verbrechen, in: Frank Bajohr/ders., Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten, München 2006, S. 84–129.
2.
Vgl. Wassili Grossman/Ilja Ehrenburg/Arno Lustiger (Hrsg.), Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, Reinbek 1994.
3.
Vgl. Ulrike Weckel, Beschämende Bilder. Deutsche Reaktionen auf alliierte Dokumentarfilme über befreite Konzentrationslager, Stuttgart 2012.
4.
Vgl. Thomas Darnstädt, Nürnberg. Menschheitsverbrechen vor Gericht 1945, München–Zürich 2015; Annette Weinke, Die Nürnberger Prozesse, München 2015.
5.
Vgl. Samuel Kassow, Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Reinbek 2010.
6.
Vgl. Laura Jockusch, Collect and Record! Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe, Oxford 2012; Regina Fritz/Éva Kovács/Béla Rásky (Hrsg.), Als der Holocaust noch keinen Namen hatte. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden, Wien 2016.
7.
Vgl. Hans-Christian Jasch/Stephan Lehnstaedt (Hrsg.), Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung, Berlin 2019.
8.
Vgl. Magnus Brechtken, Raul Hilberg, der Begriff Holocaust und die Konferenzen von San José bis Stuttgart, in: René Schlott (Hrsg.), Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie, Göttingen 2019, S. 47–70.
9.
Die folgenden Ausführungen basieren wesentlich auf Frank Bajohr, Trends der Holocaustforschung seit den 1990er Jahren. Errungenschaften, Wandel, Probleme und Herausforderungen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 9–10/2019, S. 485–496.
10.
Zur Entwicklung der "Täterforschung" als spezifischer Forschungsansatz der Holocaustforschung siehe Frank Bajohr, Täterforschung. Ertrag, Probleme und Perspektiven eines Forschungsansatzes, in: ders./Andrea Löw (Hrsg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt/M. 2015, S. 167–185.
11.
Zygmunt Bauman, Modernity and the Holocaust, Cambridge 1991 (deutsche Ausgabe: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg 1992).
12.
Vgl. Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.
13.
Vgl. Christopher Browning, Ordinary Men. Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland, New York 1992 (deutsche Ausgabe: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen, Reinbek 1993); Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt/M. 2007.
14.
Vgl. Thomas Kühne, Belonging and Genocide. Hitler’s Community 1918–1945, New Haven 2010.
15.
Vgl. Jean Ancel, The History of the Holocaust in Romania, Lincoln 2011; Nevenko Bartulin, The Racial Idea in the Independent State of Croatia: Origins and Theory, Boston 2014; Jan Tomasz Gross, Nachbarn. Der Mord an den Juden in Jedwabne, München 2001; Christoph Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Göttingen 2011; Shimon Redlich, Together and Apart in Brzezany. Poles, Jews, and Ukrainians 1919–1945, Bloomington 2002; Raz Segal, Genocide in the Carpathians. War, Social Breakdown, and Mass Violence 1914–1945, Palo Alto 2016.
16.
Vgl. die scharfe Kritik an den Judenräten bei Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil, New York 1963, S. 117.
17.
Vgl. Dan Michman, The Emergence of Jewish Ghettos During the Holocaust, Cambridge 2011; Beate Meyer, Tödliche Gratwanderung. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zwischen Hoffnung, Zwang, Selbstbehauptung und Verstrickung (1939–1945), Göttingen 2011.
18.
Vgl. Barbara Engelking/Jacek Leociak, The Warsaw Ghetto. A Guide to the Perished City, New Haven 2009; Andrea Löw, Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, Göttingen 2006; Kassow (Anm. 5); Alexandra Garbarini, Numbered Days. Diaries and the Holocaust, New Haven 2006; Melanie Hembera, Die Shoah im Distrikt Krakau. Jüdisches Leben und deutsche Besatzung in Tarnów 1939–1945, Darmstadt 2016.
19.
Vgl. Frank Bajohr/Andrea Löw (Hrsg.), The Holocaust and European Societies. Social Processes and Social Dynamics, London 2016.
20.
Vgl. Martina Steber/Bernhard Gotto (Hrsg.), Visions of Community in Nazi Germany. Social Engineering and Private Lives, Oxford 2014.
21.
Vgl. Jan Grabowski, Hunt for the Jews, Betrayal and Murder in German-Occupied Poland, Bloomington 2013.
22.
Vgl. Alf Lüdtke, Funktionseliten: Täter, Mit-Täter, Opfer? Zu den Bedingungen des deutschen Faschismus, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozial-anthropologische Studien, Göttingen 1991, S. 559–590.
23.
Vgl. Omer Bartov, Anatomy of a Genocide. The Life and Death of a Town Called Buczacz, New York 2018; Redlich (Anm. 15); Hembera (Anm. 18).
24.
Vgl. Dan Diner, Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten, München 2003.
25.
Vgl. Saul Friedländer, An Integrated History of the Holocaust. Some Methodological Challenges, in: Dan Stone (Hrsg.), The Holocaust and Methodology, New York 2012, S. 181–189. Die umfassendste Quellensammlung mit integrativer Perspektive bietet das Editionsprojekt "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945" (VEJ), das vom Institut für Zeitgeschichte, dem Bundesarchiv und dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Freiburg verantwortet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Von den projektierten 16 Einzelbänden sind bislang 13 erschienen.
26.
Vgl. Ulrich Herbert, Holocaust-Forschung in Deutschland. Geschichte und Perspektiven einer schwierigen Disziplin, in: Bajohr/Löw (Anm. 10), S. 31–79, hier S. 68.
27.
Vgl. Frank Bajohr/Dieter Pohl (Hrsg.), Right-Wing Politics and the Rise of Antisemitism in Europe 1935–1941, Göttingen 2019.
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