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21.6.2007 | Von:
Nina Clara Tiesler

Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten

"Religion" und "Islam" in neuer Konjunktur

Seit der Revolution in Iran 1979 stand der Islam wieder auf der politischen Agenda, und spätestens mit dem Ende des short century (1914 - 1991, Eric Hobsbawm) tauchten in den verschiedensten Regionen der Welt (auch der westlichen) religiös definierte, moderne politische Bewegungen auf: vom Erwachen des amerikanischen bible belt unter US-Präsident Ronald Reagan, also der protestantischen Religiösen Rechten in den USA, über die Islamische Heilsfront (FIS) in Algerien bis zur extremistischen Bewegung Comunione e Liberazione aus katholischen Reihen in Italien. Davon unabhängig war in Europa Mitte der 1980er Jahre die Zahl islamischer Gemeindegründungen und Moscheen sprunghaft angestiegen.[6] Genaugenommen waren damit die ersten Anhaltspunkte für dieetwaige gesellschaftliche Relevanz einer Neuen Islamischen Präsenz (NIP)[7] als Konsequenz der Erdölkrise sichtbar geworden: Die Regierungen der Einwanderungsländer hatten seit 1974 den weiteren Zustrom von Arbeitskräften gestoppt, erlaubten aber die Familienzusammenführung. Mit der Ankunft der Frauen und Kinder wurde der Plan zur Rückkehr endgültig zum Mythos. Erste Schritte von Institutionalisierungsprozessen waren damit eingeleitet.

Mit dem ersten (medienträchtigen) französischen Kopftuchstreit und der über britische Grenzen weit hinaus transportierten Rushdie-Affäre - der öffentliche Protest von islamischen Gemeindevorstehern in Bradford gegen die Satanischen Verse, der mit einer Bücherverbrennung in Szene gesetzt wurde, und Khomeinis folgenreicher Ausspruch der so genannten "Todes-Fatwa" gegen den Schriftsteller Salman Rushdie - im selben Jahr begann auch der Wendepunkt der jungen Geschichte der Neuen Islamischen Präsenz in Europa im Jahre 1989.[8] Die Forschungsperspektiven änderten sich nahezu schlagartig. Publikationen aus den 1990er Jahren diagnostizieren im Rückblick auf die späten 1980er Jahre ein "Islamic Revival",[9] "Islamic Resurgence" oder eine "Re-Islamisierung".[10] Gleichzeitig scheint sich binnen der letzten ca. 25 Jahre eine renovierte Variante der Dichotomie von der "christlich geprägten", aufgeklärten, modernen, europäisch-westlichen Gesellschaft einerseits und der unaufgeklärten, vormodernen "islamischen Welt" andererseits verfestigt zu haben. Allen gegenläufigen empirischen Argumente zum Trotz, die Familienbiografien von gesellschaftlich wohl integrierten Muslimen in europäischen Ländern liefern, wird diese Dichotomie in der medialen Öffentlichkeit ausgerechnet in den Emigranten, die eine islamische Mehrheitsgesellschaft verlassen haben (oder gar in ihren hier geborenen Nachkommen), personalisiert und erlangt in Selbst- und Fremdzuschreibungen eine gesellschaftliche Wirkungsmacht.

Fußnoten

6.
1961 betrug die Zahl der Gebets- und Gemeindeversammlungsräume, die meist als provisorische (Behelfs-)Moscheen durch das persönliche Engagement zunächst loser Interessengemeinschaften gebildeterer Arbeiter mit der Unterstützung von Studierenden entstanden waren, in den vierzehn west- und nordeuropäischen Ländern insgesamt nur 32, die sich auf sieben Länder verteilten. 1971 waren es 257 "Moscheen" bei einer Gesamtzahl von knapp viereinhalb Millionen Einwanderern und Bürgern mit muslimischem Hintergrund. Mitte der 1980er Jahre waren es über Tausend. Vgl. A. Kettani (Anm. 4).
7.
Um die neue Sichtbarwerdung des Islam im heutigen Europa begrifflich zu fassen, brachten Gerholm/Lithman mit ihrem gleichnamigen Buch 1988 das Konzept der Neuen Islamischen Präsenz in die Diskussion ein: T. Gerholm/Y. Lithman (Eds.), The New Islamic Presence in Western Europe, London 1988. Zur Erweiterung des Konzepts und seiner Aktualisierung vgl. N. C. Tiesler, Muslime in Europa. Religion und Identitätspolitiken unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, Münster 2006, S. 36 - 72, und dies., No Bad News From the European Margin: The New Islamic Presence in Portugal, in: Islam and Christian-Muslim Relations, 12 (2001) 1, S. 71 - 91.
8.
Vgl. N. C. Tiesler (2006), ebd., S. 93 - 100.
9.
A. Kettani (Anm. 4).
10.
G. Kepel, Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München 1991; Ders., Allah im Westen. Die Demokratie und die islamische Herausforderung, München 1996, sowie J. L.Esposito/F. Burgat, Modernizing Islam: Religion in the Public Sphere in Europe and the Middle East, London 2003, Part III: Re-Islamization in Europe.