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21.6.2007 | Von:
Nina Clara Tiesler

Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten

Islamisierung der Debatten

Übersehen wird oft, dass es dabei auch zu einer Islamisierung der öffentlichen und akademischen Debatten kam, die bis heute in einer Eigendynamik z. T. sogar vom konkreten Material (der Entwicklungsgeschichte des Forschungsgegenstandes und der Erfahrung der Interviewees) unabhängig voranschreitet.[11] So lässt sich die Tatsache, dass ein verzögerter Institutionalisierungsprozess und die damit einhergehende Sichtbarwerdung des Islam in Europa erst Ende der 1980er Jahre in voller Blüte stand und dass sich seitdem eine Stimme der Muslime (Muslim Voice) über kommunale und nationale Grenzen hinaus Gehör verschaffte, nur mittels eines ersten, flüchtigen (und positivistischen) Blicks auf die Statistik mit einer "plötzlichen Islamisierung" erklären. Viele Frauen aus islamisch geprägten Ländern hatten ihr religiöses Wissen respektive ihre Bräuche von Beginn an fernab der Öffentlichkeit (also in vielerlei Hinsicht der Situation in manchen Herkunftsländern, z.B. des Maghreb zu jener Zeit, ähnelnd) in der Privatsphäre an ihre Kinder weitergegeben und untereinander ausgetauscht.[12] Die Herausbildung eines "offiziellen" und öffentlichen Islam, die Installation islamischer Organisationen, war ein zunächst rein männliches Unternehmen. Es wurde während der Zeit, als der Mythos der Rückkehr noch unbeschädigt war, und vor der Ankunft der Frauen und Kinder nicht angestrengt. Eine weitere Verspätung dieser Unternehmungen erklärt sich aus dem Mangel an religiös interessierten Mittelschichten, in deren Händen das Gründungsmanagement liegen sollte. Spät setzten die Institutionalisierungsprozesse und eine Muslim Voice insbesondere dort ein, wo es lokalen, losen Proto-Gemeinden an Mittelschichten mangelte, welche die notwendigen sozialen und intellektuellen Kapazitäten und das Organisationstalent mit einbrachten. Dabei handelte es sich überwiegend um Studierende, die aus den Großstädten der Kolonialländer in europäische Metropolen gekommen waren, oder um die frühesten Vertreter der so genannten zweiten Generation. Deshalb hat sich eine Muslim Voice in den Ländern, die auf eine Kolonialgeschichte zurückblicken, früher entwickelt als in jenen, in denen temporäre "Gastarbeiter"-Verträge die ersten muslimischen Einwanderer aus ländlichen Regionen und bildungsfernen Schichten in europäische Großstädte gezogen haben.

Und schließlich kam das Wort "Re-Islamisierung", das ursprünglich anti-koloniale, islamische Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisierte (z.B. die von Hassan al-Bannah in Ägypten unter britischer Herrschaft gegründete Muslimbruderschaft) erst Anfang der 1990er wieder auf, als die FIS erstmals die Kommunalwahlen in Algerien gewonnen hatte. Erst als die öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten begonnen hatten, sich eines im Maghreb Angst und Schrecken verbreitenden "islamischen Fundamentalismus" anzunehmen, wurden "Islamisierung" oder gar "Re-Islamisierung" als Erklärungsmuster für europäische Geschehnisse (wie die Gemeindegründungswelle) Mitte der 1980er Jahre herangezogen. Dabei ist gerade die Vorsilbe "Re-" im europäischen Kontext irreführend, da es den modernen Charakter und die neue Qualität der Erscheinung unterschlägt.

In einer allgemeinen Konjunktur des Themas Islam wurden von nun an jedoch auch vermehrt die in den modernen Großstädten Europas in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation sichtbar gewordenen Probleme von Immigranten, die aus traditionellen agrarisch geprägten Regionen islamischer Mehrheitsgesellschaften eingewandert waren, nach religiösen Mustern gedeutet, obwohl sie mit dem Islam wenig zu tun hatten.[13] Der Religionszugehörigkeit gesellschaftlicher Minderheiten wurde fortan in öffentlichen und akademischen Diskussionen über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Integration insbesondere der Muslime eine enorme Wichtigkeit beigemessen - sie wurde nun in z. T. noch höherem Maße überschätzt als während der ersten Jahre unterschätzt. Die aktuellen Trends in den Sozialwissenschaften, insbesondere in der Migrationsforschung, leisten der Islamisierung ihrer Debatten Vorschub.

Nicht erst seit dem 11. September 2001 wird die säkularisierte Mehrheit der NIP in mancher bewegten Debatte nahezu ignoriert - und werden in der Statistik Europäer, deren Familien auf Migration zurückblicken, komplett als Muslime geführt, ungeachtet dessen, welche Rolle Religion in ihrem Leben spielt und ob sie selbst oder ihre Eltern z.B. am Gemeindeleben in Deutschland, England oder Frankreich teilnehmen. Gleichzeitig werden zunehmende Tendenzen islamischer Pietät, ein wachsendes Engagement muslimischer Interessenvertreter, neues Interesse und Zuwendung zum Islam unter Jugendlichen, Anti-Kriegs-Bewegungen, islamische Anerkennungs- und muslimische Identitätspolitiken gemeinhin als Hemmnis oder gar Widerstand zum Integrationsimperativ fehlinterpretiert, als Opposition zur "westlichen Kultur" stilisiert - und dabei der Islam als Quelle sozialen Kapitals und zivilen Engagements und die Erfolge sozialer Mobilität unter Muslimen übersehen. Den meisten Forschern ist bewusst, dass jegliche verfügbaren Zahlen weder etwas über die politischen, sozialen und kulturellen Charakteristika und Ansichten von Muslimen in Europa noch über ihr Selbstverständnis oder ihre religiösen Überzeugungen und Praktiken aussagen.

Fußnoten

11.
Vgl. N. C. Tiesler (2006) (Anm. 7), S. 122 - 132.
12.
Vgl. S. Andezian, Migrant Muslim Women in France, in: T. Gerholm/Y. Lithman (Anm. 7), S. 196 - 205.
13.
Vgl. P. Antes, Der Islam als politischer Faktor, Hannover 19973.