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21.6.2007 | Von:
Nina Clara Tiesler

Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten

Islamisierung versus Europäisierung?

Etwa mit Blick auf das neue sozial-kulturelle und das politische Engagement muslimischer Jugendlicher werden die akademischen Diskurse heute nach wie vor von der Frage bestimmt, ob die Muslime in Europa islamischer geworden seien - unter dem prominenten Hilfsbegriff der "Islamisierung". Ihr gegenüber steht die aus religionsgeschichtlicher Perspektive konsequente Frage: Inwiefern verändern sich islamisch definierte Sichtweisen und Praktiken? Sind sie "europäischer" geworden?

Die These von der Europäisierung des Islam und der Islamisierung eines Teiles jener Gesellschaftsmitglieder, die oder deren Eltern aus islamischen Mehrheitsgesellschaftenkamen, erhellt sich mit Blick auf den historischspezifischen Entstehungszusammenhang jenes Phänomens, das wir tatsächlich erst seit den 1980er Jahren - und nicht schon seit der Ankunft der ersten Einwanderer mit muslimischem Hintergrund - als Neue Islamische Präsenz bezeichnen können: nämlich als ein Bezug auf den Islam sichtbar und institutionalisiert wurde - bezeichnenderweise ineuropäischen Organisationsmustern (z.B. Vereinen, hierarchischen Gemeindestrukturen). Insofern wirkt auch die in der Fachliteratur geläufige Formulierung "Muslim settlement" irreführend, denn sie setzt die Migration und Ankunft jener Individuen mit einem kollektiven Phänomen gleich, das sich von Beginn an muslimisch oder islamisch definierte. Ein solcher Handstreich - wenn in der Rückschau im Lichte der heute dominanten Diskurse ein Grundcharakteristikum des Forschungsgegenstandes umgedeutet wird - lässt die Einflussnahme der sozialwissenschaftlichen Forschung auf ihren Gegenstand erahnen und zeigt die Islamisierung der Debatten. Denn Einwanderer kamen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht aus religiösen Gründen, also nicht, um sich in ihrer Qualität als Muslime niederzulassen. Das Bewusstsein ihrer Religionszugehörigkeit entwickelte sich verstärkt erst in der Emigration, wie einige Studien zeigen, die das Wort Islamisierung als Erklärung führen.

Der Gebrauch des Wortes Islamisierung als Erklärungsmuster für neue gemeinschaftliche Bewegungen und sozialpolitische Statements birgt ferner die Gefahr zweier Fehldiagnosen: Kontinuität und Homogenität. Erstere konstruiert Kontinuitätslinien zwischen den lokalspezifischen Varianten islamisch geprägter Alltagskulturen in den Herkunftsregionen und jenen islamisch definierten Bewegungen, Praktiken und Perspektiven, die aus der Interaktion in den neuen gesellschaftlichen Koordinaten entstehen. Ohne die Bemühungen staatlicher und religiöser Autoritäten in den Herkunftsländern oder gar den Einfluss internationaler Beziehungen, Kommunikation und Ereignisse unterschätzen zu wollen: Es sind die europäischen gesellschaftlichen Bedingungen, die den Entwicklungsprozess der Neuen Islamischen Präsenz entscheidend mitbestimmen. Das wird im Zusammenhang mit Muslimen oft übersehen, wenn "der Islam" als etwas Fernes und exotisch Fremdes angesehen wird und seine hiesigen Protagonisten fälschlicherweise als Reproduzenten einer wie auch immer definierten, bruchlos importierten und fortgesetzten Tradition interpretiert werden.