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21.6.2007 | Von:
Nina Clara Tiesler

Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten

Stichwort Identität

Mit ihrem wohl entscheidenden diskursiven Trend seit dem Ende des short century sind es somit die europäischen Sozialwissenschaften, die das Zauberwort der Vereinheitlichung liefern: "kollektive Identität". Die Suche nach "kollektiven Identitäten" ist zentral in den aktuell dominanten Diskursen von Multikulturalismus bis zu Transnationalität, in denen u.a. die Auseinandersetzungen von gesellschaftlichen Mehr- und Minderheiten verhandelt werden und auch Perspektiven für die Untersuchung von Muslimen gewonnen wurden. Seit dem Ende des Kalten Krieges geraten die bekannten Kategorien kollektiver Subjektivität - wie z.B. Volk, Nation, Gruppe, Klasse - stark in Bewegung und bringen viele offene Fragen für die Sozialwissenschaftler, die sich mit Phänomenen sozialer Akteure und Bewegungen beschäftigen, in denen die Suche nach einem historischen Sinn in postmaterialen Bedingungen insbesondere für die Mittelschichten in den Mittelpunkt zu rücken scheint.

In seinem erwähnten derzeitigen Hauptwerk formuliert und bewirbt Ramadan ein neues Selbstverständnis, eine "europäisch-islamische Identität". Eine seiner prominentesten Rollen ist die des Identitätspolitikers. Unter demselben Stichwort formuliert er Lösungen, die es jungen Europäern mit muslimischem Hintergrund erlauben, islamischer zu werden, ohne dabei weniger europäisch sein zu müssen. Obwohl es eine essentielle, kollektive muslimische oder europäische oder islamisch-europäische Identität im ursprünglichen Sinne der Kategorie nicht gibt, hat sie, wie auch immer konstruiert, eine objektive Wirkungsmacht. Wer sich auf dem Feld Muslime in Europa bewegt, muss mit den Proklamationen "christlicher, westlicher, säkularer, muslimischer oder islamischer Identitäten" umgehen. Dabei handelt es sich nicht um Identitäten, sondern um Identitätspolitiken bzw. "politics of identification", die versuchen, gemeinsame Interessenlagen zu formulieren. Die entsprechenden Konzepte mögen, wie Ramadans, emanzipatorisch klingen und für Integration und eine harmonische Zusammenführung "europäischer" und "islamischer Grundsätze" stimmen. Als analytische Kategorie jedoch erweist sich der "verbale Container Identität"[18] als unbrauchbar. Wenn von "islamischer" oder "europäisch-islamischer Identität" gesprochen wird, so ist dies kein Zeugnis oder Gütesiegel islamischer Religiosität im europäischen Kontext, sondern es handelt sich dabei um eine empirisch kaum prüfbare Vereinheitlichung auf der Basis einer säkularen Diskurssprache, die in westlichen academies produziert wird.

Fußnoten

18.
D. Claussen, Wer ist das Volk? Kritik einer Begriffsverwirrung: Nation, Volk, Ethnos, Kultur, etc., in: E. Kürsat-Ahlers/D. Tan/H.-P. Waldhoff (Hrsg.), Globalisierung, Migration und Multikulturalität, Frankfurt/M. 1999, S. 247 - 255, hier S. 253.