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21.6.2007 | Von:
Nina Clara Tiesler

Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten

Fazit und Schlussbemerkungen

In der Retrospektive wird deutlich, dass der Beginn jener Entwicklung, die später zur Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Relevanz einer Neuen Islamischen Präsenz in Europa führte, eindeutig schon in der Integration muslimischer Studenten an den Universitäten und Fachhochschulen europäischer Metropolen lag. Es waren einzelne, junge Männer aus wohlsituierten Familien, von großstädtischer Sozialisation und säkularer Bildung, die vor der Dekolonisierung zu Bildungszwecken (zumeist) in die Mutterländer wie Frankreich, Großbritannien oder Portugal gegangen waren. Sie studierten vornehmlich technische und naturwissenschaftliche Fächer, und später sollte ihnen in vielen Fällen der ersten Gemeindegründungen die Schlüsselrolle zukommen. Während dieser Wirkungsphase der "ersten Generation" handelte es sich um einzelne Integrationsfiguren und Anerkennungspolitiker, die - oft mit Unterstützung der Kirchen - sich in ihrem jeweiligen Land um die Ausbildung einer zuvor nicht vorhandenen religiös-kulturellen Infrastruktur (Gebetsräume, Moscheevereine) bemühten.[19]

Heute begegnen wir immer mehr sozial- und politikwissenschaftlich ausgebildeten Networkern und Identitätspolitikern, die sich auf europäischer, internationaler und virtueller Ebene austauschen: Sie gründen u.a. Studenten- oder Humanitarian Aid-Organisationen, engagieren sich z. T. im European Social Forum, für internationale Menschenrechte, z.B. gegen saudische oder U.S.-amerikanische und für Frauenpolitik, sind oft einer linken, säkulariserten Mittelschicht verbunden, richten Muslim Brainstorming Sessions, Musik- und Empowerment-Veranstaltungen aus, installieren Internetseiten und Chatrooms und diskutieren dort u.a. auch Themen wie Homosexualität oder moderne Nationen-Theorien anlässlich einer Fußballweltmeisterschaft.

Mit dem Heranwachsen der zweiten Generation, bei der es sich mehrheitlich um europäische Staatsbürger handelt, welche die europäischen Bildungssysteme durchlaufen haben, nahm der Anteil an gebildeten (proto-) Mittelschichten innerhalb jener Bevölkerung zu, die auf Migration zurückblickte und die einen anderen Background hatte als die Mehrheitsgesellschaft. Die Kinder der Einwanderer erreichten das Universitätsalter kurz vor und nach 1989 und wuchsen dort in die Identitätsdiskurse hinein, die nach 1989 in den europäischen Sozialwissenschaften zunehmend an Popularität gewannen und seither zentral erscheinen. Heterogenität war das Grundcharakteristikum der NIP, bevor die Identitätsdiskurse in den europäischen Migrationsdiskursen und britischen Postcolonial Studies auf fruchtbaren Boden fielen. Neue gesellschaftliche Bedingungen eröffnen sowohl die Möglichkeit als auch die Notwendigkeit für neue Konzepte: Eine der am heißesten diskutierten Fragen in (europäisch-) muslimischen Diskussionszusammenhängen seit spätestens Anfang der 1990er Jahre zielt auf die Definition muslimischer Subjektivität, also auf ein kollektives Selbstverständnis von "Muslim-sein".[20] Die entsprechenden Diskussionen nehmen nicht nur die Lage internationaler Beziehungen und Migration in den Blick, sondern basieren in unserem Fall auf den Erfahrungen im europäischen Kontext. Sie markierten nicht den Anfang der jungen Geschichte der Neuen Islamischen Präsenz in Europa, sondern wuchsen zusammen mit einer zweiten Generation, die ihren Aufenthalt nicht als temporär ansah, sondern hier geboren und aufgewachsen ist. Aus dem Entstehungszusammenhang solcher neuen europäisch-islamischen Konzepte ist die säkulare Diskurssprache nicht wegzudenken, denn ihre Autoren sind in den Institutionen ausgebildet, in denen diese intellektuellen Werkzeuge vermittelt werden. Sie sind größtenteils aber auch religiös gebildet und wirken in ihren communities.

In der Integration der aktuellen Diskurssprachen in solche "europäisch-muslimischen" Konzepte und community politics wird der Wandel von traditioneller Religion zu modernen Ansätzen erkennbar. Als traditionell kann hier die ritualistische religiöse Praxis bezeichnet werden - religiöses Wissen, das mündlich weitergeben wird, ohne reflexive Auseinandersetzung mit der Schrift, zu der nur die Eliten Zugang hatten. Der Schlüssel des Wandels liegt in säkularer Bildung. Eine Generation, welche die europäischen Bildungssysteme durchlaufen hat, entwickelt eine andere Perspektive auf ihre Religion oder jene ihrer Eltern. Mit anderen Werkzeugen und Zugang zur Schrift tritt diese auch in ein anderes, nämlich herausfordernderes Verhältnis zu den traditionellen religiösen Autoritäten. Das zunächst aus den Herkunftsländern importierte religiöse Personal konnte die Fragen junger Muslime, die sich in einem neuen Kontext stellten, nicht beantworten. An die Stelle der alten Gemeindeleiter tritt bald (bzw. trat bereits) eine neue Generation - eine Generation, die in Europa aufgewachsen und zu Hause ist. Säkulare Bildung, Kommunikationswege, Organisationsformen, Alltagsbedingungen, politische Strategien, die Sozialisation und auch Exklusionserfahrungen in europäischen Gesellschaften und die Integration neuer Diskurssprachen in muslimische Debatten deuten auf zwei Tendenzen:

Einerseits auf die Europäisierung des Islam und andererseits auf die Islamisierung von Europäerinnen mit muslimischem Hintergrund. Konträr auf den ersten Blick, können diese Diagnosen zu einem analytischen Instrument werden, wenn sie als eine Tendenz gedacht werden - als Tendenz zur Vereinheitlichung. Aus dieser Perspektive wird deutlich: Die Entwicklungsgeschichte der NIP wird ebenso wie der Entstehungszusammenhang dieser neuen islamisch-europäischen Konzepte vorwiegend von internationaler Erfahrung und den hiesigen gesellschaftlichen Bedingungen bestimmt. Der "Islam im heutigen Europa" ist ein modernes, translokal bestimmtes, europäisches Phänomen.

Fußnoten

19.
Zu den auf europäischer Ebene viel rezipierten Autoren der ersten Generation, die auch als Integrationsfiguren wirken und wirkten, sind sicherlich Smail Balic (Österreich), Mohammad Arkoun (Algerien, Frankreich, USA), Mohammad Anwar (Großbritannien), M. S. Abdullah (Deutschland) und Valy Süleyman Mamede (Portugal) zu zählen. Ein weiterer Autor dieser Generation, der aber in erster Linie in akademischen Zusammenhängen auftritt, ist Khalid Durán (Marokko, Spanien, Deutschland, USA).
20.
Im Englischen "Muslimness", vgl. S. Sayyid, Beyond Westphalia: Nations and Diasporas - the Case of the Muslim Umma, in: B. Hesse (Ed.), Un/settled Multiculturalisms, London 2000, S. 33 - 50.