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21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Die Bedeutung der Scharia

Eine Schlüsselfunktion bei der Frage nach spezifisch islamischen Deutungsmustern zum Beginn menschlichen Lebens kommt zunächst dem islamischen Rechtsverständnis und den Möglichkeiten rechtlich-ethischer Entscheidungsfindung zu. Für einen gläubigen Muslim ist die Scharia der Ort zur Bestimmung von religiös-ethischen Normen des rechten Verhaltens. Der weithin als "islamisches Recht" übersetzte Begriff bedeutet im eigentlichen Wortsinn "Weg", im Sinne des Heilsweges zu Gott. Er geht in seiner Bedeutung weit über die juristische Vorstellung von Recht oder Gesetz hinaus: Die Scharia verkörpert nicht das Produkt eines fixierten Regelwerkes, sie steht vielmehr für den dorthin führenden Prozess. Zugleich ist ihre Bedeutung aber zu umfassend, um auf die Kategorie Ethik begrenzt zu werden, denn wie weit man den Gegenstand der Ethik auch immer auffassen mag - er erstreckt sich nach europäisch-abendländischem Verständnis sicher nicht auf Fragen nach der richtigen Zeit für ein Gebet oder zu den Regeln der Pilgerfahrt nach Mekka.[3]

Grundlage und Quelle der Rechtsprechung im sunnitischen Islam bilden zwei Textquellen: Der Koran - der als das Wort Gottes die wichtigste Grundlage bildet - und die Sunna ("Gewohnheit") mit der überlieferten Lebenspraxis des Propheten. Der Korantext enthält jedoch nur einen geringen Anteil an Ge- und Verboten, die sich ausdrücklich in rechtliche Forderungen umwandeln lassen. Aus diesem Grund und auch, um Veränderungen im Wandel der Zeit Rechnung zu tragen, bildeten die Fuqaha[4] genannten Rechtsspezialisten im Verlauf der Religionsgeschichte des Islam sekundäre Formen der Rechtsentwicklung aus und etablierten eine umfassende Rechtsquellenlehre, die sich aus weiteren Aspekten wie etwa Konsens-, Analogieschlussbildung und Interpretation speist. Diese Fuqaha beziehen auch heutzutage Position bei bioethischen Fragestellungen, indem sie sogenannte Fatwas[5] erteilen. Sie spielen bei der Formulierung einer medizinischen Ethik in muslimischen Staaten eine bedeutende Rolle.

Um die überzeitlichen Normen in konkreten Situationen anwenden zu können, wurde das islamische Recht stets fallorientiert entwickelt. Den Hintergrund dafür bildet ein Spannungsfeld aus der sich kontinuierlich verändernden Realität gegenüber einem überzeitlichen, praktische Umsetzung fordernden Gotteswillen. An der Rechtsentwicklung des sunnitischen Islam war allerdings keine zentralisierte Institution beteiligt. Der sunnitische Islam kennt weder eine mit der päpstlichen Kurie vergleichbare Lehrautorität noch einen Klerus. Die religiöse Autorität liegt in den Händen von Schriftgelehrten, die zu einer der vier offiziell anerkannten Rechtsschulen des sunnitischen Islam - den Hanafiten, Malikiten, Schafiiten oder Hanbaliten - gehören. Bei der rechtlichen Handhabe von Problemen, die nicht in Koran oder Sunna geregelt werden, können diese Schulen, nicht nur untereinander, sondern auch innerhalb, voneinander abweichende Rechtsauffassungen vertreten. Wenn Repräsentanten des Gelehrtenstandes daher ihrem Anspruch nach im Namen des Islam auftreten, können ihre Äußerungen nur sehr bedingt im Sinne eines paradigmatischen "Der Islam sagt" aufgefasst werden. Die sunnitischem Rechtsdenken immanente Meinungsvielfalt ist eine Folge der kasuistischen Natur der Scharia, die auch innerhalb der Zunft der Rechtsgelehrten problematisiert wird. Der außen stehende Beobachter jedenfalls sieht sich einer enormen Vielfalt an verschiedenen Meinungen gegenüber. Bedenkt man dazu die sprachliche Barriere, schmilzt von der Spitze des Eisberges dessen, was überhaupt interkulturell transferiert oder vermittelt werden kann, ein weiterer Teil dahin.

Fußnoten

3.
Vgl. Tilman Nagel, Das islamische Recht. Eine Einführung, Westhofen 2001, S. 4 ff.
4.
Der zugrunde liegende Begriff fiqh für "Einsicht", "Einblick" gibt den von den Fuqaha als ausgebildeten Rechtsspezialisten abverlangten Erkenntnisprozess wieder.
5.
Fatwas sind Rechtsgutachten islamischer Gelehrter, die in schriftlicher Form ihre persönliche Einschätzung in Bezug auf eine bestimmte Rechtsfrage erläutern. Sie werden traditionell auf die konkrete Anfrage eines Gläubigen oder Herrschers, in neuerer Zeit auch auf Antrag einer Institution erstellt.