APUZ Dossier Bild

21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

"Kulturübergreifende Bioethik"

Dennoch gebührt ein bemerkenswertes Verdienst um die Erschließung außereuropäischer Diskussionen zum Thema Bioethik dem von 2003 bis 2006 an der Ruhr-Universität Bochum tätigen Forschungsverbund "Kulturübergreifende Bioethik".[6] Unter Projektleitung des Islamwissenschaftlers Thomas Eich für den Bereich Orient und mit einem Schwerpunkt auf dem sunnitischen Islam entstand hier eine Vielzahl höchst aufschlussreicher Publikationen - beispielsweise der in Zusammenarbeit mit Thomas Sören Hoffmann herausgegebene Sammelband Kulturübergreifende Bioethik. Zwischen globaler Herausforderung und regionaler Perspektive, die Monografie Islam und Bioethik und der von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebene Band Bioethik im christlich- islamischen Dialog.[7] Die vorgelegten Forschungsergebnisse ziehen ihre Schlüsse aus der Analyse von Rechtsgutachten bedeutender islamischer Rechtsgelehrter sowie aus Verlautbarungen internationaler arabischer Organisationen. Hierzu gehören die Islamic Organisation of Medical Sciences (IOMS) mit Sitz in Kuwait, die Islamic Fiqh Acadamy in Jeddah (IFA), die der Organization of Islamic Conferences angegliedert ist, sowie die Islamic Fiqh Academy der islamischen Weltliga in Mekka.

Diese Institutionen wurden in den 1970er/1980er Jahren gegründet, um sich im Lichte der Scharia mit Neuerungen der Moderne auseinanderzusetzen und das islamische Recht in Anbetracht historischer Veränderungen weiterzuentwickeln. Sie haben zwar keine direkte rechtliche Handhabe auf nationaler Ebene, dennoch kommt ihnen internationale Ausstrahlung zu. Ihre Verlautbarungen sind sozusagen als kollektiv autorisierte Fatwas zu werten. Die hier von hochrangigen islamischen Rechtsgelehrten geführten Diskussionen haben daher eine gewisse Repräsentativität, auf die man sich beziehen kann, sofern deutlich bleibt, dass eine Gültigkeit der Beschlüsse für die Gesamtheit der Muslime letztlich nicht bestehen kann.

Fußnoten

6.
Vgl. www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik (3. 5. 2007) liefert eine detaillierte Projektbeschreibung sowie Listen nationaler und internationaler islamischer Organisationen des Bioethik-Diskurses mit Übersetzungen von offiziellen Dokumenten.
7.
Vgl. T. Eich/T. S. Hoffmann (Anm. 1); Thomas Eich, Islam und Bioethik, Wiesbaden 2005; Thomas Eich/Helmut Reifeld (Hrsg.), Bioethik im christlich-islamischen Dialog, Sankt Augustin 2004.