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21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Umgang mit ungeborenem Leben

Eine Vielzahl bioethischer Themenkreise nehmen ihren Ausgang von der Frage nach der Schutzwürdigkeit von ungeborenemLeben. Wann beginnt menschliches Leben? Von den verschiedenen Stellen im Koran zur Entstehung menschlichen Lebens bildet Sure 23,12 - 14 bis in heutige Bioethikdebatten hinein den zentralen Bezugspunkt in der Auslegungsgeschichte des sunnitischen Islam: "Wir haben doch den Menschern aus einer Portion Lehm geschaffen. Hierauf machten wir ihn zu einem Tropfen (a) in einem festen Behälter. Hierauf schufen wir den Tropfen zu einem Blutklumpen (b); diesen zu einem Fleischklumpen (c) und diesen zu Knochen. Und wir bekleideten die Knochen mit Fleisch. Hierauf ließen wir ihn als neues Geschöpf entstehen."[8] Die Fuqaha der Vormoderne legten ihren exegetischen Fokus bei dieser Textstelle unisono auf die Abfolge von drei physischen Entwicklungsstadien (a-c), die mit der Entstehung eines neuen Geschöpfes auf eine spirituale Veränderung hinausläuft. Diese Veränderung wird in Sure 32,6 - 9 als göttliche Beseelung beschrieben. Zur Bestimmung eines genauen Zeitpunktes stützen sich die Theologen auf die Sunna des Propheten, wonach die drei Entwicklungsstufen jeweils 40 Tage umfassen und im Verlauf der Rechtsauslegung die Lehre von der Beseelung am 120. Schwangerschaftstag dominierte. Infolge widersprüchlicher Texttraditionen konnten sich aber auch alternative Modelle einer Beseelung am 40. oder 42. Tag durchsetzen. Einstimmig ergab sich bei allen vier Rechtsschulen im Verlauf der Rechtsentwicklung ein Abtreibungsverbot nach dem Beseelungszeitpunkt. Die Einschätzungen über den genauen Zeitpunkt wie auch über die Handhabe davor gehen in den einzelnen Rechtsschulen allerdings extrem weit auseinander. Die einzig mögliche Generalisierung besteht in der Aussage, dass ein Schwangerschaftsabbruch nach der Beseelung, spätestens also ab dem 4. Monat verboten ist.[9]

Fußnoten

8.
Übersetzung nach T. Eich (Anm. 6), S. 26. Der hier verwendete Pluralis maiestatis steht für Gott als Urheber allen Lebens.
9.
Vgl. Marion Holmes Katz, The Problem of Abortion in Classical Sunni Fiqh, in: Jonathan E. Brockopp (Hrsg), Islamic Ethics of Life. Abortion, War and Euthanasia, Columbia 2003, S. 30.