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21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Ethisch-rechtliche Meinungsvielfalt

Es gibt im islamischen Recht also keinen abstrakten Status des "Embryos an sich". Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Diskussionen der klassischen Rechtsprechung der Vormoderne nicht bei grundsätzlichen moralischen Fragen einsetzten, sondern jeweils bei der praktischen Handhabe von strafrechtlichen Fällen wie etwa Fehlgeburten infolge von Unfällen oder Gewaltanwendung. Ein Charakteristikum der Scharia ist deren kasuistische Funktionsweise. Es bildete sich also kein normatives Dogma für weitergehende Problemkreise etwa zur Gentechnik oder zum Umgang mit Stammzellen aus.

In den 1980er Jahren rückte die Frage der Beseelung bei Diskussionen über Abtreibung und den generellen Umgang mit Embryonen zunehmend ins Zentrum.[10] Wenngleich viele Gelehrte für eine Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens ab Beginn der Schwangerschaft plädierten, wurde auch hier nicht klar definiert, wann diese anzusetzen sei: ob mit der Befruchtung oder mit der Einnistung der Eizelle (Nidation). Der Bioethik-Diskurs im sunnitischen Islam kann daher auf keine ethische Normbildung zurückgreifen. Dennoch bilden Rechtsurteile aus der vormodernen Zeit häufig die Grundlage von Argumentationslinien für Rechtsgelehrte der Gegenwart, ohne dass eine historische Kontextualisierung vorgenommen würde. Entsprechend vielfältig sind die Haltungen innerhalb der islamischen Welt zu Methoden der Biomedizin; auch beruhen sie zum Teil auf einem unzureichenden naturwissenschaftlich-medizinischen Kenntnisstand. Die Einschätzung des Lebensbeginns im Rahmen von bioethischen Diskussionen im sunnitischen Islam ergibt insgesamt ein ausgesprochen diffuses Bild.

Fußnoten

10.
Vgl. T. Eich/T. S. Hoffmann (Anm. 1), S. 166ff.