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21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Schutz von Familie und Abstammung

Das Thema künstliche Befruchtung ist in vielen islamischen Ländern von besonderer Brisanz, da die kulturelle Wertschätzung von Eheschließung und Familiengründung großen sozialen Druck ausüben kann. Der soziale Status muslimischer Frauen, ihre Würde wie auch ihr Selbstwertgefühl stehen in engem Bezug zu ihrer Fortpflanzungsfähigkeit. Ebenso sind das Familienideal und die Vaterschaft eng mit dem Wert der Männlichkeit verknüpft. Im Fall von Unfruchtbarkeit - die weltweit etwa bei zehn Prozent der Paare vorkommt - suchen die Betroffenen häufig unter großem finanziellen Aufwand medizinische Hilfe. Dies schlägt sich nieder in einem Boom reproduktionsmedizinischer Unternehmen. Allein in Ägypten gibt es inzwischen mehr als vierzig Zentren, die sichauf Reproduktionsmedizin spezialisiert haben. In fast jedem arabischen Land des Nahen Ostens wird mittlerweile In-Vitro-Fertilisationstechnologie (IVF) angeboten. Eine private IVF-Klinik in Amman, die Geschlechtsselektion an befruchteten Eizellen durchführt, zieht nicht nur zahlreiche Paare aus dem Nahen Osten, sondern auch aus Europa an. Vor dem Hintergrund männlich geprägter Gesellschaftsstrukturen überwiegt hier häufig der Wunsch nach der Geburt eines Jungen. Während die Praxis geschlechtsselektiver Abtreibungen von sunnitischen Rechtsgelehrten einhellig abgelehnt wird, sind die Meinungen bezüglich der Beeinflussung des Geschlechts durch das IVF-Verfahren geteilt.

In ihrer Analyse sunnitischer Fatwas zur Reagenzglas-Befruchtung außerhalb der Gebärmutter stellt die Islamwissenschaftlerin Birgit Krawietz heraus, dass sich ein Verbot seitens der Rechtsgelehrten in diesem Zusammenhang in erster Linie gegen eine Vermischung des Erbgutes von Spendern richtet, die nicht durch eine rechtsgültige Ehe miteinander verbunden sind.[11] Diese Sicht wird auch in dem Beschluss zur künstlichen Befruchtung von der IFA der Islamischen Weltliga in Mekka von 1984 unterstrichen.[12] Im Umkehrschluss ist in dem Dokument zu lesen, dass die Zusammenbringung von Samen und Eizelle zweier miteinander verheirateter Eheleute prinzipiell erlaubt ist. Diese rechtliche Akzeptanz gilt allerdings nicht vorbehaltlos: Wegen der negativen Begleiterscheinungen sollte eine künstliche Befruchtung nur dann erlaubt werden, wenn die Anwendung unumgänglich ist und die allgemeinen Voraussetzungen erfüllt sind. Das Hauptproblem besteht in potenziellen Unklarheiten bezüglich der genealogischen Einordnung des gezeugten Kindes. Die wesentliche Voraussetzung dafür ist das Bestehen eines rechtlich gesicherten Ehevertrages, denn der Schutz klarer Abstammungslinien (nasab: "Herkunft", "Abstammung") gehört zu den fünf unumstößlichen Grundintentionen der Scharia (maqasid). Die Verwendung von Fremdsperma zur Befruchtung einer Frau wird daher in verschiedenen Stellungnahmen analog zu dem als gravierend eingestuften Vergehen des Ehebruches gesehen. Allerdings ist der Geschlechtsakt aus der Sicht der Scharia - wohlgemerkt innerhalb des ehelichen Rahmens - nicht der einzige Weg zur Zeugung eines Kindes. Dies geht aus mittelalterlichen Rechtstexten hervor, die sich mit einer "natürlichen" Art von künstlicher Befruchtung befassen: Hier findet sich die Vorstellung von der Befruchtung einer Frau durch ein Stück mit Sperma getränkter Schafswolle, das eine Zeit lang in deren Gebärmutter platziert wurde.[13] Sexuelle Penetration wird in diesem Zusammenhang zwar als die übliche, nicht aber als die einzig mögliche Form der Befruchtung angesehen.

Fußnoten

11.
Vgl. Birgit Krawietz, Die Hurma. Schariatrechtlicher Schutz vor Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit nach arabischen Fatwas des zwanzigsten Jahrhunderts, Berlin 1991, S. 218.
12.
Vgl. Beschlüsse der IFA in Mekka zur künstlichen Befruchtung, übersetzt von Malika Ajouaou und Thomas Eich, unter www.ruhr-uni-bochum.de/kbe/ivfmekka.pdf (3. 5. 2007).
13.
Vgl. Vardit Rispler Chaim, Islamic Medical Ethics in the Twentieth Century, Leiden 1993, S. 21.