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21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Reproduktives und therapeutisches Klonen

Der arabische Begriff zur Bezeichnung der Klonung[15] eines Menschen, istinsah baschari, bedeutet "menschliche Abschrift" oder "menschliche Kopie". Er macht sich somit den technischen Hintergrund des Verfahrens in direkter Weise wörtlich zu Eigen, denn beim reproduktiven Klonen wird nach Entkernung einer Eizelle der das Erbgut enthaltende Kern einer somatischen Spenderzelle implantiert. Das hierdurch entstehende Erbmaterial des Embryos ist weitgehend identisch mit den Erbanlagen des Zellkern-Spenders. Anders als bei einer natürlichen Befruchtung besitzt der geklonte Embryo entweder rein "väterliches" oder "mütterliches" Erbgut. Bei der Anwendung des Klonverfahrens auf den Menschen wäre daher die Frage nahe liegend, inwieweit von einer klassischen Vater- und Mutterschaft überhaupt noch die Rede sein kann. In diesem Punkt wird aus Perspektive der Scharia dieselbe Grundproblematik berührt wie auch schon im Fall der künstlichen Befruchtung: die Reinhaltung der familiären Genealogie, denn diebiologische Verwandtschaftsbeziehung des Klons zu seinem Erbgut-Spender wird nach den gängigen sozialen Kategorien undefinierbar - "Ist der Klon der Bruder seines Zellspenders?", titelt Thomas Eich am 5. Februar 2004 treffend in der Frankfurter Rundschau. Vor diesem Hintergrund erschließt sich die Dimension des sozialen Bedrohungspotenzials von künstlicher Befruchtung und Klontechnik. Leihmütter stellen ein Schreckensbild, Samenbanken als Risiko für die gesamtgesellschaftliche Struktur ein Horrorszenario dar, denn soziale Rollen würden ebenso wie religiös-ethische Pflichten durch die Verwischung der Abstammungslinien infrage gestellt.

Wie bei den Diskussionen zu pränataler Diagnostik und In-Vitro-Fertilisation findet sich in der heutigen Auseinandersetzung mit Klontechnik für jedes permissive Argument aber auch ein entsprechendes Gegenargument.[16] Angesichts der grundlegenden Pluralität der sunnitischen Rechtsfortbildung kann dies nicht überraschen. So verbindet sich der mahnende Hinweis auf den Eingriff in die göttliche Schöpfungsordnung mit dem Einwand, dass das Klonen eine Bedrohung der menschlichen Diversität sowie der Artenvielfalt in Flora und Fauna bedeute, die sich aus Sicht des Korans als gottgewollter Zustand darstellen - ein Aspekt, der von naturwissenschaftlicher Seite mit dem Hinweis auf die potenziell geringere Resistenz gegenüber Krankheiten durchaus gestützt werden kann. Den Warnungen vor menschlicher Kompetenzüberschreitung und Widernatürlichkeit wiederum steht das Argument gegenüber, dass die Klontechnik nichts weiter als die Entdeckung einer bis dato unbekannten Fortpflanzungsform darstelle, die sich mithin im Rahmen göttlicher Vorsehung bewege. Zudem werde für das Klonen lediglich auf bereits existente Materialien zurückgegriffen, es könnte daher nicht als Schöpfungsakt geltend gemacht werden, der als die Schaffung von etwas gänzlich Neuem aus dem Nichts definiert werde. Ein weiteres Argument, das 1997 vorübergehend aufkam, wies auf die Geburt Jesu ohne biologischen Vater hin (Koran 19:20-22; 21:91), wonach ungeschlechtliche Fortpflanzung grundsätzlich möglich und die Vermischung des Genmaterials zweier Personen nicht die einzig legitime Art der Fortpflanzung sei. Dem wurde wiederum das Argument gegenübergestellt, dass die vaterlose Erschaffung von Jesus als ein göttliches Wunder und daher keinesfalls als ein Präzedenzfall anzusehen sei.[17]

Ein halbes Jahr nach der Geburt des inzwischen verstorbenen schottischen Klonschafes Dolly gab die Fiqh-Academy der Organisation of Islamic Conference (OIC) 1997 bekannt, dass reproduktives Klonen zu verbieten sei, da es die verwandtschaftlichen Beziehungen auflöse, wohingegen therapeutisches Klonen zu erlauben sei, da es der Menschheit potenziell nütze. Dieser Argumentation folgte auch der Rechtsgelehrte Ahmad at-Tayyib in einem Gutachten für das ägyptische Justizministerium, das wiederum Grundlage für den Vorschlag Irans auf der UNO-Versammlung 2003 gewesen war, die Verhandlungen um ein weltweites Verbot der Klontechnik beim Menschen zu verschieben.[18] Hierin kommt das schariatrechtliche Prinzip maslaha zur Geltung - die Wahrung des individuellen oder gesellschaftlichen Nutzens, die in den Stellungnahmen der Rechtsgelehrten eine häufig anzutreffende Argumentationsfigur darstellt. Allerdings ist im Rahmen des so genannten "therapeutischen Klonverfahrens" die Gewinnung von pluripotenten Stammzellen immer auch an den Verbrauch eines embryonalen Klons geknüpft. Ein Embryo würde also für den Zweck eines anderen Menschen benutzt, was in westlichen Diskussionen mit dem Argument der Menschenwürde kritisiert wird.

Der Begriff "therapeutisch" beinhaltet vor diesem Hintergrund ein höchst kontroverses Diskussionspotenzial, da er einen fundamentalen Unterschied zum "reproduktiven Klonen" suggeriert. Auch im Blick auf den arabischen Begriff für "therapeutisches Klonen", istinsah al-a'da, der wörtlich "das Kopieren von Organen" bedeutet, existiert diese Problematik und trägt vermutlich ihren Teil zu der häufig permissiven Haltung sunnitischer Rechtsgelehrter und ihrem Fokus auf den gesellschaftlichen Nutzen bei.

In den vergangenen Jahren allerdings mehren sich die kritischen Stimmen hinsichtlich der Zerstörung von Embryonen bei der therapeutischen Klontechnik auch in der islamischen Welt. Die klare Unterscheidung zwischen "pro therapeutischem" und "contra reproduktivem" Klonen wird zunehmend hinterfragt, da dem Embryo in einigen Rechtsgutachten bereits ab dem Zeitpunkt der Befruchtung Schutzwürdigkeit zuerkannt wird.[19]

An Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeiten stehen die islamisch geführten Debatten der Heterogenität westlicher Diskussionen offensichtlich in keiner Weise nach. Anders als in den westlichen Debatten - und dies ist ein wesentlicher Unterschied - spielt im islamischen Diskurs das Argument der Menschenwürde nahezu keine Rolle, was nicht heißt, dass hier prinzipiell keine Vorstellung von der Idee der Menschenwürde oder den Menschenrechten existiert. Es wird hier weniger vom Menschenbild ausgehend problematisiert als vielmehr in Bezug auf die sozialen Risiken. Die Argumentationen werden stärker von bestehenden rechtlich-sozialen Normen abgeleitet, weniger von einer Anthropologie ausgehend, wie etwa in christlich dominierten Diskussionen.

Fußnoten

15.
Die von dem koreanischen Stammzellforscher Woo Suk Hwang im Jahr 2004 beanspruchte Pionierleistung der weltweit erstmaligen Klonung menschlicher Embryonen ist mittlerweile zu zweifelhaftem Ruf gekommen. 2005 gelang britischen Forschern die Erzeugung eines menschlichen Klons für therapeutische Zwecke. In China wurden bereits Embryonen erzeugt, indem man Kerne menschlicher Hautzellen in die Eizellen von Kaninchen implantierte. Vgl. Rick Weiss, Stammzellen - die Quellen aller Heilkraft, in: National Geographic Deutschland, Juli 2005, S. 89ff.
16.
Vgl. Hadi Adanali, Klonen beim Menschen. Ethische Prinzipien und Zukunftsperspektiven, in: T. Eich/H. Reifeld (Anm. 7), S. 47.
17.
Nach islamischer Auffassung gilt Jesus als einer der Muhammad vorausgegangenen Propheten - die so gesehene "Vaterlosigkeit" kann, frei von christologischen Implikationen, als ein rein biologisches Wunder göttlicher Allmacht verstanden werden. Vgl. Thomas Eich, The Debate on Human Cloning Among Muslim Religious Scholars, in: Heiner Roetz (Hrsg.), Cross-Cultural Issues in Bioethics. The Example of Human Cloning, Amsterdam-New York 2006, S. 290.
18.
Die "UNO-Fatwa" zum Klonen von Ahmad at-Tayyib, übersetzt von Malika Ajouaou und Thomas Eich, unter: www.ruhr-uni-bochum.de/orient/bioethik/dokumente/unoklonfatwa.pdf (4. 5. 2007).
19.
Vgl. Thomas Eich, "Ist der Klon der Bruder seines Zellspenders?", in: Frankfurter Rundschau (FR) vom 5. 2. 2004.