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21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Modernisierungsdiskurs und kulturelle Identität

Ebenso wie die Herausbildung der Islamic Fiqh Akademien oder der Islamic Organisation of Medical Sciences im Zeichen des Modernisierungsdiskurses steht, der die arabische Welt in vielen Bereichen konfrontativ erfasst hat, spiegeln häufig auch die Argumente in bioethischen Diskussionen eine Reaktion auf den als bedrohlich empfundenen Verwestlichungsdiskurs wider. Unmittelbar deutlich wird dies an einem theologischen Verfahren, das unter dem Begriff tafsir ilmi, wörtlich "wissenschaftliche Deutung", bekannt ist und darauf zielt, alle Bereiche menschlichen Wissens im Koran nachzuweisen. Eine Vielzahl von Publikationen zieht Parallelen zwischen Koranversen und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, um den Koran als göttlichen Offenbarungstext theologisch zu bestätigen.[20] Unverkennbar liegt solchen Versuchen der Harmonisierung von modernen embryologischen Erkenntnissen mit Aussagen der islamischen Rechtstradition eine apologetische Intention zugrunde.

Einerseits bezeugt die islamische Wissenschaftsgeschichte selbst eine positive, aufgeschlossene Einstellung gegenüber Natur- und Geisteswissenschaften. So war die Rezeption der griechischen Wissenschaftstradition in den ersten Jahrhunderten des Islam Grundlage für die Wiederbelebung der Medizingeschichte des europäischen Mittelalters. Prominente Repräsentanten der Medizin und Naturphilosophie des Mittelalters wie Ibn Sina (Avicenna) oder Ibn Ruschd (Averroes) stützten sich vor allem auf die Kenntnisse von Hippokrates, Aristoteles und Galen. Andererseits aber kollidieren islamische Glaubensüberzeugungen seit der Moderne zunehmend mit dem säkularen Charakter moderner Wissenschaften. Ilhan Ilkilic sieht in dieser Entwicklung zwei grundlegend gegensätzliche Tendenzen am Werk.[21] Die Mehrheit der Ansätze der ersten Gruppe betrachte moderne Naturwissenschaft wertfrei und stelle keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen westlicher Weltanschauung und Technik als Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse fest. Zur zweiten Kategorie hingegen gehörten Haltungen, deren Grundthese die Untrennbarkeit der Wissenschaft von der Kultur sei. Methodologie, Zielsetzung und Anwendung von Wissenschaft würden demnach nicht unabhängig von den soziokulturellen Bedingungen betrachtet, unter denen sie entstanden sind.

Haltungen dieser Art berühren das Phänomen des Kulturalismus, das in bioethischen Diskussionen besonders häufig anzutreffen ist. In Form der Berufung auf eine autoritativ verstandene kulturelle Identität, die zugleich doch eine schwer zu fassende Größe sein kann, werden auf diese Weise befürwortende oder ablehnende Argumentationen untermauert. In vielen Fällen operieren Kultur-Argumente weniger in begrifflicher Klarheit als intuitiv oder sind "kulturspezifische" Argumente weder exklusiv repräsentativ für einen bestimmten Kulturkreis noch für eine jahrhundertlange Kontinuität der Anschauung. Eich/Hoffmann geben in diesem Zusammenhang zu bedenken, ob nicht gerade auf dem bioethischen Feld sogenannte Kulturdiskurse häufig Stellvertreterdiskurse für eine offene Auseinandersetzung von Wertungsgegensätzen sind.[22]

Fußnoten

20.
Exemplarisch hierfür ist das Werk "La Bible, le Coran et la Science" des französischen, zum Islam übergetretenen Mediziners Maurice Bucaille aus dem Jahr 1976. Anschauliche Beispiele für die Übereinbringung von Koran und moderner Wissenschaft finden sich unter www.science4islam.com (4.5.2007) undwww.islamicmedicine.org/embryoengtext.htm (5.4. 2007).
21.
Vgl. Ilhan Ilkilic, Modernisierungs- und Verwestlichungsdiskussionen und bioethische Fragen am Beispiel innerislamischer Diskurse, in: T. Eich/T. S. Hoffmann (Anm. 1), S. 142ff.
22.
Vgl. T. Eich/T. S. Hoffmann (Anm. 1), S. 8 f.