30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

21.6.2007 | Von:
Danja Bergmann

Bioethik und die Scharia

Chancen weltweiter Regelung

Der Wertepluralismus in den Bioethikdebatten sunnitischer Rechtsgelehrter und die Verlautbarungen repräsentativer islamischer Organisationen widersprechen dem Bild eines monolithischen Islam. Für die Ausbildung von ethischen Normen und Richtlinien als Grundlage von Reglements im Zuge politischer Willensbildung bedeutet dies einen großen Diskussionsbedarf: In Fragen der Biowissenschaft bilden die meisten arabischen Länder eine rechtliche Grauzone. Der enorme IVF-Boom im Nahen Osten hat beispielsweise dazu geführt, dass in der gesamten Region eine immense Zahl Embryos tiefgekühlt gelagert wird. Während in Europa und den USA Gesetzesbestimmungen mit Abschreckung durch hohe Strafen genau festlegen, wie mit gefrorenen Embryonen umzugehen ist, gibt es in den arabischen Ländern keine staatlichen Regulierungen. Der Bereich reproduktiver Medizin wird in den meisten arabischen Ländern lediglich von ministerialen Direktiven gelenkt, ohne Kontrollinstrumente und Strafverfahren. Arabische Mediziner weisen in diesem Zusammenhang auf die Risiken hin, zu einer Art Freiluftlabor für internationale Konzerne zu werden.

Auch dieser Aspekt hebt die Notwendigkeit hervor, über die christlich-säkulare Perspektive hinauszugehen und sich mit den ethischen und rechtlichen Implikationen außereuropäischer Religionen und Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Diese bilden für rechtliche Entscheidungsfindungen und Gesetzgebungen auf nationaler Ebene ein prägendes Fundament. Die existenzielle Relevanz, die Risikoträchtigkeit und das enorme wirtschaftliche Potenzial der Biowissenschaften, von denen hier nur ein geringer Anteil problematisiert wurde, bedeuten eine große weltpolitische Herausforderung. Das übergeordnete Ziel wird letztlich - wenngleich es sich zum jetzigen Zeitpunkt noch um ferne Zukunftsmusik handelt - ein globaler Konsens in bioethischen Fragen sein.[23]

Fußnoten

23.
Vgl. Rudolf Dolzer/Matthias Herdegen/Bernhard Vogel (Hrsg.), Biowissenschaften und ihre völkerrechtlichen Herausforderungen, Freiburg 2005.