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21.6.2007 | Von:
Kai Hafez
Carola Richter

Das Islambild von ARD und ZDF

Das Islambild bei ARD und ZDF - noch kein Vorbildcharakter

Die Untersuchung der Themen, in deren Kontext der Islam in den Magazin- und Talksendungen von ARD/ZDF im Zeitraum 2005/2006 in Erscheinung trat, lässt die Schlussfolgerung zu, dass der Islam ein wesentlicher, durch viele Anlässe geprägter Bestandteil der Medienagenda ist. Der Islam ist also kein Minderheitentopos, dem durch ein advokatives Journalistenverständnis mehr Aufmerksamkeit verschafft werden müsste. Ganz im Gegenteil. Im Vergleich zu anderen Religionen erhält der Islam sehr viel Aufmerksamkeit, bis zu einem Punkt, an dem vor einer übertriebenen Islam-Fokussierung der Medienagenda gewarnt werden muss. Viele der erörterten Probleme gerade im Bereich der strukturellen Gewalt in Familien und gegenüber Frauen haben ihre Ursachen nur zu einem Teil in Doktrinen und Institutionen des Islam und sind oft in weitaus älteren, patriarchalischen und komplexeren Gesellschaftspraktiken begründet. Auch der Terrorismus im Nahen Osten ist älter als der organisierte Islamismus. Ein an Aufklärung orientierter Journalismus sollte sich bemühen, diese komplexen Hintergründe zu verstehen, statt einseitig "den Islam" mit seinen ohnehin mannigfachigen und widersprüchlichen Deutungen ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.

Es gibt sicher keine Generalformel zur Abbildung von Realität in den Medien, und es trifft zu, dass sich die islamische Welt heute in weiten Teilen in einer politischen und gesellschaftlichen Krise befindet, die zahlreiche Gewaltphänomene aufweist. Richtig ist auch, dass gesellschaftliche Konflikte, die sich um Integrations- und Wertefragen ranken, auch in den Medien ausgetragen werden müssen, da der öffentliche Raum diejenige Sphäre ist, in der ein lösungsorientiertes Handeln vorbereitet werden muss. Im Einklang mit den großen internationalen Studien zur Berichterstattung über andere Kulturen und Länder kann aber gesagt werden, dass das Hauptproblem der Islamberichterstattung von ARD/ZDF nicht so sehr die Darstellung von Konflikten an sich ist, sondern die extrem hohe Konzentration auf dieses Themenspektrum. Nicht die Darstellung des Negativen ist das Problem, sondern die Ausblendung des Normalen, des Alltäglichen und des Positiven. Es entsteht der Eindruck, als ließen sich ARD/ZDF ungeachtet vieler offizieller Bekundungen des Gegenteils von einem simplifizierten Bild des "Kampfes der Kulturen" zwischen dem Islam und dem Westen leiten, das ungeachtet seiner großen Popularität fast keine Unterstützer in der Wissenschaft findet. Vor allem der Themenhaushalt der Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen von ARD/ZDF benötigt im Hinblick auf den Islam dringend eine Revision. Es bedarf keiner an vorgefertigten Kulturmodellen orientierten Nachrichtenroutine, sondern eines lebendigen und dynamischen Journalismus, der nicht mehr über den Islam berichtet, sondern die vorhandenen medialen Räume so pluralistisch konzipiert, dass alle Bereiche des muslimischen Lebens eingeschlossen werden. Erforderlich sind ein neuer Pluralismus und eine neue Ausgewogenheit des Fernsehens, das neben notwendiger Berichte über Konflikte einen angemessenen politischen, sozialen und kulturellen Überblick über das Thema Islam bieten sollte. Die bereits vorhandenen etwa 20 % antizyklischer Berichterstattung über Soziales, Religion und Kultur sind ein guter Anfang, sie weisen auf ein vorhandenes journalistisches Potenzial hin und sollten gegenüber den viel zu zahlreichen Gewalt- und Konfliktsendungen ausgebaut werden.

Es ist kein Widerspruch, einerseits zu fordern, dass ARD und ZDF weniger konfliktorientiert berichten sollten, und andererseits anzumerken, dass bestimmte Gewalterscheinungen in den Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen von ARD und ZDF fehlen und kaum thematisiert werden. Die etablierten Themen wie islamistischer Terrorismus, religiöse Intoleranz und Gewalt gegen Frauen sind Formen der Gewalt, die in Deutschland auf großes Interesse stoßen. Die vergleichende Konfliktforschung aber geht beispielsweise davon aus, dass die Hauptursache politischer Gewalt in der islamischen Welt nicht der Terrorismus ist, sondern der autoritäre Staat, gegen den unter anderem Islamisten opponieren.[6] Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Gewalt autoritärer islamischer Staaten (Saudi-Arabien u.a.) tauchen jedoch in der Regel allenfalls in Spezialmagazinen der Auslandsberichterstattung auf. Fragen von Menschenrechten und Demokratie haben mit 4 % eine untergeordnete Rolle gegenüber der Beachtung des Terrorismus/Extremismus mit 23 %. Bei ARD/ZDF entsteht eine Schieflage des Islambildes insofern, als vor allem im Westen und für den Westen relevante Gewalt erörtert wird. Von den Problemen in der islamischen Welt erfährt der Rezipient auf diese Weise kaum etwas. Globales Orientierungswissen bleibt von untergeordneter Relevanz, und der Eurozentrismus der Islamagenda ist unverkennbar. Dabei sind die Opfer von Gewalttaten mit Bezug zum Islam immer noch in der islamischen Welt selbst zu suchen.

ARD und ZDF definieren sich selbst als Vorbildmedien hinsichtlich der Berichterstattung über Fragen des kulturellen Zusammenlebens. Erst jüngst waren WDR und ZDF Gastgeber einer großen europäischen Konferenz zum Thema Medien und multikulturelle Gesellschaft.[7] Zwar kann die vorliegende Untersuchung keine generellen Aussagen über das Erreichen medienpolitischer Zielsetzungen treffen. Zumindest im Bereich der Islamberichterstattung bleibt allerdings fraglich, ob der Programmauftrag durch die derzeitige Praxis der Berichterstattung wirklich erfüllt wird. Statt einen neutralen Informationsansatz zu verfolgen, ist die sehr einseitige thematische Auswahl in den Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen von ARD und ZDF dazu geeignet, eine in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung bereits vorhandene Vorurteilsbereitschaft gegenüber dem Islam und die demoskopisch messbare "Islamangst" in Deutschland weiter zu steigern. An populären Themen orientiertes Infotainment ist aber kein Ersatz für einen qualitativ hochwertigen Journalismus. Auch einige positive Gegenbeispiele einzelner Sendungen oder der multikulturellen Nischenprogramme der regionalen Tochtersender der ARD können nicht entkräften, dass die reichweitenstarken Magazinsendungen des Hauptprogramms von ARD und ZDF und damit die thematische Grundstruktur der überregionalen öffentlich-rechtlichen Sender islamophob sind.

Die Rezeption der Berichterstattung zu den Anschlägen des 11. September 2001 hat deutlich gemacht, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ein erhebliches Ansehen genießt. Gerade in akuten gesellschaftlichen Krisensituationen vertrauen viele Rezipienten - auch diejenigen, die sonst privaten Sendern zuneigen - den öffentlich-rechtlichen Anstalten und insbesondere ihren bundesweiten Programmangeboten. ARD und ZDF sind innerjournalistische Meinungsführer, d.h. ihre Medienagenda beeinflusst die Arbeit anderer Sender und Medien. Auf Grund dieser hervorragenden gesellschaftlichen Wirkungspotenziale ist es umso dringlicher, dass eine Auseinandersetzung über neue Eckwerte der Islamberichterstattung von ARD und ZDF stattfindet. Von einer Revision der Islamberichterstattung bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern dürften erhebliche gesellschaftliche Impulse ausgehen.

Angesichts der Tatsache, dass die internen Aufsichtsstrukturen durch Integrationsbeiräte etc. nicht haben verhindern können, dass das Islambild der öffentlich-rechtlichen Anstalten erhebliche Schieflagen aufweist, sind jüngst geäußerte Anregungen etwa des SWR-Intendanten Peter Voß oder der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Maria Böhmer, Muslime künftig in die Aufsichtsgremien von ARD und ZDF berufen zu wollen, wichtige Diskussionsbeiträge.[8] Es muss davon ausgegangen werden, dass eine Repräsentanz der Muslime als gesellschaftliche Gruppe in öffentlich-rechtlichen Gremien eine wichtige Korrekturfunktion bei der Programmplanung und -aufsicht übernehmen könnte. Dabei wird allerdings darauf zu achten sein, dass eine Form der personellen Rotation gefunden wird, die eine Usurpation dieser Positionen durch einzelne islamische Organisationen unmöglich macht. Die besondere Organisationsstruktur des Islam, der keine Großkirchen kennt, macht eine einfache Kopie der Rundfunkbeauftragten christlicher Kirchen in Verwaltungs- und Rundfunkräten von ARD/ZDF unmöglich und erfordert neue Formen der Konsultation.

Fußnoten

6.
Vgl. Thomas Scheffler, West-eastern cultures of fear: Violence and terrorism in Islam, in: Kai Hafez (Ed.), The Islamic World and the West, Leiden u.a. 2000, S. 70 - 85; Jochen Hippler, Krieg, Repression, Terrorismus. Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und islamischen Gesellschaften, Stuttgart 2006.
7.
Vgl. Migration und Integration - Europas große Herausforderung. Welche Rolle spielen die Medien, Konferenz in Essen, 23.-24. November 2006, http://www.integration-media.eu/de/programm_inhalte.php (7. 1. 2007).
8.
Bisher in ZDF und ARD keine Muslime/Intendant Peter Voß, Der Islam gehöre ins Programm und in Verwaltungs- und Rundfunkrat, http://islam.de/7296.php (15. 11. 2006).