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11.5.2007 | Von:
Mathias Albert
Willibald Steinmetz

Be- und Entgrenzungen von Staatlichkeit im politischen Kommunikationsraum

Historische Semantik des Politischen

Ein Rückblick in die Geschichte des Politikvokabulars seit der Frühen Neuzeit offenbart eine große Bandbreite möglicher Verwendungsweisen. Der Wortgebrauch und damit die Bedeutungen von "Politik" variierten je nach Land, Sprache, Sprecher und Situation.[6] Die auf das griechische polis zurückgehende Wortfamilie um "Politik" differenzierte sich durch neue Nominal- und Verbalformen (das "Politische", "politisieren") sowie zahllose Komposita ("Sozialpolitik", "Politikversagen") und Kombinationen mit dem Adjektiv "politisch" immer stärker aus. Dadurch erweiterten sich die Aussagemöglichkeiten beträchtlich. Von einer linearen Entwicklung in dem Sinne, dass man unter "Politik" um 1700 vor allem dies, um 1900 primär jenes verstand, kann man nicht ausgehen. "Politik" konnte im Laufe der neueren Geschichte sehr vieles und immer mehreres zugleich bedeuten, und noch mehr Sachverhalten, Verhältnissen oder Personen konnte eine "politische" Qualität zugeschrieben werden. Schon wegen dieser bis heute andauernden Dynamik des Wortfelds verbietet sich die Annahme einer sachlich oder logisch zwingenden begrifflichen Kontamination von "Politik" und "Staat", zumal auch der Staatsbegriff in der Geschichte vielfältigen Wandlungen unterlag und in den europäischen Sprachen beziehungsweise Ländern unterschiedlich gefasst wurde.[7]

Der Politikbegriff ist mit der mittelalterlichen Aristoteles-Rezeption in die europäischen Sprachen eingeführt worden und hat sich seitdem semantisch angereichert. Die meisten der im Laufe der Jahrhunderte hinzugekommenen Sinngehalte sind bis heute abrufbar geblieben. Nur wenige vormoderne Bedeutungen von "Politik" und "politisch" gerieten im 19. oder 20. Jahrhundert in Vergessenheit, so die im Kontext der höfischen Gesellschaft geläufige Verwendung, nach der "politisch" sein hieß, dass man im geselligen Verkehr geschickt bis zur Skrupellosigkeit seinen Vorteil zu wahren verstand. Nicht mehr selbstverständlich präsent ist heute auch der ältere, auf Aristoteles zurückgehende Begriff von "Politik" als einer Disziplin oder Kunstlehre neben Ethik und Ökonomie. Stärker noch als die "Ökonomie", die weiterhin sowohl die Lehre von der Wirtschaft als auch das Wirtschaftsleben selbst meinen kann, hat sich "Politik" gewissermaßen verdinglicht und verweist heute einerseits auf das Handeln politischer Akteure (wer immer sie seien), andererseits auf die Sphäre, in der sich ihr Handeln vollzieht: Man "macht" Politik oder man agiert "in" der Politik. Der ältere Disziplinbegriff von "Politik" ist weit gehend vergessen.

Dauerhaft präsent geblieben ist hingegen die aristotelische Grundvorstellung, dass "Politik" es mit dem Wohlergehen des "großen Ganzen", mit der guten Ordnung des Gemeinwesens zu tun habe, wie immer es im Einzelfall ausgestaltet sein mochte. Der Politikbegriff in dieser, auf das "große Ganze" gerichteten Bedeutung mag im Denken der Antike untrennbar mit der Form der polis verknüpft gewesen sein,[8] seit seiner Einführung in das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Europa ist er jedoch nicht mehr an spezifische institutionelle Arrangements gebunden. Er konnte auf die italienischen Stadtrepubliken genauso angewandt werden wie auf die französische Monarchie, auf eine kleine Grafschaft ebenso wie auf das Heilige Römische Reich und später, im 19. Jahrhundert, auf lose föderale Gebilde in gleicher Weise wie auf straff zentralisierte Nationalstaaten. Unabhängig von der Größe, Macht und Verfassungsform des Gemeinwesens zielte der an die antike Tradition anknüpfende Politikbegriff von Anfang an auf eine bestimmte Art der Kommunikation: auf Verständigung über Regeln des Zusammenlebens - innerhalb von Gemeinwesen und zwischen ihnen.

Dass Regeln des Zusammenlebens auch gewaltsam oder durch Intrigen und Hinterlist, notfalls mit Krieg und Terror durchgesetzt werden konnten, lag ursprünglich jenseits des aus der Antike überlieferten Politikbegriffs, gehört jedoch in Europa seit dem 16. Jahrhundert zu seinem festen Bedeutungsinventar. Es ist vielleicht die wichtigste semantische Anreicherung, die er in der Geschichte erfahren hat. Sie wurde zuerst, etwas zu Unrecht, mit dem Namen Machiavelli in Verbindung gebracht,[9] setzte sich fort in den Fürstenspiegeln und politischen Testamenten, die der Kabinettspolitik absolutistischer Herrscher als Anleitung dienten, fand eine weitere Ausprägung in der Neufassung des Kriegsbegriffs durch Carl von Clausewitz, demzufolge Krieg "eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit andern Mitteln" sein sollte,[10] und wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kontext der deutschen und italienischen Nationalstaatsbildungen durch Krieg und Diplomatie als "Realpolitik" auf den Begriff gebracht. Betrachtet man die Verwendung des Politikvokabulars, so werden auch in der Gegenwart Krieg und Gewalt bis hin zu terroristischen Anschlägen immer wieder als Bestandteil der "politischen" Kommunikation angesprochen. Die Bewertung dieser Form von "Politik" mag negativ ausfallen, viele wollen der nichtstaatlichen Gewalt auch den politischen Charakter ganz absprechen, aber eben dieser Streit um den politischen oder nichtpolitischen Charakter von Gewalt bleibt ein Politikum.

Häufig negativ konnotiert ist im öffentlichen Sprachgebrauch auch derjenige Aspekt von Politik, der in der Politikwissenschaft als "politics"-Dimension bezeichnet und im Deutschen seit dem späten 19. Jahrhundert als kleingeistige Partei-, Interessen- und Berufspolitik diffamiert, seltener (wie bei Max Weber) als notwendiges Übel analysiert wird.[11] Gegen die Reduktion von "Politik" auf das Geschäft des Machterwerbs und -erhalts sowie das darum herum aufgeführte Spektakel verbreitete sich in Deutschland seit der Jahrhundertwende die Forderung, die Gesellschaft, die Kunst und die Wissenschaft müssten selbst "politisch" werden, also sich "politisieren".[12] Und eben gegen die Engführung von Politik als Partei- und Berufspolitik richtete sich auch die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufkommende Begriffsbildung "das Politische". Wie immer es definiert wurde - ob als Beziehungsfeld, in dem letzte Freund-Feind-Unterscheidungen getroffen werden, wie bei Carl Schmitt,[13] oder als Handlungsfeld, in dem die Menschen ihre Angelegenheiten durch Akte des Vergebens und Versprechens, also durch Worte regeln, wie bei Hannah Arendt[14] - immer stand die Annahme dahinter, dass "das Politische" eine fundamentalere Dimension menschlichen Daseins sei als die konkret vorgefundene Politik innerhalb der Staaten und zwischen ihnen. Aus einer solchen Sicht war die zeitweise erfolgreiche Monopolisierung der Politik durch den Staat und seine Apparate allenfalls eine ephemere Erscheinung der Epoche zwischen dem Westfälischen Frieden und dem zweiten "Dreißigjährigen Krieg" des 20. Jahrhunderts.

Fußnoten

6.
Zum Folgenden die Aufsätze in: W. Steinmetz (Anm. 2).
7.
Vgl. hierzu Hans Boldt u.a., Staat und Souveränität, in: Otto Brunner u.a. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 6, Stuttgart 1990, S. 1 - 154.
8.
Vgl. Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt/M. 1980.
9.
Vgl. V. Sellin (Anm. 1), S. 809ff.
10.
Zu diesem Zitat und seiner Interpretation: Jörn Leonhard, "Politik" - ein symptomatischer Aufriss der historischen Semantik im europäischen Vergleich, in: W. Steinmetz (Anm. 2).
11.
Vgl. Max Weber, Politik als Beruf, in: Ders., Gesammelte politische Schriften, Tübingen 1988(5), S. 505 - 560.
12.
Sabine Marquardt, Polis contra Polemos. Politik als Kampfbegriff der Weimarer Republik, Köln 1997.
13.
Vgl. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, Berlin 2002(7), S. 26f.
14.
Vgl. Hannah Arendt, Vita Activa oder vom tätigen Leben (amerik. Original 1958), München 1981, S. 241.