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2.5.2007 | Von:
Muriel Asseburg
Guido Steinberg

Konfliktdynamik im Nahen und Mittleren Osten

Vom Hegemonialkonflikt zum Konfessionskrieg?

Der Hegemonialkonflikt am Persischen Golf wird seit 2003 - wie schon während des Iran-Irak-Krieges - nicht nur immer stärker als konfessionelle Auseinandersetzung wahrgenommen, er birgt auch die Gefahr einer Eskalation der Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten in der Region. Der Irak-Krieg führte zur politischen Emanzipation der schiitischen Bevölkerungsmehrheit (60 bis 65 Prozent) des Landes, die seit der Staatsgründung 1920 politisch weitgehend marginalisiert und während der Diktatur Saddam Husseins blutig unterdrückt worden war. Nach dem Sturz des Regimes bot sich ihr die Gelegenheit, eine wichtige Rolle in der Regierung des Landes zu spielen. Die arabischen Nachbarländer - in denen die Machteliten sunnitisch geprägt sind - befürchten deshalb, dass die Schiiten am Golf ebenfalls ermuntert werden könnten, politische Mitsprache einzufordern, und dass die konfessionellen Auseinandersetzungen auf diese Länder übergreifen könnten. Darüber hinaus haben sie den Irak immer als geostrategisches Gegengewicht zum Iran betrachtet. Sie befürchten nun, dass ein schiitisch dominierter Irak (oder ein Teil des Irak) zum Satelliten Teherans werden könnte. Implizit gehen viele arabische Politiker davon aus, dass arabische Schiiten den schiitischen Iranern nicht nur kulturell, sondern auch politisch nahe stehen. Dass konfessionelle Nähe nicht unbedingt politische Gefolgschaft nach sich zieht und dass die ethnische Bruchlinie zwischen Arabern und Persern für die Identitätsbildung arabischer Schiiten überaus wichtig ist, wird allzu oft ignoriert.

Die Mehrzahl der arabischen Nachbarstaaten des Irak hatte den Krieg der USA unter anderem deshalb abgelehnt, weil sie ein Auseinanderbrechen des Iraks befürchteten. Der Ausbruch des Aufstandes und die sich bereits 2004 abzeichnende Machtübernahme schiitischer Islamisten verstärkten diese Sorgen. Hierzu trug bei, dass die stärkste schiitische Organisation, der Hohe Rat für die Islamische Revolution im Irak, 1982 im iranischen Exil gegründet worden war und als iranischer Klient gilt. Nachdem die Vereinigte Irakische Allianz der Schiitenparteien siegreich aus den Wahlen im Januar 2005 hervorgegangen war und Ibrahim al-Jaafari, ein führender Politiker der schiitischen Daawa-Partei, im April Ministerpräsident wurde, häuften sich die Proteste aus Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien gegen den iranischen Einfluss im Irak. Bereits im Dezember 2004 warnte der jordanische König Abdallah vor der Entstehung eines "schiitischen Halbmonds" vom Iran über den Irak und Syrien bis zur libanesischen Hisbollah, der die Stabilität der gesamten Region bedrohe. Doch bereits die Tatsache, dass Syrien kein Land mit schiitischer Mehrheitsbevölkerung ist,[3] zeigt, dass es sich um einen politischen Kampfbegriff handelt, der die Verbündeten des Iran diskreditieren soll. Im September 2005 warnte der saudi-arabische Außenminister Saud al-Faisal in einer viel beachteten Rede vor dem US Council on Foreign Relations davor, der Irak werde dem Iran überlassen. Auch der ägyptische Präsident Hosni Mubarak erklärte im April 2006, die irakischen Schiiten seien nicht loyal zu ihrem Heimatland, sondern zum schiitischen Iran. Die Eskalation der politischen Rhetorik verlief parallel zur Eskalation der Gewalt im Irak.

Diese Entwicklungen sind vor dem Hintergrund des Hegemonialkonflikts zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zu sehen. Dabei geht die Konkurrenz um Einfluss deutlich über die Golfregion hinaus: Da Teheran vermehrt versucht, Einfluss auf die Ereignisse im Libanon und den israelisch-palästinensischen Konflikt zu nehmen, bemüht sich Saudi-Arabien neuerdings wieder sehr aktiv, dem entgegenzuwirken. Die Regierungen Saudi-Arabiens, Ägyptens und Jordaniens rücken schon seit 2003 enger zusammen und haben ihre Zusammenarbeit beispielsweise in der Terrorismusbekämpfung ausgebaut. Hier deutet sich an, dass die von Politikern aus diesen Ländern geäußerten Vorbehalte gegenüber dem Iran und den Schiiten zur Bildung einer sunnitischen Allianz führen könnten, die einem "schiitischen Halbmond" gegenüberstehen würde. Die saudi-arabische Führung warnte Ende 2006, dass sie sunnitische Gruppierungen im Irak unterstützen werde, wenn sich die Situation dort nicht verbessere. Der Irak würde zum Schlachtfeld in dieser Auseinandersetzung, die sich im schlimmsten Fall auch auf andere Länder ausbreiten könnte. Besorgniserregend ist vor allem, dass die USA seit 2006 diese nahöstliche Blockbildung fördern, um dem Hegemonialstreben des Iran entgegenzuwirken. In einer Senatsanhörung im Januar 2007 sprach Außenministerin Condoleezza Rice von einer "strategischen Neuausrichtung" der Nahostpolitik und unterschied zwischen (sunnitischen)"Reformern" und (schiitischen) "Extremisten". Letztere würden zu einer immer größeren Gefahr für die US-Politik. Insbesondere wenn die USA tatsächlich einen Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm führen sollten, wäre zu erwarten, dass die iranische Führung versuchen würde, schiitische Gruppierungen in der Golfregion zu instrumentalisieren, um Anschläge gegen die USA und ihre Verbündeten durchzuführen. Dann bestünde die Gefahr, dass die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten noch stärker konfessionalisiert würden.

Fußnoten

3.
Die syrische Führungselite wird von Alawiten dominiert. Diese werden in der westlichen Öffentlichkeit zwar gemeinhin als schiitische Sekte bezeichnet, gelten bei den meisten Angehörigen der dominierenden Zwölferschia jedoch als Häretiker.