APUZ Dossier Bild

2.5.2007 | Von:
Sabine Hofmann

Außenwirtschaftliche Kooperation im Vorderen Orient

Boykott gegen Israel

Die wirtschaftlichen Interaktionen sind jahrzehntelang von politischen Interessen im Konfliktsystem bestimmt worden. Jüdischem Nationalismus stand der arabische gegenüber. Mit privater und staatlicher Finanz- und Wirtschaftshilfe aus dem Ausland lehnten alle israelischen Regierungen eine Levantisierung ihres Wirtschaftssystems ab. Vielmehr waren sie daran interessiert, dass Staat und Gesellschaft unabhängig, stark und relativ frei im regionalen Handlungsraum sind.

Regional-transnationaler Ausdruck des politischen und ökonomischen Nationalismus ist der Boykott der LAS gegenüber Israel. Den Firmen arabischer Staaten ist es untersagt, Wirtschaftskontakte mit Israel einzugehen. 1954 beschloss die LAS, das Verbot auf nichtarabische Firmen auszudehnen, und erfasste damit vor allem Firmen der Industriestaaten,[9] auf die zwei Drittel des israelischen Außenhandels entfielen. Mit der ersten und zweiten Ölkrise in den 1970er Jahren verschärfte die LAS den Boykott. Infolge der Erhöhung des Rohölpreises verfügten die Ölexportstaaten über höhere Einnahmen und eine vergrößerte Nachfrage nach ausländischen Waren und Dienstleistungen. Nun waren die Industriestaaten am Zugang zu den arabischen Staaten als Rohstoffmärkte interessiert, aber auch als Absatzmärkte, die mehrfach größer als der israelische sind. So konnte das zentrale Boykottbüro in Damaskus viele Firmen von Wirtschaftsbeziehungen mit Israel abhalten und vor dem Blacklisting warnen. Waren in den 1950er Jahren nur einige hundert Firmen erfasst, so waren es Ende der 1970er Jahre bereits einige tausend.

Als Ägypten 1979 einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet hatte und sich den USA annäherte, begann die Boykottfront zu bröckeln. In den 1980er Jahren gingen die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft zurück; die wichtigsten Rentierstaaten hatten eine wirtschaftliche Rezession zu bewältigen und verringerten ihre Transferzahlungen. Unter dem Einfluss marktwirtschaftlich getriebener Globalisierung nahmen die Tendenzen politischer Öffnung zu, und zahlreiche arabische Staaten konnten sich den Gesetzen des freien Welthandels und den Auswirkungen innovativer Forschungsergebnisse immer weniger entziehen. Damit verlor der Boykott schrittweise sein Abschreckungspotenzial. Ende der 1980er Jahre nahmen immer mehr große internationale Firmen aus Staaten, die zuvor den israelischen Markt gemieden hatten, den Handel mit Israel auf, z.B. aus Japan. Erst im Zusammenhang mit den Friedenskonferenzen Anfang der 1990er Jahre stand die Beseitigung des sekundären und des tertiären Boykotts auf der Tagesordnung internationaler Verhandlungen.

In Israel ist der Effekt des Boykotts nicht unumstritten. Einerseits beliefen sich die akkumulierten finanziellen Schäden für die israelische Wirtschaft und internationale Unternehmen auf bis zu 49 Mrd. US-Dollar.[10] Von den 500 weltweit führenden Unternehmen waren in den 1980er Jahren weniger als zehn in Israel vertreten. Um Sanktionen zu umgehen, traten sie unter anderen Namen auf und nutzten einheimische Geschäftsleute als Agenten. Die Zurückhaltung war auch Ausdruck dafür, dass Israel bis dahin kaum Marktvorteile bot. Der kleine Markt, Staatsinterventionen, eine dirigistische Wirtschaftspolitik, schwache komparative Kostenvorteile und unsichere regionale Bedingungen boten kaum Anreize für größeres unternehmerisches Engagement. Daher sollte die Attraktivität des Standortes und des Marktes Israel bis 1993 nicht überschätzt werden.

Der prognostizierte Handel zwischen Israel und den arabischen Staaten ist relativ gering; so hatten in der Vergangenheit die Sanktionen des primären Boykotts für Israel nur einen marginalen Effekt. Auf dieser Ebene bewirkten sie eher das Gegenteil: Staat und Wirtschaft wurden darin bestärkt, die Ideen des politischen Zionismus als existenziell fürdie israelische Gesellschaft zu betonen. Durch die Boykottierung Israels beförderten die arabischen und islamischen Staaten letztendlich Bestrebungen zionistischer Parteien, dass die israelische Volkswirtschaft ihre wichtigsten Wirtschaftspartner in den USA und Westeuropa finden sollte. Um eine Nischenposition auf dem Weltmarkt zu besetzen, stiegen zahlreiche israelische Firmen mit staatlicher Subventionierung in Branchen ein, die sie wegen erwarteter Unrentabilität sonst wohl nicht betreten hätten. Dazu zählen auch Bereiche der Rüstungsindustrie, der "Wiege" der Hochtechnologie Israels. Das politische Ziel, die Wirtschaft so weit zu schädigen, dass Israel in Existenznot geriete, erreichten die arabischen Staaten nicht.

Doch auch ohne politische Abkommen kam es zwischen Israel und den Nachbarn zum Handelsaustausch. Neben dem indirekten Transfer über Drittstaaten wie Zypern und Mittelsfirmen war es der Sechstagekrieg 1967, in dessen Ergebnis sich neue Wege über die von Israel besetzten Gebiete ergaben. Agrarerzeugnissen folgten bald Industriewaren. Jordanische Behörden versuchten, die Infiltration ihres Marktes zu unterbinden, indem sie von Palästinensern aus dem Westjordanland, die nach Jordanien exportierten, Zertifikate verlangten. Im Norden liefen die Kontakte ab etwa 1975 direkt über den Südlibanon und nach Syrien. Dieser Transfer erfolgte bei Bedarf und lief auf rein geschäftlicher Grundlage und zweckorientiert ab; im Mittelpunkt standen Produkt und Gewinn. Er erwies sich für beide Seiten als vorteilhaft und stand nicht im Widerspruch zu den ökonomischen Interessen der Administrationen. Angesichts der zentralisierten staatskapitalistischen Systeme in der Region ist es eher unwahrscheinlich, dass derartige wirtschaftliche Kontakte ohne Kenntnis der staatlichen Akteure abgewickelt wurden. Bis zum Beginn der Friedensverhandlungen 1991 wurde diese Frage jedoch kaum öffentlich diskutiert.

Trotz dieser Ambivalenz erwies sich das Embargo für die Wirtschaftselite in Israel zunehmend als Hemmnis. So waren es Unternehmer der großen Firmen, die für eine Regelung des Nahostkonfliktes eintraten. Angesichts der veränderten Rahmenbedingungen nutzten sie ihren Einfluss, um in der Innen- und in der Außenpolitik einen Wandel anzuregen. Ab Ende der 1980er Jahre erfuhr die Fremd- wie die Selbstpositionierung Israels in der Region eine Revision.

Fußnoten

9.
Nun wurden die Sanktionen auf dritte Parteien, die direkte Wirtschaftskontakte mit Israel unterhielten, ausgedehnt (sekundärer Boykott). Die Firmen wurden auf einer Liste erfasst ("Blacklisting") und von Geschäften mit arabischen Staaten ausgeschlossen. Schließlich sollten auch die Firmen, die mit bereits erfassten Firmen Geschäfte machten, boykottiert werden (tertiärer Boykott).
10.
Vgl. Jerusalem Post vom 6.1. 1990; Hitachdut ha-taasijanim be-Jisrael (Vereinigung der Industriellen in Israel), Haschpaot ha-cherem ha-Aravi al ha-mescheq ha-Jisraeli, Tel Aviv, 29.10. 1992; Iggud Lischkot ha-Mischar, Ha-cherem ha-Aravi we-haschpaotaw al ha-kalkalah we ha-mescheq be-Jisrael, Tel Aviv, 21.1. 1993.