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2.5.2007 | Von:
Sabine Hofmann

Außenwirtschaftliche Kooperation im Vorderen Orient

Israelisch-arabische Kooperationen

Die multilateralen Arbeitsgruppen zur Wasserwirtschaft, Wirtschaftsentwicklung und Umwelt, die im Gefolge der Konferenz von Moskau 1992 eingerichtet worden waren, waren das funktionale Sprungbrett für Israels Regierungsvertreter, um öffentlichen Zugang zu einer größeren Anzahl von arabischen Staaten zu erlangen. An den Middle East andNorthern Africa (MENA) Summits 1994, 1995, 1996 und 1997 nahmen Regierungsvertreter und Unternehmer aus fast allen Staaten der Region teil, die Israel zuvor boykottiert oder ignoriert hatten. Im Vordergrund stand ihr Bestreben, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Mit der wirtschaftlichen Rezession, der politischen Verhärtung im israelisch-arabischen Verhältnis nach dem Beginn der zweiten Intifada und den Ereignissen vom 11.September 2001 wurden die Beziehungen weniger öffentlichkeitswirksam und im kleineren Kreis weitergeführt, auf eine rationale Basis gebracht, in einigen Bereichen zurückgestellt oder eingefroren.

Israelische und arabische Unternehmer und deren Interessenvertretungen gingen seit Anfang der 1990er Jahre auf multilateraler, subregionaler und bilateraler Ebene vielfältige Verbindungen ein, die sich auf den gesamten Wirtschaftskreislauf (Produktion, Distribution, Zirkulation, Konsumtion) und beinahe alle Sektoren der Wirtschaft einschließlich Handel, Investitionen, Beschäftigung, angewandte Forschung und Bildung erstrecken. Der Vorteil für Unternehmer liegt nicht zuletzt in den niedrigeren Faktorkosten, für Israel insbesondere in den arbeitsintensiven Industriezweigen der Subregion des Maschrek. In einigen Wirtschaftsbereichen Jordaniens und Ägyptens resultiert inzwischen ein signifikanter Teil der Produktion aus Fertigungsabteilungen israelischer Investoren. So hat Dov Lautman, größter Textilunternehmer Israels und Global Player, in Ägypten die meisten neuen Arbeitsplätze geschaffen. 1999 waren 20 israelische Unternehmer in Ägypten aktiv und hatten 1998 rund 30 Mio. US-Dollar in Joint Ventures investiert.[15] Neben der verbesserten sicherheitspolitischen Lage profitieren sie hier auch von den Lohnkosten, die noch niedriger als in den palästinensischen Territorien sind.[16] Neben Kooperationen im Agrarsektor, Gesundheitswesen, Infrastrukturwesen und Tourismus wurden Joint Ventures insbesondere in neuen Industrieparks Jordaniens und Ägyptens angesiedelt. Sie verbesserten die Standortposition der beiden Staaten, zogen ausländische Investoren an und führten zur Schaffung zahlreicher neuer Arbeitsplätze. In der Folge kam es zu einem absoluten Anstieg des Handels zwischen Israel und Ägypten bzw. Jordanien.

Die in den Qualifying Industrial Zones (QIZ) hergestellten Waren exportieren Jordanien und Ägypten zoll- und quotenfrei in die USA. Über derartige trilaterale Präferenzabkommen verhandeln Israel und Jordanien auch mit der EU. Durch die Kumulation könnten insbesondere arbeitsintensive Zweige wie die Textilindustrie die Konkurrenzfähigkeit nahöstlicher Produzenten verbessern und die subregionale Kooperation erweitern. Diese Kooperationsansätze wurden - teilweise reduziert und unter erschwerten Bedingungen - auch in Phasen politischer Krisen fortgesetzt. Ihre Effektivität würde sich für die beteiligten Volkswirtschaften erhöhen, wenn die QIZ nicht nur eine Inselposition einnähmen, sondern mit einheimischen Produzenten verflochten werden könnten.

Das nicht nur ökonomisch umfangreichste Geschäft zwischen Israel und Ägypten ist ein Abkommen über die Lieferung von Gas mit einem Gesamtwert von 2,5 Mrd. US-Dollar. Für 20 Jahre bezieht Israels Wirtschaft diesen strategisch wichtigen Rohstoff vom Nachbarstaat. Mit ihrer Unterschrift unter das über mehr als zehn Jahre ausgehandelte Vertragswerk bestätigten Regierungsvertreter beider Seiten im Juni 2005 die Bedeutung, die sie dem Geschäft beimessen.[17] Das zweite wichtige kommerzielle Unternehmen ist der Handelsvertrag, den beide Staaten im Dezember 2004 mit den USA abschlossen. Er betrifft die Institutionalisierung gemeinsamer QIZ in Ägypten, von wo aus die Waren zollfrei in die USA exportiert werden.[18]

In den vergangenen fünf Jahren erweiterten Israel und Jordanien die Kooperation. So gestattet Israel Jordanien die Nutzung seines Mittelmeerhafens in Haifa. Mit bilateralen Projekten soll der Wasserknappheit des Jordan und des Toten Meeres begegnet werden. Beide Seiten einigten sich auf die Beschäftigung jordanischer Arbeitskräfte in Israel und die Absicherung israelischer Unternehmer bei der Erschließung neuer Märkte. Über jordanische Partner gelangten israelische Geschäftsleute an Aufträge in der Kriegswirtschaft des Iraks. Sie beteiligten sich z.B. in der Infrastruktur und im IT-Sektor, nachdem Benjamin Netanjahu in seiner Zeit als Finanzminister israelischen Unternehmen eine generelle Genehmigung zum Handel mit dem Irak erteilt hatte. Die Mehrzahl der Unternehmer in Israel misst dem Vorderen Orient im Vergleich mit anderen Regionalmärkten weniger Wertigkeit bei. Sie betrachten den Regionalhandel nicht als Ersatz für andere Handelsverbindungen, sondern als Ergänzung und Handelsausweitung auf bisher eher verschlossene Märkte, wie in die arabischen Golfstaaten.

Zu einer zukunftsträchtigen Kooperation für Israel ist die Partnerschaft mit der Türkei geworden.[19] Es bestehen enge Beziehungen im Handel und in der Produktion, einschließlich des Rüstungssektors. Die Unternehmerverbände Israels, der Türkei und Palästinas einigten sich im so genannten Ankara Forum for Economic Cooperation between Palestine, Turkey and Israel auf eine trilaterale Kooperation bei der Wiedereinrichtung des Erez Industrial Estate im nördlichen Gazastreifen. Israel hatte die an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel gelegene Industriezone, in der israelische und palästinensische Unternehmen angesiedelt waren, 2005 geschlossen. Dadurch verloren bis zu 5 000 Palästinenser ihre Beschäftigung.[20]

Fußnoten

15.
Die Industrieexporte Israels nach Jordanien und Ägypten waren 2006 gegenüber 2005 trotz des Libanonkrieges um rund 13 % bzw. 36 % gewachsen. Auf Grund der Proteste der Opposition gegen den Handel liegen die tatsächlichen Importe aus Israel vermutlich höher als die veröffentlichten Werte. Nach Angaben des israelischen Exportinstitutes sind in Ägypten 257 israelische Exporteure aktiv, in Jordanien 1 300: FICC, Port2Port. Israel's Trade Portal; http://port2port.com/Index.asp?CategoryID=46&ArticleID=160 (11.12. 2006).
16.
Zum israelisch-palästinensischen Konflikt und der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Palästinenser von Israel vgl. ausführlicher Sabine Hofmann, Wirtschaftliche Kooperation bei politischer Separation, in: Dietmar Herz/Christian Jetzlsperger/Kai Ahlborn (Hrsg.), Der israelisch-palästinensische Konflikt, Wiesbaden 2003, S. 141 - 167.
17.
Die IEC unterzeichnete das Abkommen mit der EMG, die sich im Besitz des israelischen Geschäftsmannes Yossi Maimon, der ägyptischen Regierung und ägyptischer Geschäftsleute befindet.
18.
Zum ägyptischen Textilsektor und den QIZ siehe u.a. Al-Ahram Weekly, 17.-23.8. 2006 u. 24.-30.8. 2006.
19.
Israelische Unternehmer gründeten Institutionen für die transnationale Wirtschaftstätigkeit: Israel Egypt Chamber of Industry and Commerce, Israel Jordan Chamber of Commerce, Israel Morocco Chamber of Commerce and Industry, Israel Turkey Business Council. Diese Institutionen haben ein zukunftsträchtiges Potenzial für die israelisch-arabischen Beziehungen, nicht allein im Tourismussektor. Fast eine halbe Million Israelis haben ihre Herkunft in Marokko, rund 247 000 im Irak. Zahlreiche Unternehmer pflegen nicht nur persönliche Beziehungen z.B. zu Marokko, mit dem Israel sich ja nie im Kriegszustand befand, sondern sind an einer breiteren Geschäftstätigkeit interessiert.
20.
Vgl. www.haaretz.com (16.1. 2006); www.turkish press.com (6.1. 2006); www.tobb.org.tr/eng (3.1. 2006).