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5.4.2007 | Von:
Martin Löffelholz

Kriegsberichterstattung in der Mediengesellschaft

Professionalisierung des Kommunikationsmanagements

Gezielten politischen Einfluss auf den Journalismus nahmen bereits die Gründerväter der USA: Durch für Medien inszenierte Pseudo-Ereignisse - wie die "Boston Tea Party" (1773) - versuchten sie (wie wir heute wissen: erfolgreich), die Briten zum Feind zu stilisieren und damit die öffentliche Meinung auf den Unabhängigkeitskrieg (1775 - 1783) einzustimmen.[7] Eine differenzierte staatliche Struktur zur Instrumentalisierung der Medien entwickelte sich jedoch erst im Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) - exemplifiziert etwa durch das in New York angesiedelte British Bureau of Information, das mit rund 500 festen Mitarbeitern und 10 000 Assistenten die öffentliche Meinung in den USA für einen Kriegseintritt gewinnen sollte.[8]

Mit der Niederlage der US-Streitkräfte im Vietnamkrieg (1965 - 1973) erhielten die Public Relations weiteren Auftrieb und wurden zu einem festen Bestandteil der sicherheitspolitischen Kommunikation. Die Unterstellung, der Krieg sei weniger auf dem südostasiatischen Schlachtfeld als auf der nordamerikanischen Medienbühne verloren worden, führte zu einer Professionalisierung der sicherheitspolitischen Kommunikation - zunächst in den USA,[9] später auch in Deutschland.[10]

Ein weiterer fundamentaler Wandel begann mit dem Ende des Kalten Krieges und beschleunigte sich nach den terroristischen Anschlägen des 11. September 2001:[11] Für die US-amerikanischen Streitkräfte rücken Information und Kommunikation seit den 1990er Jahren zunehmend ins Zentrum. In der Folge kam es zu einer Neudefinition der "harten Realität weicher Kräfte",[12] konkret: zu einem Relevanzgewinn der so genannten "Informationsoperationen" mit dem Ziel, jegliche verteidigungspolitisch relevanten Kommunikationsstrukturen miteinander zu vernetzen.

Aufeinander abgestimmt werden sollen dabei alle Bereiche der militärischen Kommunikation, die Öffentlichkeitsarbeit sicherheitspolitischer Akteure (z.B. Pentagon, NATO) und die zivil-militärische Kommunikation (z.B. Kooperation von Militär und Nichtregierungsorganisationen im Einsatzland). Auf diese Weise wollen die US-Streitkräfte eine "informationelle Überlegenheit" erreichen: beim Kriegsgegner, bei der Bevölkerung in Einsatzgebieten, aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern im eigenen Land sowie verbündeter Staaten. Die Beeinflussung von Medien gehört dabei zu den bewusst einkalkulierten Zielen.[13]

Entsprechend differenziert erscheinen die Kommunikationsinstrumente, welche die USA zur Durchsetzung ihrer angestrebten Informationsüberlegenheit verwenden - zuletzt vor und während des Irakkrieges. Neben scheinbar neuen Instrumenten wie dem embedded journalism wurden bereits erprobte Maßnahmen zur Einflussnahme auf Medien, Bevölkerung und gegnerische Streitkräfte eingesetzt - von der Zensur über Desinformationskampagnen bis zur vorgeblich sachorientierten Bereitstellung von Bildmaterial und Nachrichten.[14]

Diese Aufwertung medienbezogener Strategien im sicherheitspolitischen Kommunikationsmanagement korrespondiert mit einem Bedeutungsverlust traditioneller Formen zur Aushandlung von Entscheidungen über Krieg und Frieden. Wenn generell "Politik als Theater"[15] organisiert wird, erscheint eine "Tribunalisierung der internationalen Politik zwecks Legitimierung militärischer Interventionen"[16] konsequent. Eine Orientierung an den Regeln der Mediengesellschaft wird damit für Sicherheitspolitik und Militär alternativlos - auch in Deutschland, dessen sicherheitspolitische Kommunikation sich in wichtigen Aspekten von jener der USA abhebt.

Fußnoten

7.
Vgl. Michael Kunczik, Die Privatisierung der Kriegspropaganda. Öffentlichkeitsarbeit in Kriegszeiten von der Revolution 1776 bis zum Irak-Krieg 2003, in: M. Löffelholz (Anm. 4), S. 81 - 98.
8.
Vgl. Andreas Elter, Die Kriegsverkäufer. Geschichte der US-Propaganda 1917 - 2005, Frankfurt/M. 2005.
9.
Vgl. Russel J. Cook, Vietnam War. War changed the role of the press in U.S. affairs, in: Margaret A. Blanchard (Ed.), History of the mass media in the United States. An Encyclopedia, Chicago 1998, S. 677 - 680.
10.
Vgl. Martin Löffelholz, Krisen- und Kriegskommunikation als Forschungsfeld, in: ders. (Anm. 4), S. 13 - 55.
11.
Vgl. Eric P. Louw, The "War Against Terrorism". A Public Relations Challenge for the Pentagon, in: The International Communication Gazette, 65 (2003) 3, S. 211 - 230.
12.
U.S. National Defense University/Dan Kuehl (Eds.), Information Operations: The Hard Reality of Soft Power. Textbook, Washington 2003.
13.
Vgl. Andrea Szukala, Informationsoperationen und die Fusion militärischer und medialer Instrumente in den USA, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 53 (2005) 2 - 3, S. 222 - 240.
14.
Vgl. Deepa Kumar, Media, War, and Propaganda: Strategies of Information Management During the 2003 Iraq War, in: Communication and Critical/Cultural Studies, 3 (2006) 1, S. 48 - 69; Robin Brown, Spinning the War, in: Daya Kishan Thussu/Des Freedman (Eds.), War and the Media, London 2003, S. 87 - 100.
15.
Thomas Mayer, Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst, Berlin 1998.
16.
Herfried Münkler, Der neue Golfkrieg, Reinbek 2003, S. 26.