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5.4.2007 | Von:
Martin Löffelholz

Kriegsberichterstattung in der Mediengesellschaft

Paradigmenwechsel und Neukonzeption in Deutschland

In Deutschland veränderte sich das sicherheitspolitische Kommunikationsmanagement seit Ende des Kalten Krieges ebenfalls gravierend. Die Auflösung der "Akademie für Psychologische Verteidigung" und die Gründung der "Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation" (AIK) im März 1990 in Strausberg symbolisierten einen Paradigmenwechsel: Statt eines Gegeneinanders von Bundeswehr und Öffentlichkeit rückte zunehmend die Idee eines stärkeren Miteinanders in den Vordergrund.[17]

Die aktuellen Ziele und Arbeitsgrundsätze der sicherheitspolitischen Kommunikation von Verteidigungsministerium und Bundeswehr beschreibt die im August 2005 vorgelegte "Teilkonzeption Informationsarbeit der Bundeswehr".[18] Anders als in den USA[19] unterscheidet das Ministerium dabei zwischen der "Informationsarbeit" - gemeint sind Kommunikationsinstrumente, die auf Medien und Bevölkerung in Deutschland und verbündeter Staaten bzw. auf Truppenbetreuung und Nachwuchswerbung zielen - und den einsatzbezogenen "Informationsoperationen" "zur Beeinträchtigung von fremden und zum Schutz eigener Informationen und Informations- und Kommunikationssystemen sowie zugehöriger Prozesse".[20] Zu den "Informationsoperationen" gehören zum Beispiel die Einsätze des Bataillons für Operative Information, das 1990 die "Psychologische Verteidigung" ablöste.[21]

Verantwortlich für alle kommunikationsbezogenen Aktivitäten des Verteidigungsministeriums und der Bundeswehr ist - aufgrund des Primats der Politik - der Verteidigungsminister. Im Ministerium führt der "Presse- und Informationsstab", bestehend aus etwa 50 Personen, die Informationsarbeit der Bundeswehr. Die Inspekteure der Teilstreitkräfte sowie die Presse- und Informationszentren von Heer, Luftwaffe, Marine, Streitkräftebasis und Sanitätsdienst stimmen sich mit der ministeriellen Stabsabteilung ab. Die AIK als Ausbildungseinrichtung, das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr als Forschungsinstitution und die Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr als zentrale Medienproduktionsstätte unterliegen der Fachaufsicht des Presse- und Informationsstabes.

Seit dem Erlass der "Teilkonzeption Informationsarbeit" nimmt der Presse- und Informationsstab damit "erstmals eine Rolle ein, die ihm machtpolitisch weitgehende Durchgriffsrechte sichert".[22] Die strukturellen Voraussetzungen für eine effiziente Kommunikation der Bundeswehr sind also vorhanden. Eine theoretische Analyse der "Teilkonzeption Informationsarbeit" offenbart jedoch konzeptionelle und definitorische Defizite. Aus der Perspektive eines integrativen Modells von Organisationskommunikation[23] präsentiert sich diese Konzeption als "inhaltlich weitgehend unstrukturierte Sammlung von Aufgabenbeschreibungen und Zuständigkeitszuweisungen auf Basis nicht klar definierter Begrifflichkeiten, die keinen erkennbaren Bezug zum aktuellen Stand der Forschung haben".[24]

Inwieweit diese kritische Analyse des sicherheitspolitischen Kommunikationsmanagements in Deutschland empirisch nachweisbare Probleme indiziert, ist wissenschaftlich bisher unklar. Empirisch analysiert wurden nur wenige Aspekte der Bundeswehr-Kommunikation.[25] Das ist deshalb bedeutsam, weil verlässliche Aussagen über den Einfluss der sicherheitspolitischen Public Relations auf Medien und Bevölkerung nur getroffen werden können, wenn Verteidigungsministerium, Bundeswehr und andere sicherheitspolitisch relevante Institutionen nicht als Black Box, als in sich homogene Institutionen, betrachtet werden.

Dazu ein Beispiel: Die Kommunikationsziele von Großorganisationen wie der Bundeswehr folgen, trotz hierarchischer Struktur, nicht zwangsläufig einheitlichen Interessen. Allein schon die die Parteipolitik berücksichtigende Kommunikation des Verteidigungsministers unterscheidet sich von der primär auf militärische Qualitätskriterien gründenden Kommunikation der Bundeswehr. Die Teilstreitkräfte wiederum verfolgen ebenfalls nicht zwingend einheitliche Kommunikationsziele, da sie angesichts knapper Haushaltszuweisungen in Konkurrenz zueinanderstehen, etwa bei der Modernisierung von Waffen und Gerät. Die Komplexität des sicherheitspolitischen Kommunikationsmanagements spricht dafür, simplen Kausalmodellen, nach denen die sicherheitspolitischen Public Relations die Kriegs- und Krisenberichterstattung deterministisch prägen, eine Absage zu erteilen.

Fußnoten

17.
Vgl. Oliver Zöllner, Dialog als kommunikative Strategie - Öffentlichkeitsarbeit staatlicher Stellen am Beispiel der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation, Waldbröhl 1993.
18.
Bundesministerium der Verteidigung, Teilkonzeption Informationsarbeit der Bundeswehr (Tk InfoABw), Berlin 2005.
19.
Vgl. A. Szukala (Anm. 13), S. 228ff.
20.
Bundesministerium der Verteidigung, Konzeption der Bundeswehr, Berlin 2004, S. 44.
21.
Vgl. M. Löffelholz (Anm. 10), S. 23.
22.
Sascha Stoltenow, Gegen/Bilder: Perspektiven für den Einsatz von Corporate TV im Rahmen eines integrierten Kommunikationsmanagements der Bundeswehr. Master Thesis, Donau-Universität Krems 2006, S. 96.
23.
Ansgar Zerfass, Unternehmensführung und Öffentlichkeitsarbeit. Grundlegung einer Theorie der Unternehmenskommunikation und Public Relations, Wiesbaden 20042.
24.
S. Stoltenow (Anm. 22), S. 93.
25.
Vgl. Matthias Duchscherer, Die Bundeswehr im Internet. Organisationsstrukturen, Handlungsprogramme, Angebote. Diplomarbeit, TU Ilmenau 2005; S.Stoltenow (Anm. 22), S. 128ff.