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5.4.2007 | Von:
Martin Löffelholz

Kriegsberichterstattung in der Mediengesellschaft

Determinieren Public Relations die Kriegsberichterstattung?

Selbstverständlich: Dass sicherheitspolitische Akteure - auch in Demokratien - bemüht sind, ihre Handlungen in einem positiven Licht erscheinen zu lassen und dafür (selten, gelegentlich, oft?) unredliche Mittel einsetzen, kann als gesichert gelten. Darauf verweist die große Zahl lancierter und nachträglich entlarvter Falschinformationen, die in bestimmten historischen Konstellationen gravierende Konsequenzen für Entscheidungen über Krieg und Frieden hatten. Zu nennen sind etwa die von einer PR-Agentur erfundene "Brutkastenlüge" vor Beginn des Zweiten Golfkriegs (1991),[26] der offenkundig konstruierte "Hufeisenplan" im Kosovokrieg (1999)[27] oder die von der US-Regierung vorgelegten "Beweise" für Massenvernichtungswaffen vor dem Angriff auf den Irak (2003).[28]

Diese Beispiele, so bedenkenswert sie sind, sagen allerdings nur begrenzt etwas darüber aus, welche Organisationen oder Personen unter welchen Bedingungen mit welchen Zielen bei welchen Medien welche Inhalte mit welchen Auswirkungen auf welche Bevölkerungssegmente erreichen. Weder Sicherheitspolitik noch Militär können trotz eines enormen Kommunikationsaufwandes - gerade in den USA - voraussagen, wie Journalisten sich in bestimmten Kriegen oder Krisen verhalten, welche Themen geheim gehalten werden können oder welche Ereignisse mediale Breitenwirkung erzielen. Das zeigte sich beispielsweise im Frühsommer 2004, als Medien Folterbilder aus einem von US-Militärs geleiteten Gefängnis in Bagdad publizierten und damit eine weltweite Debatte auslösten, die das Pentagon sicherlich gerne vermieden hätte.

Die Beziehungen zwischen sicherheitspolitischem Kommunikationsmanagement und den Medien sind in offenen Gesellschaften insofern als prinzipiell nicht-deterministisch zu charakterisieren. Das ergibt sich zum einen aus kommunikationswissenschaftlichen Theorien und Befunden, nach denen die Beziehungen von Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus keineswegs durch einseitige Einflussnahme, sondern durch wechselseitige Abhängigkeiten charakterisiert sind.[29] Zum anderen unterliegt die Kriegs- und Krisenberichterstattung in demokratischen Gesellschaften einer Vielzahl von Einflüssen: Neben dem Kommunikationsmanagement spielen journalismusimmanente Aspekte (wie Arbeitsregeln, Organisationsformen), die Situation in Kriegsgebieten (wie Sicherheitslage, Zugang), die Interessen der Rezipienten sowie das öffentliche Klima eine Rolle.[30]

Versuche zur Instrumentalisierung des Journalismus können darüber hinaus zu Konsequenzen führen, die die politischen Akteure keineswegs intendieren. In Spanien überholte der Privatsender Telecinco in den ersten Monaten des Irakkrieges erstmals das Staatsfernsehen TVE in der Zuschauergunst. Offenkundig auf politischen Druck hin hatte TVE darauf verzichtet, über die europaweit größte Antikriegsveranstaltung zu berichten, an der in Spanien rund fünf Millionen Menschen teilgenommen hatten. Von dieser journalistische Standards ignorierenden Berichterstattung profitierte Telecinco, das sich im Gegensatz zu TVE nicht auf den kriegsfreundlichen Kurs der Regierung Aznar eingelassen hatte.[31] Ein regierungskritischer Journalismus kann also ein einträgliches Geschäft sein, solange die redaktionelle Linie sich an den Interessen der Publikumsmehrheit orientiert. Welche Konsequenzen sich aus einer eher kritischen oder aber einer eher affirmativ-propagandistischen Berichterstattung - wie etwa 2003 von Fox News über den Irakkrieg[32] - für Sicherheitspolitik, Diplomatie und Kriegsführung ergeben, wird in Wissenschaft und Politik intensiv diskutiert.

Fußnoten

26.
Vgl. T. Dominikowski (Anm. 4), S. 75f.
27.
Vgl. Tino Moritz, Operation Feindbild, in: Message, (2001) 1.
28.
Vgl. D. Kumar (Anm. 14), S. 57f.
29.
Vgl. Martin Löffelholz, Ein privilegiertes Verhältnis. Theorien zur Analyse der Inter-Relationen vonJournalismus und Öffentlichkeitsarbeit, in: ders. (Hrsg.), Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch, Wiesbaden 20042, S. 473 - 486.
30.
Vgl. Burkhard Bläsi, Keine Zeit, kein Geld, kein Interesse ...? Konstruktive Konfliktberichterstattung zwischen Anspruch und medialer Wirklichkeit, Berlin 2006, S. 55ff.
31.
Vgl. Manuel Mayer, Lieber Hochzeitsbilder. Spaniens Staatssender TVE unterdrückt kritische Stimmen zum Irak-Krieg, in: Berliner Zeitung vom 8.4. 2003.
32.
N.N., Der Medien-General Murdoch, in: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,243862,00. html (8.4. 2003).