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9.3.2007 | Von:
Jo Reichertz

Die Medien als selbständige Akteure

Staatliche Sicherheitsaufgaben werden zurzeit gesellschaftlich neu verteilt und legitimiert. Den Medien kommt beim aktuellen öffentlichen "Kampf" um die "richtige" Politik des Polizierens eine eigenständige Bedeutung zu.

Einleitung

Die Verfasser sozialwissenschaftlicher Zeitdiagnosen sind sich im Wesentlichen - unabhängig davon, ob sie unter dem Label Risiko-, Wissens- oder Kommunikationsgesellschaft oder anderen firmieren - darüber einig, dass die deutsche Gesellschaft (und nicht nur diese) (a) durch einen massiven und umfassenden, alle gesellschaftlichen Bereiche beeinflussenden Globalisierungsschub, (b) durch eine tief greifende Herauslösung des Einzelnen aus angestammten Gruppen bei gleichzeitiger Angewiesenheit auf neue gesellschaftliche Institutionen, (c) durch weiter anwachsende und noch bedeutsamer werdende Interkulturalität und (d) durch die zentrale Rolle von Wissen und Kommunikation bei der Bearbeitung und Bewältigung der aus den Besonderheiten moderner Gesellschaften resultierenden Integrationsprobleme gekennzeichnet ist.[1]




Für solche Gesellschaften ist der Kampf der Perspektiven konstitutiv: Unterschiedliche und oft heftig miteinander konfligierende Sitten, Normen und Interessen müssen immer wieder neu aufeinander abgestimmt und in ein Gleichgewicht' gebracht werden. Bei diesem Prozess spielen mediale Kommunikation und die Medien auch deshalb eine wichtigere Rolle, weil immer mehr, immer öfter und immer begründeter Geltungsansprüche und Legitimationen ausgehandelt werden müssen.
    Die deutsche Gesellschaft ist aus dieser Sicht eine Gesellschaft,

  • in der das individuelle Leben immer stärker und immer häufiger durch die Notwendigkeit kommunikativen (Aus-)Handelns gekennzeichnet ist;[2]
  • in der staatliche, wirtschaftliche und private Organisationen personale wie mediale Kommunikation als ein Steuerungsmittel erster Güte ansehen und zunehmend kompetent zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen;[3]
  • in der die lokale, nationale wie internationale Öffentlichkeit sich im Wesentlichen mit Hilfe der Massenmedien informiert und durch sie auch irritieren bzw. animieren lässt;[4]
  • in der die Medien sich nicht mehr auf die Rolle von Informationsspeichern und Informationstransportern reduzieren lassen, sondern, vor allem aus ökonomischen Notwendigkeiten, eigenständige Interessen artikulieren und als gesellschaftliche Akteure auftreten[5] und
  • in der Probleme des Wissens und der Kommunikation von Kommunikationstechnologien übernommen werden und diese Medien deshalb als Bedingung, Mittel und Akteure erfolgreichen Regierens und Wirtschaftens nicht mehr wegzudenken sind.[6]
Seit der Öffnung des Rundfunkmarktes für private Anbieter ist eine tief greifende Verlagerung des gesellschaftlichen und politischen Geschehens in den öffentlichen Diskurs hinein zu verzeichnen: Medien und der damit verbundene Mediatisierungsprozess stellen nicht mehr nur die Begleitmusik' zum eigentlichen politischen Geschehen dar, sondern sind ein wesentlicher Teil der Politik.[7]

Die Herstellung von "Öffentlichkeit" hat sich durch die mit der Privatisierung des Rundfunks einhergehende sprunghafte Vermehrung der Medien und die neuen Konkurrenzbedingungen, denen sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender nicht entziehen können, quantitativ wie qualitativ in entscheidender Weise verändert: Die Vermehrung der Medien hat zur Folge, dass (auf der Suche nach "Content") immer mehr Bereiche immer intensiver beobachtet werden, so dass kaum mehr ein Bereich der Gesellschaft von ihrer Beobachtung ausgespart bleibt. Die Konkurrenz der Medien und vor allem: die persönliche Konkurrenz der in den Medien Arbeitenden hat die Art der Berichterstattung (Kampf um Aufmerksamkeit) in wesentlichen Punkten verändert: Es geht vor allem um Quoten und Auflagenhöhe. Diese qualitativen wie quantitativen Veränderungen der Erreichung gesellschaftlicher Öffentlichkeit mit Hilfe der Medien, die ich hier mit dem Begriff Mediatisierung bezeichnen möchte, sind von den Sozialwissenschaften bislang weder hinreichend erfasst noch hinreichend auf ihre Folgen hin untersucht worden.

Der Begriff Mediatisierung, der meist synonym mit dem Begriff Medialisierung benutzt wird, ist in der Medienwissenschaft schon mehrfach zu Recht wegen seiner Missverständlichkeit kritisiert worden. Wenn ich ihn gleichwohl bewusst weiterhin verwende, dann deshalb, weil damit ein neues Phänomen angesprochen werden soll, das über die Medialisierung hinausgeht. Medialisierung besagt nämlich nur, dass alles Wichtige und alles, was als wichtig gelten will, in den Medien auftauchen muss. Mediatisierung meint darüber hinaus auch den Prozess der Ausrichtung und Gestaltung des Handelns von gesellschaftlichen Akteuren auf die Medien und deren Berichterstattung hin. All das ist in modernen Demokratien allgegenwärtig,[8] auch weil jede Politik an Legitimation gebunden ist. Deshalb müssen alle gesellschaftlichen Akteure sich darum bemühen, den Glauben an die Legitimität der eigenen Perspektive und Position zu erzeugen.[9] Dies versuchen politische Akteure zunehmend dadurch zu erreichen, dass sie allen "Stakeholders" eine Visualisierung oder "Versinnbildlichung" ihrer Politik anbieten, die ihnen die Erzeugung dieser Legitimität ermöglicht bzw. nahe legt. Politik und Politiker - obwohl schon immer auf Inszenierung angewiesen und deshalb darin ausgewiesen - müssen in erheblich gesteigertem Maße inszeniert werden, wobei sich alle beteiligten Akteure immer mehr darauf ausrichten, Ereignisse zu dramatisieren oder allgemeiner: zu theatralisieren.[10]

Mediatisierung meint darüber hinaus, dass Politik in den Medien stattfindet. Die Medien berichten nämlich nicht nur über die für sie inszenierte Politik und darüber, was in der Politik entschieden wird, sondern sie ermöglichen und unterstützen bzw. erschweren oder unterlaufen die politische Entscheidung - nicht nur und nicht allein durch einen politischen Kommentar, Sondersendungen, Talkshows und Politikmagazine. Sie stellen vielmehr die Arena, in der Politik - zumindest ein Teil davon - betrieben wird. Die Medien sind wie selbstverständlich in politische Steuerungsprozesse (Governance) eingebunden, und sie stellen nicht nur die Rennbahn zur Verfügung, sondern sie sind selbst Akteure in dieser Konkurrenz um die "Angemessenheit" von Politik. Vor allem deshalb wird hier bewusst der Begriff der Mediatisierung verwendet. In den Medien spielt sich also ein öffentlicher Kampf um die (Be-)Deutung und Durchsetzung von Politik ab, der über die rein symbolische Politik hinausgeht und der eine qualitativ neue Form besitzt, die Hans-Georg Soeffner und Dirk Tänzler figurative Politik genannt haben.[11]

Mit "figurativer Politik" ist ausdrücklich nicht "symbolische Politik" gemeint.[12] Der letztere Begriff geht auf eine Debatte in den Rechtswissenschaften zurück, denn seit Joseph R. Gusfield[13] und Paul Noll[14] nennt man scheinbar folgenlose Gesetzestexte auch "symbolische Gesetze". Diese sind Teil eines symbolischen Rechts, welches seinerseits Ausdruck einer symbolischen Politik ist. Eine beliebte Metapher für symbolische Politik: "Es wird politisch viel Wind gemacht und erreicht wird nichts."

Der Begriff "Mediatisierung" meint hier sehr viel mehr und anderes als symbolische Politik: Die Berichterstattung in und durch die Medien ist für alle gesellschaftlichen Akteure enorm wichtig, nicht nur, weil alle, die wahrgenommen und berücksichtigt werden wollen, in den Medien vorkommen müssen, sondern weil die Medien Teil der praktischen Politik geworden sind. Deshalb drängt alles und jeder in die Medien - nicht weil sie gesehen werden wollen, sondern weil sie beteiligt sein wollen. Medien sind deshalb wirksam, und die Darstellungspolitik, so sehr sie auch mit Symbolen arbeitet, ist keine symbolische Politik, sondern praktische Politik mit Symbolen.

Fußnoten

1.
Vgl. Ulrich Beck/Edgar Grande, Das kosmopolitische Europa, Frankfurt/M. 2004; Anthony Giddens, Der Dritte Weg, Frankfurt/M. 1999; Richard Sennett, Der flexible Mensch, Berlin 2000.
2.
Vgl. Hubert Knoblauch, Kommunikationskultur, Konstanz 1995.
3.
Vgl. Manuel Castells, Das Informationszeitalter, Bd. 2, Opladen 2002.
4.
Vgl. Richard Münch, Dialektik der Kommunikationsgesellschaft, Frankfurt/M. 1991.
5.
Vgl. Christiane Eilders/Friedhelm Neidhardt/Barbara Pfetsch, Die Stimme der Medien, Wiesbaden 2004; Jo Reichertz, Die frohe Botschaft des Fernsehens, Konstanz 2000.
6.
Vgl. Jürgen Wilke, Massenmedien und Zeitgeschichte, Konstanz 1999.
7.
Vgl. R. Münch (Anm. 4), S. 17.
8.
Vgl. Hans Mathias Kepplinger, Die Demontage der Politik in der Informationsgesellschaft, Freiburg 1998.
9.
Vgl. Otfried Jarren/Patrick Dongers, Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine Einführung, 2 Bde., Wiesbaden 2002.
10.
Vgl. auch Thomas Meyer, Inszenierte Politik und politische Rationalität, in: Karl-Rudolf Korte/Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland Trend Buch, Opladen 2001, S. 547 - 571.
11.
Hans-Georg Soeffner/Dirk Tänzler, Figurative Politik. Prolegomena zu einer Kultursoziologie politischen Handelns, in: dies. (Hrsg.), Figurative Politik. Zur Performanz der Macht in der modernen Gesellschaft, Opladen 2002, S. 17 - 34.
12.
Vgl. Ulrich Sarcinelli, (Hrsg.), Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft, Bonn 1998.
13.
Vgl. Joseph R. Gusfield, Symbolic crusade: Status politics and the American temperance movement, Urbana 1998.
14.
Vgl. Paul Noll, Symbolische Gesetzgebung, in: Zeitschrift für Schweizerisches Recht, (1981) 1, S. 347 - 364.