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8.2.2007 | Von:
Christian Schmitt

Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf

Familiengründung im Lebenslauf

Der Entscheidung für oder gegen eine Familiengründung geht in den allermeisten Fällen ein komplexes Abwägen der unterschiedlichsten Lebensbedingungen, der situativen Gegebenheiten und der langfristigen Lebensplanungen voraus. Besonders deutlich zeigt sich die Komplexität des Entscheidungsprozesses im Spannungsverhältnis zwischen Familiengründung und Erwerbsbeteiligung. Tatsächlich setzen eine Vielzahl empirischer Untersuchungen an genau diesem Punkt an, da Familiengründung und berufliche Integration im Lebenslauf in ein sehr enges Zeitfenster fallen. Ein früher Übergang zur Elternschaft, noch in der Ausbildungsphase, stellt eher die Ausnahme denn die Regel dar.[3] Ist die Ausbildung abgeschlossen, gilt es zunächst, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Dies ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, da die über Erwerbspartizipation vermittelteökonomische Unabhängigkeit essenzielle Vorbedingung einer Familiengründung ist. Den Fokus auf Arbeitsmarktintegration zu richten, ist daher selten Ausdruck von egoistischem Karrierestreben, sondern vielfach ein weiterer Schritt auf dem Weg zur ersten Elternschaft. Der Lebensverlauf wird damit in der Abfolge zentraler Passagen auf dem Weg zur Familiengründung primär über wohlfahrtsstaatliche Institutionen vermittelt.[4] Dies entzieht zukünftigen Müttern und Vätern zwar nicht jeglichen Gestaltungsspielraum, gibt aber doch einen engen zeitlichen Rahmen vor, innerhalb dessen die Option einer Elternschaft realisierbar wird. Zudem wirkt in Zeiten, in denen Erwerbsverläufe zunehmend als prekär wahrgenommen werden, auch der implizite Zwang, eine Familiengründung über die Erwerbstätigkeit beider Partner ökonomisch abzusichern. Gleichzeitig stellen nur wenige Lebensbereiche so inkompatible und vor allem widersprüchliche Anforderungen wie Elternschaft und Erwerbstätigkeit. Ausgangspunkt zahlreicher Studien, die an diesem Spannungsverhältnis zwischen Familiengründung und Erwerbspartizipation ansetzten, sind dabei einige auf den ersten Blick triviale Erkenntnisse:

Eine Familiengründung wirkt sich ähnlich wie die Teilnahme am Erwerbsleben deutlich auf das alltägliche Zeitbudget aus. Beide Bereiche strukturieren zudem maßgeblich die Lebensverläufe der Akteure und nehmen in signifikantem Umfang Lebenszeit in Anspruch. Die Realisierung des Kinderwunsches und der Job konkurrieren hier also in einem eng definierten Lebensabschnitt - die Familiengründungsphase ist meist bis zum 40., in seltenen Fällen bis zum 45. Lebensjahr abgeschlossen[5] - um die knappen Ressourcen Alltagszeit und Lebenszeit.

Fußnoten

3.
Vgl. Hans-Peter Blossfeld, Changes in the process of family formation and women's growing economic independence: A comparison of nine countries, in: ders. (Hrsg.), The new role of women. Family formation inmodern societies, Boulder-San Francisco-Oxford 1995, S. 3 - 34.
4.
Vgl. hierzu näher Karl Ulrich Mayer/Walter Müller, Lebensverläufe im Wohlfahrtsstaat, in: Ansgar Weymann (Hrsg.), Handlungsspielräume. Untersuchungen zur Individualisierung und Institutionalsierung von Lebensläufen in der Moderne, Stuttgart 1989, S. 41 - 60.
5.
Der Übergang zur ersten Geburt jenseits dieses Alters ist nicht zuletzt durch die fertile Phase begrenzt. Dies gilt - entgegen gängiger Vorstellungen - für Frauen und für Männer: Zum einen wird die Möglichkeit der Familiengründung für die Männer über die Fertilität der Partnerin begrenzt. Männer sind bspw. bei Eheschließungen im Mittel zwei bis drei Jahre älter. Zum anderen nimmt aber auch die Fertilität der Männer mit steigendem Alter deutlich ab. Vgl. hierzu Christian Schmitt, Kinderlosigkeit bei Männern - Geschlechtsspezifische Determinanten ausbleibender Elternschaft, in: Angelika Tölke/Karsten Hank (Hrsg.), Männer - Das vernachlässigte Geschlecht in der Familienforschung, Sonderheft 4 der Zeitschrift für Familienforschung, Wiesbaden 2005, S. 98 - 126.