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8.2.2007 | Von:
Christian Schmitt

Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf

Bildung und Erwerbsbeteiligung im Lebenslauf

Bis weit in die 1960er Jahre wurde dieser Ressourcenkonflikt durch eine traditionelle Rollenteilung in Zaum gehalten. Berufs- und Familienkarriere waren weitgehend zwischen den Geschlechtern aufgeteilt. Diese vermeintliche Balance war jedoch nicht von Dauer, was sich auch im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er Jahre zeigte. Ein Ziel dieser Reform bestand darin, auch den Frauen in zunehmendem Maße Bildungschancen zu eröffnen. Durch die Öffnung des Bildungssystems wurde zugleich der Zugang zu höherer Bildung erweitert und damit die mittlere Verweildauer im Bildungssystem verlängert.

Für die Akteure war und ist es rational, die im Zuge der Ausbildung erworbenen Bildungspositionen auch in berufliche Statuspositionen zu transformieren. Da dieser Prozess der beruflichen Etablierung vor allem in höheren Bildungsgruppen sehr zeitintensiv ist, sind die Eltern bei Geburt des ersten Kindes heute älter als in der Vergangenheit, das heißtdas mittlere Alter bei Familiengründung steigt mit dem Bildungsniveau. Die in Deutschland vergleichsweise lange Ausbildungsdauer schlägt sich schließlich auch in den Familiengründungsmustern nieder: Während sich die Übergänge zur ersten Geburt etwa in Frankreich oder Finnland relativ breit über die gesamte fertile Phase verteilen, kommt es in Deutschland besonders häufig um das 30. Lebensjahr zu Familiengründungen.[6] Dies ist auch einem Aufholeffekt in Folge der - im europäischen Vergleich - langen Ausbildungszeiten geschuldet. Ein extensiver beruflicher Integrationsprozess verkleinert nochmals das Zeitfenster, innerhalb dessen eine Familiengründung möglich ist, so dass für Akademikerinnen und Akademiker Familiengründungen jenseits des 35. Lebensjahres keine Seltenheit sind.

Die Möglichkeiten der Realisierung eines Kinderwunsches werden nicht ausschließlich über Bildungs- und Erwerbsbeteiligung determiniert. Für viele Männer und Frauen reduziert sich dadurch allerdings der zeitliche Spielraum für eine Familiengründung auf wenige Jahre. Gelingt es in diesem Zeitraum nicht, eine stabile und verlässliche Partnerschaft aufzubauen - ein abermals zeitintensiver Prozess -, wird es schwierig, einen Kinderwunsch zu realisieren. Dies gilt umso mehr, als sich in der Kohortenabfolge Partnerschaftsverläufe zunehmend fragmentiert darstellen.[7] Eine Familiengründung, die in ein für eine erste Geburt hohes Alter aufgeschoben wird, ist also dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren geschuldet. Der vielfach lange Aufschub der Familiengründung in Deutschland führt damit nicht nur zu einem hohen Anteil an Kinderlosigkeit: Selbst wenn eine späte Familiengründung realisiert werden kann, verringert sich durch die Begrenztheit der fertilen Phase die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Kinder geboren werden. Dieses Phänomen trägt damit auch zum Rückgang der durchschnittlichen Familiengröße bei und entfaltet - ebenso wie der hohe Anteil der Kinderlosigkeit in Deutschland - eine negative Wirkung auf das Fertilitätsniveau.

Fußnoten

6.
Eigene Auswertung (Kaplan-Meier Verfahren) auf Basis des European Community Household Panel (ECHP) 1994 bis 2001.
7.
Vgl. Thomas Klein, Die Geburt von Kindern in paarbezogener Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie, 32 (2003), S. 506 - 527.