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8.2.2007 | Von:
Christian Schmitt

Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf

Antworten auf die Doppelbelastung zwischen Familie und Beruf

In der häuslichen Arbeitsteilung, wie auch in den Vorstellungen der Partner, ist in den letzten Dekaden eine Tendenz hin zu einer eher egalitären Rollenteilung zu erkennen. Bestimmte Aufgabenbereiche bleiben davon aber weitgehend unbeeinflusst und sind nach wie vor deutlich zwischen den Geschlechtern aufgeteilt.[8] Zu den deutlichsten Erscheinungsformen dieser Aufgabenteilung gehört, dass Männer sich wie in der Vergangenheit seltener an Erziehungsaufgaben beteiligen.[9] Vor allem eine Familiengründung forciert damit den Rekurs auf traditionelle Rollenmuster. In der Folge bedeutet dies, dass die Belastungen einer Familiengründung - insbesondere der Koordinationsaufwand zwischen beruflicher und familialer Rolle - für Frauen deutlich ausgeprägter sind als für Männer. Das klassische Muster, diesen Rollenkonflikt zu bewältigen, findet sich in einer sequenziellen Kombination von Lebensabschnitten.[10] Eine Familiengründung wird demnach erst nach Ausbildungsende und erster Integration in den Arbeitsmarkt präferiert.

Eine alternative Strategie besteht in der Einpassung einer Familiengründung in Erwerbsphasen mit unsicheren oder schlechten beruflichen Perspektiven. Ausgangspunktdafür ist die Annahme hoher Opportunitätskosten für Frauen.[11] Darunter werden in diesem Zusammenhang unter anderem der Ausfall des Erwerbseinkommens, der durch den Fokus auf die Familienrolle entsteht, aber auch eine Entwertung der Bildungsinvestitionen in Folge längerer Arbeitsmarktabsenz verstanden. Empirische Studien legen die Vermutung nahe, dass individuelle Betroffenheit von Arbeitslosigkeit oder prekäre Erwerbspositionen von Frauen die Wahrscheinlichkeit einer Familiengründung erhöhen.[12] Der Übergang zur Elternschaft wird also gezielt in Abschnitte des Lebenslaufs platziert, in denen der Konflikt zwischen Erwerbs- und Familienrolle durch den Verlust beruflicher Optionen zwangsläufig entschärft wird, das heißt in Zeiten, in denen die Opportunitätskosten einer Elternschaft niedrig sind. Für Frauen mit höherem Bildungsniveau ist dieser Zusammenhang übrigens begrenzt.[13] Hier scheint die Entwertung der Bildungsinvestitionen bei langer Arbeitsmarktabsenz schwerer zu wiegen als die niedrigen Opportunitätskosten in Folge von Arbeitslosigkeit oder schwacher Erwerbsposition. Diese erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Familiengründung im Zusammenspiel mit einer prekären Positionierung am Arbeitsmarkt ist bei Männern generell nicht gegeben. Eine schlechte Arbeitsmarktposition des Mannes unterminiert dagegen eher die ökonomische Basis einer Familiengründung.[14] Positive Effekte eines vergrößerten Zeitbudgets fallen dabei offenbar nicht ins Gewicht. Statt der Vereinbarkeitsproblematik ist für die Männer vornehmlich das Ernährermodell maßgeblich.

Fußnoten

8.
Vgl. Mary Noonan unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen "masculine-" und "feminine chores". Vgl. Mary C. Noonan, The impact of domestic work on men's and women's wages, in: Journal of Marriage and the Family, 63 (2001), S. 1134 - 1145.
9.
Vgl. bspw. H. P. Blossfeld (Anm. 3); M. C. Noonan (Anm. 8) für die USA sowie Janet Zollinger-Giele/Elke Holst, New life patterns and the changing gender contract, in: dies. (Hrsg.), Changing life patterns in western industrial societies, New York 2004, S. 1 - 27.
10.
Vgl. Jann-Michael Dornseiff/Reinhold Sackmann, Familien-, Erwerbs- und Fertilitätsdynamiken in Ost- und Westdeutschland, in: Walter Bien/Jan H. Marbach (Hrsg.), Partnerschaft und Familiengründung. Ergebnisse der dritten Welle des Familien-Survey, Opladen 2003, S. 309 - 348.
11.
Nicht so für Männer, da der Fokus auf die Erwerbsrolle kaum in Frage gestellt wird.
12.
Karin Kurz/Nikolei Steinhage/Katrin Golsch, Case Study Germany: Uncertainty and the Transition to Adulthood, in: Hans-Peter Blossfeld/Erik Klijzing/Melinda Mills/Karin Kurz (Hrsg.), Globalization and Youth in Society, London 2005, S.51-81.
13.
Vgl. Michaela Kreyenfeld, Changes in the timing of first birth in East Germany after re-unification, in: Schmollers Jahrbuch, 120 (2000), S. 169 - 186.
14.
Vgl. Angelika Tölke/Martin Diewald, Berufsbiographische Unsicherheiten und der Übergang zur Elternschaft bei Männern, in: W. Bien/J. H. Marbach (Anm.10), S. 349 - 384.