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8.2.2007 | Von:
Christian Schmitt

Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf

Die Rolle der Familienpolitik

Im europäischen Vergleich stellt sich die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie besonders prägnant in solchen Ländern dar, die geringe Unterstützungsleistungen und/oder traditionelle Geschlechterrollen propagieren. Länder, die Rollenkonflikte zwischen weiblicher Erwerbsposition und Familie durch staatliche Unterstützung und Anreizsystem abzuschwächen vermögen, sind Frankreich und die skandinavischen Sozialstaaten. Besonders deutlich treten Rollenkonflikte dagegen in Südeuropa, aber auch in Deutschland und Großbritannien zu Tage. Die sozialpolitischen Anstrengungen in diesen Ländern sind offenbar nicht dazu geeignet, Frauen in der Vereinbarkeitsproblematik zwischen Beruf und Familie hinreichend zu entlasten.

In Großbritannien erklärt sich dies aus der sehr begrenzten Unterstützung von Familien seitens des Sozialstaates. Demgegenüber werden in Deutschland in nicht unerheblichem Rahmen Transfers und Aufwendungen für Familien geleistet. Sie orientieren sich aber an einem traditionellen Familienleitbild und Geschlechterrollenmustern. Da Erwerbstätigkeit aber mittlerweile auch in weiblichen Lebensverläufen zur Normalität geworden ist, trägt die bisherige Ausgestaltung der deutschen Famlienpolitik eher zur Verschärfung des Konflikts zwischen Familien und Erwerbsrolle bei. Dies zeigt sich zunächst am unzureichenden Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen. Die Verfügbarkeit öffentlicher Betreuungsmöglichkeiten ist aber für eine Kombination von Beruf und Familie von großer Bedeutung - sofern familiale Netzwerke zur Übernahme von Betreuungsaufgaben nicht vorhanden sind. Auch wenn diese zur Verfügung stehen, werden sie durch steigende Mobilitätserfordernisse des Arbeitsmarktes erodiert, die nicht zuletzt - wie im Zuge der Arbeitsmarktreformen - von sozialstaatlicher Seite gefordert werden.

Des Weiteren impliziert eine Geburt auch einen zeitweisen Ausstieg der Frau aus dem Arbeitsmarkt. Während es in den skandinavischen Ländern und Frankreich zentrale Prämisse ist, die Mütter bei einer raschen Rückkehr zu unterstützen, werden in Deutschland längerfristig Transfers geleistet (24 Monate Erziehungsgeld). In zeitlicher Hinsicht werden darüber hinaus großzügige Möglichkeiten der Rückkehr auf den vorherigen Arbeitsplatz (36 Monate) gewährt. Diese auf den ersten Blick elternfreundliche Regelung forciert jedoch einen langfristigen Ausstieg der Frauen aus dem Arbeitsmarkt und erschwert eine Reintegration. Durch die lange Erwerbsabsenz wird abermals die Schwerpunktsetzung auf ein Ernährermodell gelenkt. Entsprechend der genannten Ausgestaltung der Familien- und Sozialpolitik ist es nicht verwunderlich, dass Elternzeiten, die grundsätzlich beiden Partnern offen stehen, fast ausschließlich von Frauen in Anspruch genommen werden. Unterstützt wird dieses traditionelle Rollenmuster auch durch steuerliche Regelungen (Stichwort Ehegattensplitting), die abermals den Fokus auf ein Ernährereinkommen lenken. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund immer noch geringerer erzielbarer Einkommen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Kritisch zu betrachten ist solch eine Entkopplung der Mütter vom Arbeitsmarkt auch deshalb, weil damit ihre ökonomische Eigenständigkeit geschwächt wird. Dies ist gerade in Anbetracht einer in der Kohortenabfolge zunehmenden Instabilität von Partnerschaften problematisch.

Die deutsche Familienpolitik forciert also eine Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen. Diesem Bild entspricht auch die Tatsache, dass ein Pendant zum in Frankreich oder in skandinavischen Ländern üblichen Vaterschaftsurlaub[15] - ein Modell, das die Männer schon frühzeitig an ihre Vaterrolle heranführen und damit langfristig auch einen Beitrag zum Wandel von Rollenmustern leisten könnte - in Deutschland nicht existiert. Stattdessen dominiert in der Bundesrepublik nach wie vor das Prinzip einer geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung gemäß dem Homemaker- breadwinner- Modell.

Fußnoten

15.
Eine knapp zweiwöchige berufliche Auszeit, unmittelbar um den Zeitpunkt der Geburt, analog zum Mutterschutz. Die Möglichkeit dieser kurzfristigen Erwerbsunterbrechung hat u.a. das Ziel, die Männer besser mit der Vaterrolle vertraut zu machen.