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8.2.2007 | Von:
Christian Schmitt

Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf

Geschlechterrollen und normative Anforderungen an Elternschaft

Zur öffentlichen Meinung über Geschlechterrollen hat dieses in der Sozialpolitik maßgebliche Familienleitbild nun eine reziproke Beziehung: Einerseits reflektiert dieses Muster sozialstaatlicher Unterstützung von Familien gängige Vorstellungen über Geschlechterrollen. Andererseits werden durch die Ausgestaltung der Familienpolitik traditionelle Vorstellungen über Geschlechterrollen reproduziert. Wie stark dieses Bild einer geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung in Deutschland verankert ist, hat die Debatte um die Vätermonate des neu einzuführenden Elterngeldes verdeutlicht: Kritik wurde vornehmlich unter dem Stichwort einer "Bevormundung" von Familien geübt, und dies, obwohl die Einführung der Vätermonate lediglich über Anreize einer erweiterten Bezugsdauer, nicht aber über Sanktionen geplant war. Gerade das Instrument der Vätermonate erscheint aber als vielversprechend, wenn es darum geht, auch die Väter stärker in Erziehungsaufgaben einzubinden und die Mütter im Konflikt zwischen Arbeitsmarkt und Familie stärker zu entlasten. In skandinavischen Ländern ist diese Regelung bereits seit vielen Jahren fester Bestandteil einer auf Geschlechtergleichstellung ausgerichteten Familienpolitik.

Dass eine geschlechtsspezifische Aufgabenteilung zwischen Familie und Beruf kein Universalismus ist - weder für ein Familienleitbild noch in der öffentlichen Meinung -, zeigt ein Blick nach Frankreich: Mutter-Kind-Beziehungen sind dort längst nicht so stark normativ besetzt wie in Deutschland. Aus sozial- historischen Hintergründen wird Familie in Frankreich weniger als exklusiver Bereich des Privaten betrachtet. Öffentliche Kinderbetreuung gehört entsprechend viel mehr zur gesellschaftlichen Normalität als in Deutschland. Dies gilt nicht nur für das zur Verfügung stehende Angebot, sondern auch für die Akzeptanz nicht-familialer Kinderbetreuung. Familienpolitik in Frankreich tritt damit primär als Förderung von Kind und Kindeswohl in Erscheinung; Erwerbstätigkeit von Frauen wird als Selbstverständlichkeit betrachtet und die Unterstützung der Lebensphase Mutterschaft entsprechend ausgestaltet.[16] Dies schließt auch eine Aktivierung der Väter etwa durch bezahlte Freistellungen um den unmittelbaren Zeitraum der Geburt ein.

Auch in der DDR waren Mutterschaft und Erwerbstätigkeit deutlich stärker entkoppelt als in der Bundesrepublik. Betreuung - auch von Kleinkindern - war gesellschaftlich akzeptiert. Eine Familiengründung bedeutete im Wesentlichen Erwerbsunterbrechung - nicht die Aufgabe der Teilnahme am Erwerbsleben. Der massive Geburtenrückgang in Ostdeutschland nach der Wende dürfte einerseits in der ökonomischen Verunsicherung durch Umstellung des Wirtschaftssystems begründet gewesen sein. Er war möglicherweise aber - andererseits - auch die Konsequenz einer Konfrontation mit einem Rollen- und Familienleitbild, das mit dem der DDR nur beschränkt kompatibel war.

Fußnoten

16.
Vgl. Mechtild Veil, Geschlechterbeziehungen im deutsch-französischen Vergleich - ein Blick auf Familien und Arbeitsmarktpolitik, in: Gilbert Achcar/Dagmar Simon/Mechthild Veil (Hrsg.), Arbeitsmarkt, Wohlfahrtsstaat, Familienpolitik und die Geschlechterfrage - deutsch-französische Konvergenzen und Divergenzen, Berlin 2005.