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8.2.2007 | Von:
Manfred Spieker

Mehr Kinder oder mehr Erwerbstätige?

Die Tabus: Ehescheidung und Abtreibung

Der Wandel der weiblichen Biographie im vergangenen halben Jahrhundert hin zur Gleichberechtigung in Ausbildung und Studium wird in der Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie meist nur im Hinblick auf den Preis für die Geburtenrate betrachtet. Der Preis besteht in der Verengung des biologischen Zeitfensters der Frau, das für Empfängnis und Geburt von Kindern optimal ist. Dieses Optimum liegt im Alter von 26 bis 31. Das Risiko, dass der Kinderwunsch erst Gestalt annimmt, wenn sich das biologische Fenster schließt, ist groß. Schneller, als bei den ersten Karriereschritten erwartet, ist es zu spät für die Geburt eines Kindes oder weiterer Kinder nach einer ersten Geburt.

Weithin tabu scheint die Frage zu sein, obder Wandel weiblicher Biographien, der Trend zur eigenen beruflichen Absicherung auch mit dem Stabilitätsverlust der Partnerbeziehung zusammenhängt. Wenn vier von zehn Ehen im Laufe der Zeit geschieden werden, wenn nur 52 Prozent aller Verheirateten bzw. mit einem Partner Zusammenlebenden überzeugt sind, dass die eigene Partnerschaft ein ganzes Leben hält,[6] dann ist die Ausbildung der Frau nicht nur ein Grundrecht und eine wichtige Voraussetzung der Selbstverwirklichung, sondern auch eine Art Versicherungspolice gegen Armut nach dem Zerbrechen der Partnerschaft.

Tabuisiert wird auch die Frage, ob die katastrophale demographische Entwicklung etwas mit der Reform des Abtreibungsstrafrechts zu tun hat. Seit der Einführung der Fristenregelung sind Abtreibungen faktisch freigegeben. Daran haben auch die Verwerfung der Fristenregelung durch das Bundesverfassungsgericht am 25. Februar 1975 und die am 12. Februar 1976 eingeführte Indikationenregelung nichts mehr geändert. Mit den Reformen des § 218 StGB von 1992 und 1995 ist die Fristenregelung, kaum kaschiert durch das Beratungsangebot, dann erneut Gesetz geworden.[7] In den 32 Jahren seit der ersten Reform des § 218 1974 sind allein nach den unrealistischen Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland (West und Ost) rund 4,4 Millionen ungeborene Kinder getötet worden. Dass die offiziellen Zahlen unrealistisch sind, hat das Statistische Bundesamt bis zum Jahr 2000 jedes Jahr selbst erklärt.[8] Nach plausiblen Schätzungen müssen die Zahlen verdoppelt werden. Das ergibt rund 8,8 Millionen Abtreibungen von 1974 bis 2005.

Fußnoten

6.
Vgl. ebd., S. 79.
7.
Vgl. Manfred Spieker, Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konflikts, Paderborn 2000, S. 28ff.
8.
Die Warnung vor den eigenen Zahlen unterblieb von 2001 bis 2004, obwohl sich weder die Rechtsgrundlagen der Abtreibungsstatistik noch die Meldeverfahren geändert haben. Vermutlich war es der rot-grünen Bundesregierung inopportun, den eigenen Zahlen mit derartigem Misstrauen zu begegnen. Seit 2005 wird wieder vorsichtig gewarnt. Fehler, "die durch eine falsche oder unvollständige Erfassungsgrundlage bedingt sind", könnten "nicht völlig ausgeschlossen werden".