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8.2.2007 | Von:
Manfred Spieker

Mehr Kinder oder mehr Erwerbstätige?

Mehr Kinder oder mehr Erwerbstätige?

Die gegenwärtige Familienpolitik begründet alle Forderungen nach einem Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, nach kostenlosen Kindertagesstätten und Kindergärten sowie nach der steuerlichen Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten mit dem Geburtenrückgang und der notwendigen Erhöhung der Geburtenrate. In der politischen Debatte nur selten, umso unverhohlener aber in den einschlägigen Studien der Bertelsmann Stiftung, des Instituts der Deutschen Wirtschaft, des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung oder der Evangelischen Akademie Loccum wird die Forderung nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit einem anderen Ziel begründet: mit der Mobilisierung des weiblichen Arbeitskräftepotenzials. Da sich das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland bis 2050 um ein Drittel verringere, müssten Frauen, so die Studie der Bertelsmann Stiftung, in erheblich größerem Umfang als bisher erwerbstätig werden. Dies sei "volkswirtschaftlich notwendig, um künftige Fachkräfteengpässe und die Folgen der demographischen Verschiebungen zu begrenzen".[9]

Die gegenwärtige Familienpolitik, die mit Kindergeld, Elterngeld, Steuerrecht und Ansprüchen auf Teilzeiterwerbstätigkeit das vollständige oder teilweise Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zwecks Kinderbetreuung erleichtert, führe nicht nur zu einer "Vergeudung von Humankapital, ineffizienter Allokation bei der Produktion haushaltsnaher Dienstleistungen und Risiken für die sozialen Sicherungssysteme",[10] sondern auch dazu, dass "sich tradiertes geschlechtsspezifisches Rollenverhalten verfestigt".[11] Die gegenwärtige Familienpolitik gilt deshalb aus dieser Perspektive als kontraproduktiv,[12] ja sogar als "Falle".[13]

Die Familienpolitik gerät in dieser Perspektive, in der sich arbeitsmarktpolitische und feministische Motive mischen, zur Magd der Arbeitsmarktpolitik. Die Frage, was dem Wohl des Kindes besser dient, die Erziehung in der Familie oder die Betreuung in öffentlichen Einrichtungen, wird nicht gestellt, geschweige denn seriös erörtert. Ob Betreuung dasselbe ist wie Erziehung, auch diese Frage wird nicht gestellt. Manche der Studien zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie restaurieren ungeniert die Krippenideologie der DDR, wenn beispielsweise in den Loccumer Protokollen behauptet wird, "die familienpolitische Unterstützung häuslicher Kinderbetreuung zu Lasten der Berufstätigkeit von Müttern konterkariert ... die Förderung von Chancengleichheit"[14], oder wenn in der Studie der Bertelsmann Stiftung unterstellt wird, in den staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen gelinge es "eher als in privaten Betreuungsformen, pädagogische Standards zu verwirklichen" und "den Kindern Sozialisationserfahrungen (zu) vermitteln, die sie als Einzelkinder oft nicht machen können".[15]

Die Studien kritisieren allesamt die bisherigen Instrumente der Familienpolitik als "ausgeprägt transferlastig".[16] Erziehungs- bzw. Elterngeld, Ehegattensplitting und Kinderfreibeträge im Steuerrecht, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehefrauen und Kindern in der Gesetzlichen Krankenversicherung, der Rechtsanspruch auf einen Teilzeitarbeitsplatz und sogar das Kindergeld hemmten die Erwerbstätigkeit der Frauen und vergrößerten den zukünftigen Fachkräftemangel. Deshalb wird für die Aufhebung des Ehegattensplittings, die Umlenkung der Transferzahlungen in den Ausbau der staatlichen Kinderbetreuungsinfrastruktur und die Einschränkung von Elternzeit, Mutterschutz undTeilzeitanspruch geworben.[17] Das Kindergeld könne "zur Verbesserung der Betreuungssituation wirkungsvoller eingesetzt werden".[18] Mit der Ausweitung von Kindertagesstätten, Ganztagskindergärten und Horten würde nicht nur die Erwerbstätigkeit von Müttern gefördert, es würden auch neue Arbeitsplätze für Frauen geschaffen, da in diesen Einrichtungen in der Regel weibliches Betreuungspersonal tätig ist.[19] Das Kind kommt in diesen Studien, die nicht nur einzelne Stellschrauben der Familienpolitik, sondern deren Strukturen verändern wollen, nur als Störenfried vor. Es geht, so die Loccumer Protokolle 25, um "eine für andere Lebensbereiche störungsarme Kinderbetreuung".[20]

Die Frage nach dem Wohl des Kindes wird nicht gestellt. Der Wert der Familie gilt zwar einstweilen noch als unverzichtbar - aber nur für die Reproduktion der Gesellschaft. Ihre Bedeutung für die Sicherung des Humanvermögens bleibt tabu. Wenn in der Vereinbarkeitsdebatte von Humanvermögen oder häufiger noch von Humankapital die Rede ist, dann meist von dem der Mutter, das dem Arbeitsmarkt nicht vorenthalten werden dürfe. Das Humanvermögen der zukünftigen Generation bleibt meist außerhalb des Blickfeldes. Völlig ausgeblendet bleiben die biologischen, psychologischen und gehirnphysiologischen Bedingungen seiner Entstehung.

Das Humanvermögen ist die Gesamtheit der Daseins- und Sozialkompetenzen des Menschen, die dem Erwerb von beruflichen Fachkompetenzen voraus liegen.[21] Sie werden in der frühen Kindheit in der Familie erworben. Hier werden die Weichen gestellt für die moralischen und emotionalen Orientierungen des Heranwachsenden, für seine Lern- und Leistungsbereitschaft, seine Kommunikations- und Bindungsfähigkeit, seine Zuverlässigkeit und Arbeitsmotivation, seine Konflikt- und Kompromissfähigkeit und seine Bereitschaft zur Gründung einer eigenen Familie, zur Weitergabe des Lebens und zur Übernahme von Verantwortung für andere. Hier wird über den Erfolg im schulischen und beruflichen Erziehungs- und Ausbildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in der Bewältigung des Lebens mitentschieden.

Die entscheidende Phase für die Entstehung dieses Humanvermögens ist die frühe Kindheit. Die Verhaltensbiologie und die Entwicklungspsychologie haben die Bedeutung dieser Phase, die nicht zwingend, aber doch in der Regel an die biologische Familie gebunden ist, die im Ausnahmefall auch von einer Adoptionsfamilie, nie aber von Betreuungseinrichtungen mit Gruppenbetreuung und wechselndem Betreuungspersonal gemeistert werden kann, immer wieder unterstrichen - sowohl positiv im Hinblick auf die Reifung der Persönlichkeit als auch negativ im Hinblick auf das Scheitern einer solchen Reifung als Folge frühkindlicher Betreuungs- und Bindungsmängel. Was die Verhaltensbiologie, die Psychologie und auch die Kinderheilkunde schon vor mehr als einer Generation wussten und auch verkündeten,[22] hat die Hirnforschung in den vergangenen Jahren bestätigt: "Frühe emotionale Erfahrungen werden im Hirn verankert, sichere emotionale Bindungsbeziehungen sind die Voraussetzungen für eine optimale Hirnentwicklung. Störungen stellen für Kinder Belastungen dar, die sie umso weniger bewältigen können, je früher sie auftreten. Sie führen zu einer massiven und lang anhaltenden Aktivierung stressintensiver Regelkreise im kindlichen Gehirn" (Gerald Hüther). Und auch der Hirnforscher zieht daraus den Schluss, die elterliche Erziehungskompetenz zu stärken.[23]Wer diese Erkenntnisse nicht völlig ignoriert, kann nur zu dem Ergebnis kommen, dass Kindertagesstätten allenfalls der Notaufnahme von Kindern in Not geratener Mütter, nicht aber der Zwischenlagerung von Störenfrieden berufstätiger Eltern dienen können. Wenn die Bedürfnisse des Kindes und seine Entfaltungsbedingungen nicht völlig verdrängt werden, dann darf Familienpolitik nicht zu einem Instrument der Arbeitsmarktpolitik verkümmern. Dies aber ist gegenwärtig der Fall - unter Ursula von der Leyen nicht weniger als unter Renate Schmidt.

Fußnoten

9.
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), verantwortlich: Werner Eichhorst/Eric Thode, Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Benchmarking Deutschland aktuell, Gütersloh 2002, S. 9; Beruf und Familie, IW-Dossier 25, Köln 2004, S. 9.
10.
Joachim Lange, Sozial- und Steuerpolitik: Hindernisse für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - Ansätze ihrer Überwindung, in: ders., (Hrsg.), Kinder und Karriere. Sozial- und steuerpolitische Wege zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Rehburg-Loccum 2003, S. 9. Vgl. auch Katharina Spieß, Vereinbarkeit von Familie und Beruf - Fakten, Mängel und Reformen, in: Sozialer Fortschritt, (2003) 1, S. 20.
11.
Gerhard Engelbrech, Paradoxien der Familienförderung, in: Joachim Lange (Hrsg.), Kinder und Karriere, Rehburg-Loccum 2003, S. 112.
12.
Vgl. ebd., S. 103.
13.
Ursula Rust, Schutz oder Falle? Elternzeit, Mutterschutz, Teilzeit, in: J. Lange (Hrsg.) (Anm. 11), S. 185; Arij Lans Bovenberg, Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Lösungen für die gesamte Lebenszeit, in: ifo-Schnelldienst, 57 (2001) 21, S. 27.
14.
G. Engelbrech (Anm. 11), S. 109.
15.
Bertelsmann Stiftung (Anm. 9), S. 51.
16.
Bertelsmann Stiftung (Anm. 9), S. 40. Vgl. auch das familienpolitische Papier der Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen "Kinder in den Mittelpunkt. Leben und Arbeiten mit Kindern" vom 14.2. 2006, S. 3.
17.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Anm. 9), S. 6f.; Franziska Vollmer, Familienbesteuerung und Berufstätigkeit im Fokus: Steuerliche Belastung berufstätiger Mütter, in: J. Lange (Hrsg.) (Anm. 11), S. 147ff.; U. Rust (Anm. 13), S. 171ff.
18.
G. Engelbrech (Anm. 11), S. 105. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat sich am 21.3. 2006 dieser Ansicht angeschlossen und eine öffentliche Debatte ausgelöst mit der Bemerkung "Ich vermute mal, dass ich mit einer Kürzung des Kindergeldes von 4 bis 6 Euro eine Menge Geld zusammenkriegen könnte, um die Gebührenfreiheit von Kindergärten ... zu organisieren." Nachdem sich auch in der SPD Widerspruch regte, stellte Steinbrücks Pressesprecher die Bemerkung als Beitrag zu einer "Wertedebatte" dar. Vgl. FAZ vom 23.3. 2006.
19.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Anm. 9), S. 10.
20.
G. Engelbrech (Anm. 11), S 107.
21.
Ein weiteres, alle biologischen, materiellen, anthropologischen und moralischen Leistungen der Familie einschließendes Konzept von Humanvermögen vertritt Eberhard Schockenhoff, Die Familie als Ort sozialen und moralischen Lernens. Moraltheologische Überlegungen zu ihren anthropologischen Grundlagen, in: Nils Goldschmidt u.a. (Hrsg.), Die Zukunft der Familie und deren Gefährdungen. Festschrift für Norbert Glatzel, Münster 2002, S. 27f.
22.
Vgl. nur von den zahlreichen Publikationen der Kinderpsychotherapeutin Christa Meves, Erziehen lernen. Was Eltern und Erzieher wissen sollten, Gräfelfing 20002. Aus psychologischer Sicht auch Klaus A. Schneewind, Kleine Kinder in Deutschland: Was sie und ihre Eltern brauchen, in: Arist von Schlippe u.a. (Hrsg.), Frühkindliche Lebenswelten und Erziehungsberatung. Die Chancen des Anfangs, Münster 2001, S. 124ff. (insbesondere 131ff.), und Steve Biddulph, Wer erzieht Ihr Kind? Kinderbetreuung - eine wichtige Entscheidung, München 2005, S. 117ff. Aus medizinischer Sicht Theodor Hellbrügge, Das sollten Eltern heute wissen. Über den Umgang mit unseren Kindern, München 1975.
23.
Vgl. Gerald Hüther, Hirnforschung: Zuwendung ist der wichtigste Erzieher, in: Christa Meves, Verführt. Manipuliert. Pervertiert. Die Gesellschaft in der Falle modischer Irrlehren, Gräfelfing 2003, S. 18. Vgl. auch G. Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Göttingen 2001, S. 69ff., und Christa Meves, Geheimnis Gehirn. Warum Kollektiverziehung und andere Unnatürlichkeiten für Kleinkinder schädlich sind, Gräfelfing 2005.