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8.2.2007 | Von:
Peter Döge

Männer - auf dem Weg zu aktiver Vaterschaft?

Männer als aktive Väter

Wassili Fthenakis und Beate Minsel zufolge ist allgemein eine Verschiebung des Vaterschaftskonzepts vom "Vater als Ernährer" hin zum "Vater als Erzieher" zu beobachten. Gut 70 Prozent der Männer könnten diesem Vaterschaftsmodell zugerechnet werden.[17] Im Rahmen dieser Selbstbilder erfolgt die konkrete Ausgestaltung von Vaterschaft in einem relationalen Feld von subjektivem Vaterschaftskonzept, familialem Kontext und sozio-ökonomischen Ressourcen.[18] Dabei nimmt die Partnerin der Männer eine nicht unwesentliche Stellung ein: "Frauen, die eine traditionelle Geschlechtsrolleneinstellung vertreten, sind weniger zuversichtlich hinsichtlich der zukünftigen Vaterrolle des Mannes, als Frauen, die eine egalitäre Geschlechtsrolleneinstellung haben (...) Nach der Geburt beteiligen sich die Partner der egalitär eingestellten Mütter auch tatsächlich mehr an der Betreuung der Kinder."[19] Väter, die sich überwiegend in der Rolle des Ernährers sehen, schätzen zudem ihrer Partnerschaft qualitativ schlechter ein als Väter in der Rolle des Erziehers.[20] Der "erfolgreiche" ganzheitliche Vater kann seine Vorstellungen von Vaterschaft nicht zuletzt deswegen realisieren, weil diese mit denjenigen seiner Frau in Einklang stehen.[21]

An dieser Stelle wird noch einmal besonders deutlich, dass Handlungs- und Aktivitätsmuster innerhalb des familialen Kontextes adäquat nur aus dem jeweiligen Interaktionsmuster der Familienmitglieder erklärt werden können - die Familie ist ein System, und wie jedes System besteht sie "... aus mehreren einzelnen Teilen. Jeder dieser Teile ist wichtig und steht zu allen übrigen Teilen in einer Beziehung, wobei es darum geht, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen; jeder Teil fungiert für die übrigen Teile als Stimulus. Das System hat eine Ordnung und produziert eine Folge bzw. Wirkung, die durch Aktionen, Reaktionen und Interaktionen der einzelnen Teile untereinander bestimmt ist."[22] Bedauerlicherweise haben im Kontext der Männer- und Geschlechterforschung sowie vor allem in der Geschlechterpolitik entsprechende Ansätze aus der systemischen Familientherapie bisher kaum Resonanz gefunden.[23]

Aus einer systemischen Perspektive ist das konkrete Muster von Elternschaft Resultat von spezifischen Kommunikationsprozessen zwischen den Partnern und hängt nicht vom Handeln nur einer Person ab. Dementsprechend könnte die nach wie vor vorherrschende traditionelle Arbeitsteilung nach der Geburt eines Kindes ihren Grund auch darin haben, dass Mütter eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit des Vaters zugunsten von Elternzeit ebenfalls für nicht möglich halten. So zeigt ein Vergleich der Antworten der Väter aus der Studie von Laszlo A. Vaskovics und Harald Rost[24] mit den Antworten von Müttern aus einer Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dass von den Müttern in den westdeutschen Bundesländern 47 Prozent der Ansicht sind, eine Unterbrechung der Berufstätigkeit des Vaters sei nicht möglich, während nur 31 Prozent der Männer diese Ansicht unterstützen. Für die ostdeutschen Bundesländer liegen die entsprechenden Werte bei 49 Prozent (Mütter) und 23 Prozent (Väter).[25] Insgesamt fällt in dieser Studie auf, "... dass die vom IAB befragten Mütter durchweg häufiger Gründe nannten, die ihre Männer vom Erziehungsurlaub abhalten, als dies die Väter in der Bamberger Studie getan hatten".[26]

Neben dem familialen gehört vor allem der betriebliche Kontext zu den wichtigen Bestimmungsfaktoren, welche die konkrete Ausgestaltung von Vaterschaftskonzepten und das konkrete Modell der Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Vätern beeinflussen. Und gerade hier sehen sich aktive Väter nach wie vor mit massiven Hindernissen konfrontiert. Von den vom IAIZ im Rahmen seiner Studie "Auch Männer haben ein Vereinbarkeitsproblem" befragten Vätern nannten durchweg alle als zentrales Hindernis für mehr familiales Engagement die vorherrschende "Anwesenheitskultur".[27] Leistung und Loyalität mit dem Betrieb werden noch weitgehend mit der physischen Präsenz am Arbeitsplatz gleichgesetzt, Familienarbeit hat in dieser Kultur keinen Stellenwert.

Diese Ergebnisse decken sich mit den Ergebnissen einer amerikanischen Studie, die in einem Unternehmen durchgeführt wurde, das sich durch besondere familienfreundliche Angebote auszeichnet. Diese werden jedoch kaum von den Beschäftigten in Anspruch genommen: "Nur drei Prozent der Beschäftigten mit Kindern von 13 Jahren und jünger arbeiteten Teilzeit. Ein Prozent machte Job Sharing. Ein Prozent nutzte die Möglichkeit des flexiblen Arbeitsplatzes. Ein Drittel der berufstätigen Eltern machte Gebrauch von flexiblen Arbeitszeiten, aber viele arrangierten nur einen unveränderten Neun- oder Zehnstundentag um ihre übrigen Alltagstermine herum. Ein paar junge Väter hatten sich informell beurlauben lassen, aber im ganzen Unternehmen gab es nur einen Mann, der ganz offiziell im Elternurlaub war. Ich stand vor einem Rätsel."[28] Als Ursache für diese Situation verweist auch Arlie Hochschild auf die vorherrschende Anwesenheitskultur, als deren Träger insbesondere die - männlichen und weiblichen - Führungskräfte gesehen werden können. Diese bewerten Kinderbetreuung als Frauenarbeit - wie es in einer Aussage eines interviewten Mannes deutlich wird: "Sie (die Führungskräfte; PD) brachten Vaterschaftsurlaub nicht mit Vaterschaft in Verbindung (...) Frauen bringen Babies zu Welt, also sind Babies Frauensache."[29] In diesem Sinne zeigen dann auch alle vorliegenden Studien, dass Väter vor allem aus beruflichen Gründen Elternzeit-Angebote nicht in Anspruche nehmen - selbst im als besonders familien- und väterfreundlich geltenden Schweden.[30] So geben auch hier 46 Prozent der im Rahmen des Eurobarometers befragten Männer als Grund für die Nicht-Inanspruchnahme der Elternzeit die berufliche Karriere an.[31]

Diese betriebliche Situation verdichtet sich bei Vätern in einem spezifischen Vereinbarkeitsproblem: Aus beruflichen und finanziellen Gründen sehen sie sich nicht in der Lage, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, wollen sich aber trotzdem aktiv mit ihren Kinder beschäftigen und sind in der Familie präsent: 97 Prozent derjenigen Männer, die mit kleinen Kindern im Alter bis zu drei Jahren in einem Haushalt leben, bringen täglich im Durchschnitt 238 Minuten für Haus- und Familienarbeit auf.[32] Männer, die mit Kindern unter sechs Jahren in einer Partnerschaft leben, haben ihren Zeitaufwand für die Kinderbetreuung in den vergangenen zehn Jahren sogar um knapp eine Stunde in der Woche erhöht.[33] Die für die Haus- und Familienarbeit bzw. die Kinderbereuung erforderliche zusätzliche Zeit stammt bei den Vätern dann aus dem Freizeitbugdet.

Fußnoten

17.
Vgl. ebd., S. 65ff.
18.
Vgl. Michael Matzner, Vaterschaft aus der Sicht von Vätern, Wiesbaden 2004, S. 437ff.
19.
Wassilios Fthenakis/Beate Minsel, Die Rolle des Vaters in der Familie. Zusammenfassung des Forschungsberichts, Berlin 2001, S. 9.
20.
Vgl. W. Fthenakis/B. Minsel (Anm. 16), S. 124f.
21.
Vgl. M. Matzner (Anm. 18), S. 441.
22.
Virginia Satir, Kommunikation - Selbstwert - Kongruenz. Konzepte und Perspektiven familientherapeutischer Praxis, Paderborn 2004(7), S. 179f.
23.
Vgl. Peter Döge, Männer - Paschas und Nestflüchter? Zeitverwendung von Männern in der Bundesrepublik Deutschland, Leverkusen-Opladen 2006, S. 76ff.
24.
Vgl. Laszlo A. Vaskovics/Harald Rost, Väter und Erziehungsurlaub, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 179, Stuttgart 1999.
25.
Vgl. Petra Beckmann, Neue Väter braucht das Land! Wie stehen die Chancen für eine stärkere Beteilgung der Männer am Erziehungsurlaub?, IAB Werkstattbericht, (2001) 6, S. 5.
26.
Ebd., S. 6.
27.
Peter Döge/Cornelia Behnke, Auch Männer haben ein Vereinbarkeitsproblem, IAIZ-Schriften Band 3, Berlin 2005.
28.
Arlie Hochschild, Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet, Opladen 2002, S. xxvi.
29.
Ebd., S. 132.
30.
Vgl. Linda Haas/Philip Hwang, Programs and Policies Promoting Women's Economic Equality and Men's Sharing of Child Care in Sweden, in: dies./Graeme Russell (Hrsg.), Organizational Change and Gender Equality. International Perspectives on Fathers and Mothers at the Workplace, Thousand Oaks-London-New Delhi 2000, S. 133 - 161.
31.
Vgl. European Commission, European's attitudes to parental leave, Special Eurobarometer 189 Wave 59.1, o. O. 2004, S. 20.
32.
Vgl. Peter Döge/Rainer Volz, Männer - weder Paschas noch Nestflüchter. Aspekte der Zeitverwendung von Männern nach den Daten der Zeitbudgetstudie 2001/2002 des Statistischen Bundesamtes, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2004) 46, S. 13 - 23.
33.
Vgl. P. Döge (Anm. 23), S. 60 ff.