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16.1.2007 | Von:
Peter Imbusch
Dieter Rucht

Wirtschaftseliten und ihre gesellschaftliche Verantwortung

Wirtschafteliten werden zunehmend negativ bewertet. Sie reagieren darauf teils mit Indifferenz, teils mit symbolischen Maßnahmen, teils aber auch mit realem Engagement. Dem liegt allerdings ein historisch gewandeltes Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung zugrunde.

Einleitung

Die Wirtschaftseliten stehen in der Kritik. In der Öffentlichkeit ist immer häufiger die Rede davon, dass sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nachkämen und es nicht mehr sozial gerecht zugehe. Beklagt werden ein "Heuschreckenkapitalismus", die Gier nach Maximierung des Shareholder Value, ja sogar "unpatriotische Verhaltensweisen".

Manager verkünden hohe Gewinne und kündigen gleichzeitig Massenentlassungen an; sie verlagern Produktionsstätten ins Ausland und nehmen dabei Steuervorteile wahr; sie heben ihre Bezüge kräftig an, während das Lohnniveau der Masse der Bevölkerung seit Jahren stagniert oder sogar rückläufig ist. Das legendäre Victory-Zeichen, das Josef Ackermann von der Deutschen Bank im Vorfeld eines Gerichtsverfahrens der versammelten Presse darbot, ist zu einem Symbol für siegesgewisse Arroganz geworden. Das Bild des paternalistischen, sich um sein soziales Umfeld sorgenden Unternehmers, das gerade in Deutschland eine - freilich nur begrenzte - Leitfunktion hatte, ist dem des "kalten" Managers gewichen, der unter dem unerbittlichen Konkurrenzdruck Sachzwänge exekutiert.

Im Gegensatz zu diesem Negativbild stehen emphatische Bekenntnisse aus Wirtschaftskreisen zu Corporate Citizenship, Corporate Social Responsibility, nachhaltigen Wachstumsstrategien, umwelt- und sozialverträglichen Regelungen und der Wahrung von Stakeholder-Interessen.[1] In vielen Selbstdarstellungen feiern sich die Wirtschaftseliten als gesellschaftlich verantwortlich handelndeAkteure. So erweckt beispielsweise das World Economic Forum in Davos streckenweise den Eindruck, es handle sich um eine philanthropische Vereinigung.

Was bleibt jenseits platter Diffamierung und schönfärberischer Phrasen? Wie sehen die Wirtschaftseliten ihre gesellschaftliche Verantwortung in einem konkreteren Sinne und wie definieren sie ihre eigene Rolle? Welche gesellschaftlichen Leitbilder vertreten sie? Und am wichtigsten: Wie und in welchem Umfang nehmen Wirtschaftseliten gesellschaftliche Verantwortung wahr? Diesen Fragen sind wir im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts nachgegangen, das sich auf Wirtschaftseliten in Deutschland bezog.[2] Im Folgenden präsentieren wir einige unserer Ergebnisse, wobei wir verstärkt das Themenfeld Arbeit berücksichtigen werden.[3]

Fußnoten

1.
Die Fülle derartiger Initiativen und damit verbundener Einrichtungen, Veranstaltungen, Broschüren und Berichte ist kaum mehr überschaubar. Corporate Social Responsibility ist zu einer eigenen "Wachstumsindustrie" geworden, einschließlich eigener Zeitschriften (z.B. das Journal of Corporate Citizenship und das Forum Wirtschaftsethik). Zur Entwicklung des Konzepts seit den 1950er Jahren vgl. Archie B. Carroll, Corporate Social Responsibility. Evolution of a Definitional Construct, in: Business & Society, 38 (1999), S. 268 - 295; siehe auch Josef Wieland/Walter Conradi (Hrsg.), Corporate Citizenship. Gesellschaftliches Engagement - unternehmerischer Nutzen, Marburg 2002; York Lunau/Florian Wettstein, Die soziale Verantwortung der Wirtschaft. Was Bürger von Unternehmen erwarten, Bern 2004.
2.
Die Überlegungen dieses Beitrags gehen auf das Forschungsprojekt "Wirtschaftseliten zwischen Globalisierungsdruck und gesellschaftlicher Verantwortung" zurück, das von 2002 bis 2005 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als Teil des Bielefelder Forschungsverbundes "Desintegrationsprozesse" gefördert wurde. Neben den beiden Autoren als Leitern des Projekts waren als wissenschaftliche Mitarbeiter Annette von Alemann und Christian Galonska beteiligt. Ihnen danken wir für ihre Beiträge, die auch in den vorliegenden Aufsatz eingeflossen sind.
3.
Unsere Untersuchung basiert auf einer quantitativen und qualitativen Inhaltsanalyse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung, weiterhin zweier Zeitschriften führender Wirtschaftsverbände (Bundesverband der Deutschen Industrie, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) und sonstiger Materialien der Wirtschaft, auf 50 Interviews mit hochrangigen Vertretern der Wirtschaftselite sowie einigen zusätzlichen Expertengesprächen, schließlich auf einer Reihe thematisch begrenzter Fallstudien, in denen unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme von Wirtschaftsakteuren im Mittelpunkt stehen. Vgl. Dieter Rucht/Peter Imbusch/Annette von Alemann/Christian Galonska, Über die gesellschaftliche Verantwortung deutscher Wirtschaftseliten. Vom Paternalismus zur Imagepflege? Wiesbaden (i. E.); Peter Imbusch/Dieter Rucht (Hrsg.), "Ohne Druck bewegt sich nichts" - Fallstudien zur gesellschaftlichen Verantwortung von Eliten, Wiesbaden (i.E.).