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21.12.2006 | Von:
Matthias Biskupek

Gibt es einen spezifischen Ost-Patriotismus?

Mein amerikanischer Patriotismus

"Sally Bleistift in Amerika" hieß eines meiner Kinderbücher.[2] Ich verschlang es, weil die vielen guten, klugen und witzigen Amerikaner gegen ein paar Böse gewannen. "Mein Bruder Hans und seine Freunde" hingegen, aus einem anderen Kinderbuch,[3] wollten imamerikanischen Sektor Berlins Anfang der Fünfziger nur friedlich für die Einheit Deutschlands demonstrieren, wurden aber von Westberliner Stupos, den Stumm-Polizisten, erbarmungslos zusammengeknüppelt. Ein US-Girl, das eigentlich hübsch war, zermalmte gelangweilt Kaugummi, stand auf Seiten der Bösen, also der Westpolizisten, und war folglich überhaupt nicht mehr hübsch. Gelangweiltes Kaugummikauen - mit solch trübem Lebensinhalt war man unserer fortschrittlich-patriotischen Gesellschaftsordnung natürlich unterlegen. Kein Wunder, dass der amerikanische Spion Powers mit seiner U 2 bei uns, also über der Sowjetunion, abgeschossen wurde. Letztlich war das die Quittung dafür, dass man in den USA erst Sacco und Vanzetti und dann Ethel und Julius Rosenberg hingerichtet hatte. Hingegen waren die handelnden Jugendlichen in meinem Englisch-Lehrbuch für die achte Klasse Mitglieder der Young Communist League in New York und wollten ständig go on strike: Nach Ansicht der Lehrbuchmacher wahre Patrioten ihres Landes.

Ein gutes Jahrzehnt später war ich im Land unseres damaligen Großen Bruders. In Odessa Schrägstrich Sowjetunion. Von den russischsprachigen Einheimischen wurde mir, während die schon erwähnte Fußball-Weltmeisterschaft tobte, der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus so erklärt: Patrioten sind die Verfechter und Anhänger eines großen Landes, zum Beispiel der Sowjetunion. Oder auch der USA. Nationalisten hingegen brüllen für kleine, unselbständige Länder, zum Beispiel Estland oder Armenien. Die DDR war in deren Augen wohl ein kleines, unselbständiges Land.

In Odessa traf ich dann meine ersten echten patriotischen Amerikaner; Seeleute, deren Schiff die Ladung nicht gelöscht bekam und die derweil in unserem Jugend-Hotel hausten. Endlich war Englisch am lebenden Objekt einsetzbar. Es funktionierte erstaunlich gut. Tief grub sich mir die Antwort eines der Seebären auf meine Frage nach seinem Hobby ein: Mei Haabi is tu meek Maani! Ahm an Pattriot! Ich war begeistert, wie großartig Amerikaner das Amerikanisch sprachen und ins Klischee passten, und er war begeistert, weil ich mit diesen komischen Russen reden konnte und trotzdem amerikanische Songs kannte.

Und wo immer ich später auf durch die DDR bummelnde US-Bürger traf, waren es prima Kumpels, wunderbare Schwestern, good guys; sie hatten Humor und kannten alle Hits, die wir auch kannten. Woodstock und Janis Joplin; die Astronauten und Martin Luther King; Jane Fonda und Harry Belafonte: We shall overcome. Das war der wichtigste patriotische Song eines durchschnittlich-braven DDR-Bürgers.

Als ich 1991 zum ersten Mal in Baltimore US-Boden betrat, merkte ich, dass alle Klischees stimmten: schaurig dünner Kaffee, Geschichtskenntnisse wie Klein McDonald, Dollar ist der Beste; mein Herz schlägt für mein Land. Und ich merkte, dass es zu jedem Klischee ein Gegenbeispiel gab. An der Universität Madison/Wisconsin waren die Alt-68er viel authentischere Alt-68er als in München. Die Unterwelt in Houston, klimatisierte Wandelgänge, war die kühle, saubere, elegante Welt der Schönen und Reichen - oben hockten nur Chicanos und Schwarze in der Hitze und dösten. Die oben waren unten und die unten waren oben. Und Texas war das Land mit der guten, sauberen Todesstrafe, das gegen bösen, außerehelichen Sittenverfall kämpft. Ach Amerika, mit Deinen koketten Schwestern und Brüdern, die zu Übertreibung und Humor neigen: Immer schlägt Euer Herz für Euer Land.

Und warum schlug in Deutschland und vor allem in jener DDR deutscher Nation mein Herz so unpatriotisch? Wer in einem kleinen, engen Land mit dem Buchstaben-Stotternamen DDR aufwächst, der wird schwer zum Patrioten werden. Vielleicht bleibt er für Angehörige großer Nationen immer und ewig Nationalist, wie ein Estländer oder Armenier?

Fußnoten

2.
Auguste Lazar, Sally Bleistift in Amerika, Berlin 1958.
3.
Adolf Görtz, Mein Bruder Hans und seine Freunde, Berlin 1954.