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21.12.2006 | Von:
Matthias Biskupek

Gibt es einen spezifischen Ost-Patriotismus?

Wo kommen wir her? Voll Stolz? Voll Scham?

Der DDR-Bürger machte als Repräsentant seines Landes früh spezifische Auslandserfahrungen. Natürlich ganz andere als jene Bewohnerinnen und Bewohner der ehemaligen Bundesrepublik, die in den fünfziger Jahren auszogen, Reiseweltmeister zu werden.

Hier soll ein Einschub verdeutlichen, dassder Sprachgebrauch "ehemalige DDR" schlicht falsch ist, während "ehemalige BRD" zur Klärung beitrüge. Die DDR gibt es nicht mehr, wie das Mittelalter und die Kaiserzeit. Keiner käme also auf die Idee, vom "ehemaligen Mittelalter" zu reden. Hingegen gibt es wirklich eine zeitgenössische BRD - die von heute, von der Oder bis zum Rhein - und eine "ehemalige BRD" - das Land, das bis 1990 eine Ständige Vertretung in jenem Land hatte, das sich als antiimperialistisches Bollwerk gegen den Kapitalismus verstand.

Zurück zu getrenntdeutschen Reise-Zeiten. Fuhr ein DDR-Bürger in ihm zugängliches Ausland, vom Goldenen Strand Bulgariens bis zu den Schneehängen Zakopanes, so war er dort Negativ-Auslese. Es gab Deutschsprachige mit richtigem Geld - und es gab ihn. Er definierte sich nicht, wie andere Völker, über Sprache (deutsch), Gebräuche (Biertrinken) und Sitten (Pünktlichkeit), sondern allein über die Währung. Wenn dies vielleicht keinen spezifischen Patriotismus nach sich zog, so doch ein bis heute nachwirkendes Gemeinschaftsgefühl von Rügen bis zum Vogtland: Du warst doch auch einer, der früher am Urlauber-Katzentisch hocken musste, während die Bundis - Westdeutsche hießen damals Bundis - alles bis zum Abwinken für paar Westpfennige bekamen.

Fehlendes oder vorhandenes Gemeinschaftsgefühl ist übrigens bis heute in Kabaretts hörbar. Um Anspielungen zu verstehen, müssen beide Seiten über einen gemeinsamen Erfahrungshorizont verfügen - die auf der Bühne und die im Publikum. Die Politik der Großen Koalition und die Geliebten Dieter Bohlens sind allen von Hamburg bis Dresden klar; werden aber Vergangenheitsgeschichten erzählt, spaltet sich das Publikum - nicht nur von den politischen Ansichten her, sondern auch von der Fähigkeit, assoziieren und folglich verstehen zu können. Es fällt bis heute Ostlern leichter, alte Geschichten der ehemaligen BRD zu verstehen, als Westlern, die Besonderheiten ostdeutscher Sprachgebung, vom "ABV" über "Kreisleitung" bis zur "Messe der Meister von Morgen" zu begreifen.[6] Der eine Teil guckte allabendlich in den anderen Teil - der andere Teil war mit sich und eigenen Fernsehprogrammen beschäftigt.

Andererseits ist es in der heutigen Gesellschaft oft nötig, Herkunft zu verschleiern. Das Sächsische hört man in westdeutschen und westdeutsch geleiteten Betrieben - die übergroße Mehrheit - nicht gern als Offizialsprache. So werden extra Sprachkurse angeboten, um nicht nur die verräterische mitteldeutsche Sprachfärbung auszumerzen, sondern auch alle Wendungen, die auf eine DDR-Sozialisation hindeuten, zu eliminieren. Man sollte aufs Gymnasium gegangen sein - nicht zur Erweiterten Oberschule. Sprachregelungen gehen so weit, dass es statt Tischlern und Klempnern nur die eigentlich allein im süddeutschen Sprachraum üblichen Schreiner und Spengler in ostdeutschen Handwerksrollen gibt. Zur Vorsicht lädt man sich nicht mehr, wie es korrekt hieße, zu Ostern und zu Weihnachten ein, sondern an Ostern und an Weihnachten. Als Nutzer solcher Wendungen kommt der Sprecher, wie er suggerieren will, auf keinen Fall aus Deutschlands Osten. Keinem leitenden Menschen im Mitteldeutschen Rundfunk würde es einfallen, sein Hessisch oder Fränkisch zu unterdrücken; von Ost-Mitarbeitern wird das im Westen aber sehr wohl erwartet. Statt stolz auf seine Herkunft zu sein - wofür man ohnehin nie etwas kann -, schämt sich der Ostmensch. Und kettet sich so noch nach Jahren auf spezifische Weise an seinen zu Recht dahingegangenen Staat.

Fußnoten

6.
Matthias Biskupek, Kleines DDR-Lexikon. Von Haushaltstag bis Reisekader, München 2006.