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21.12.2006 | Von:
Matthias Biskupek

Gibt es einen spezifischen Ost-Patriotismus?

Die Vorurteile der Gegenwart

Vor einem guten Jahr erregte ein Buch deutsch-deutsches Denken. Der Publizist Landolf Scherzer hatte von einer Zeitung den Auftrag bekommen, die einst innerdeutsche Grenze zwischen Thüringen und Bayern bzw. Hessen zu beschreiben. Scherzer wandert als "Der Grenz-Gänger"[7] fürbass von Gräfenthal bis Philippsthal und findet heraus, was Einheitsfeierredner ärgern könnte: Nicht nur zwischen Älteren gibt es Vorurteile beidseits der Grenze - die haben sich oft abgeschliffen oder sind zu anekdotisch-humoristischem Gemeingut geworden. Doch Jüngere stehen sich bisweilen unversöhnlich gegenüber. In Schulen in Sonneberg-Köppelsdorf (Ost) und Neustadt (West) lässt Scherzer Fragebögen verteilen, bekommt je ein halbes Hundert von beiden Schulen zurück[8] und erhält ein erschreckendes Bild gegenseitigen Nichtverstehens und blanken Hasses: "Aus einer gemeinsamen Vergangenheit entwickelt sich eine Solidarität der Ostdeutschen (...). Wenn ich an Neustadt denke, fallen mir spontan wichtige, immer beschäftigte Menschen ein, die für niemanden sonst Zeit haben (...). Nein, ich möchte keine Vereinigung zwischen Neustadt und Sonneberg."[9] Oder: "Ich möchte in Neustadt bleiben, weil Ossis Scheiße sind."[10] Oder: "Ich möchte einen Freund aus Neustadt, weil mein Daddy nicht so gern Ossis mag."[11]

Scherzer, der offensichtlich an Harmoniesucht leidet, findet dennoch unter solchen niederschmetternden Meinungen immer wieder Verbindendes heraus und versucht, bei allen auch ihn erschreckenden Vorurteilen ein Zukunftsbild zu zeichnen, das die im guten Sinne patriotische Liedzeile vom "Deutschland, einig Vaterland" zur Realität lassen werden könnte.

Ganz anders las das Buch der aus Hessen zugewanderte Meininger Journalist Hans-Joachim Föller. In einem halben Dutzend Zeitungen, darunter der "Süddeutschen Zeitung", lässt er seine Meinung als Rezension drucken, beginnend im Berliner "Tagesspiegel":[12] "Scherzer (...) arbeitet mit verfälschten, irreführenden und erfundenen Zitaten und konstruiert ein Zerrbild von den wirklichen Verhältnissen." Vor allem die fast wortgleichen Beiträge ein und desselben Autors in so vielen Blättern Deutschlands wundern den durch eine zentralistische DDR-Zeitungslandschaft vielleicht übersensibel gewordenen Autor dieses Beitrages, also mich, wie man in der DDR sagte, ganz persönlich.[13]

Es entwickelt sich ein veritabler Streit in weiteren Medien mit Anrufung des Presserats und vielerlei Nachschlägen.[14] Der Stadtrodaer Publizist Udo Scheer schließlich nimmt sich der Sache und vor allem Föllers Darstellungen im "Deutschland Archiv"[15] an und spricht von einer "Rufmord-Kampagne" gegen Föller und "linken Medien-Seilschaften". Wer Struktur und die Besitzverhältnisse der großen Regionalzeitungen besonders im Osten Deutschlands kennt, wird "linke Medien-Seilschaften" kaum finden können.

Fußnoten

7.
Landolf Scherzer, Der Grenz-Gänger, Berlin 2005.
8.
Vgl. ebd., S. 132 ff.
9.
Ebd., S. 141.
10.
Ebd., S. 140.
11.
Ebd., S. 139.
12.
Hans-Joachim Föller, Verzerrung als Prinzip, in: Der Tagespiegel vom 12. 12. 2005.
13.
Vgl. Matthias Biskupek, Der zentralistische Ideologe, in: OSSIETZKY. Zweiwochenschrift für Politik und Kultur, 9 (2006) 6, S. 229ff.
14.
Vgl. Pressekrieg um Landolf Scherzer, Ein Lehrstück in bisher fünf Bataillen, PALMBAUM. Literarisches Journal aus Thüringen, 9 (2006) 2, S. 184ff.
15.
Udo Scheer, Thüringer Kulturstreit - Ein "Grenz"-Provokateur und ein Bilderstreit (...), in: Deutschland Archiv, 39 (2006) 5, S. 775ff.