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21.12.2006 | Von:
Matthias Biskupek

Gibt es einen spezifischen Ost-Patriotismus?

Unsterbliches gestanztes Sprachgut

Wir versuchen nun doch noch eine Definition des spezifischen Ost-Patriotismus und registrieren sein Vorkommen in sprachlichen Spurenelementen. Da wir als Deutsche den Patriotismus als Vaterlandsliebe definieren sollten, ist er als Ost-Patriotismus unerklärlich: Mein Vater kam aus Schlesien, die Väter meiner Altersgefährten aus Pommern, dem Rheinland und sogar aus unserem sächsischen Wohnort. Wenn wir den Verfassungspatriotismus als konstituierend annähmen: Eine Ost-Verfassung gibt es nicht, und eine DDR-Verfassung kennen jene Leute, die sich womöglich als Ost-Patrioten bezeichnen, gewiss nicht. Bliebe die Verbundenheit zu einer Geschichte, einer Sozialisation, einer Landschaft, in der man aufgewachsen ist - die ist beim Bayern nicht anders als beim Dänen, mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Von nachwirkenden Verstrickungen ins Land der Kindheit, der Jugend, der Berufsfindung und vor allem des Umbruchs ist in den vorliegenden Abschnitten gesprochen worden, sogar von jenen Nachwirkungen, die Schriftsteller am meisten interessieren: sprachlichen.

Diese Besonderheit soll etwas ausgeführt werden: Sprach- und Denkmuster der DDR kehren auf neue Weise wieder. Genau dort, wo man sie nicht vermutet: bei Kritikern jeglichen DDR-Geistes, der grundsätzlich nur als Ungeist bezeichnet wird.

Die Argumentation von Hans-Joachim Föller gegen Scherzers "Grenz-Gänger" gipfelt denn auch darin, Scherzer habe ein "verzerrtes Weltbild". "Verzerrtes Weltbild" war ein Lieblings-Totschlagwort der DDR-Nomenklatur gegen missliebige Künstler. Ein "verbindliches Weltbild", wie es bei der Debatte um eine ausgesonderte Werner-Tübke-Graphik im Thüringer Landtag von der Stasi-Beauftragten Hildigund Neubert gefordert wurde,[16] hatte die DDR ebenfalls. Auch bei anderen Debatten kann man in ostdeutschen Lokalzeitungen oft von "Schergen des SED-Systems" lesen, von denen man "eingekerkert wurde und bestialisch gefoltert". Oder: "Ich protestiere gegen diese Hetze und die öffentlich verbreitete Herabsetzung unserer Landtagspräsidentin."[17]

"Öffentliche Herabwürdigung" der DDR-Staatsführung galt als schlimmstes Vergehen westlicher Korrespondenten. Wie kommt dieser Ausdruck in die Sprache bekennender Demokraten? So gibt es eine sprachliche Allianz von Leuten, die gleichermaßen ausrufen: Die Welt ist so, wie wir sie anordnen! Das sind zum einen SED-Parteigänger, die sich im Nachhinein die DDR aufhübschen, zum andern Blockparteifreunde, die 1989 schon am Vormittag ihren Widerstandskampf entdeckten. Beide beschwören: Es muss doch ein verbindliches Weltbild geben! Wenn dies aber Ausdruck von Ost-Patriotismus ist, sollten wir die eingangs gestellte Frage so beantworten: Nein!




Richtigstellung

In APuZ 1-2/2007 schreibt Matthias Biskupek auf S.18, die Argumentation des Journalisten Hans-Joachim Föller gegen Landolf Scherzers Buch "Der Grenz-Gänger" gipfele in dem Vorwurf, Scherzer habe ein "verzerrtes Weltbild". Das Zitat ist falsch. Diesen Begriff hat Föller in seinen Besprechungen des Buches nicht verwendet. Auf Seite 17 findet sich das korrekte Zitat aus Föllers Rezension im "Tagesspiegel": "Scherzer (...) arbeitet mit verfälschten, irreführenden und erfundenen Zitaten und konstruiert ein Zerrbild von den wirklichen Verhältnissen." Die Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Hildigund Neubert, legt Wert auf die Feststellung, dass sie im Rahmen einer Ausstellung im Thüringer Landtag, aus der eine Werner-Tübke-Graphik entfernt worden ist, kein "verbindliches Weltbild" gefordert habe, wie von Biskupek behauptet wird. Eine solche Forderung habe sie auch anderen Orts nicht erhoben.

Die Redaktion

Fußnoten

16.
Vgl. Matthias Biskupek, Die alte Sprache der neuen Rechthaber, in: Freitag vom 4. 8. 2006, S. 6.
17.
Lesermeinungen in "Ostthüringer Zeitung" und "Thüringische Landeszeitung" vom August 2006.